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TU Dresden will das Lehrerstudium reformieren

Von David Selbach
Die Lehrerausbildung in Deutschland gilt als theorielastig. Angehende Mathematiklehrer beschäftigen sich meist nur zum Ende ihres Studiums mit der Frage, wie man Schülern Dreisatz und Differenzialrechnung beibringt. Das will ein Didaktik-Experte der TU Dresden ändern.
DRESDEN. Viele erleben echten Unterricht erst im Referendariat. ?Man merkt erst spät, dass man besser nicht Lehrer geworden wäre?, sagt Steffen Friedrich, Geschäftsführer des Zentrums für Lehrerbildung an der TU Dresden. Deshalb hat er ein Konzept präsentiert, das die Lehrerausbildung auf den Kopf stellt: Studenten sollen nach dem Dresdner Modell zuerst ein dreijähriges pädagogisches Allround-Studium absolvieren, das mit dem Bachelor-Abschluss endet. Drei Pflichtpraktika in Schulen sollen die Jung-Pädagogen von Anfang an mit der Praxis vertraut machen. Danach können sie sich für einen zweijährigen Lehramt-Master entscheiden ? oder dagegen und ihre Fächer als Wissenschaftler weiterverfolgen.?Die Studenten haben genug Zeit herauszufinden, ob der Beruf etwas für sie ist?, sagt Friedrich. ?Ein Mathelehrer muss ja in erster Linie ein guter Lehrer sein - und nicht nur Mathematiker.? Derzeit konzipieren die Dresdner den Lehrplan für die Lehrerausbildung, der Kultusminister muss das Modell noch genehmigen.

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Friedrich sieht dafür gute Chancen: Die Mehrheit der Bundesländer hat bereits Bachelor- und Master-Studien für Lehrer aufgelegt. Fachleute bescheinigen der TU Dresden eines der fortschrittlichsten Modelle. ?Das könnte ich mir gut als Vorbild auch für andere vorstellen?, sagt Gerd Köhler. Er ist Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und dort zuständig für Lehrerbildung. Bisher hatte sich die GEW stets kritisch zum Bachelor- und Master-Studium für Lehrer geäußert. Vor allem warnen die Gewerkschafter davor, ?Assistenzlehrer? mit Bachelor-Abschluss an die Schulen zu lassen: ?Das führt zu einem Zweiklassen-System?, sagt Köhler.Der GEW-Mann lobt am Dresdner Modell deshalb ausdrücklich, dass der Bachelor nur zur Vorbereitung des Lehramt-Masters dient. ?Ein reiner BA reicht eben nicht. Unsere Lehrer müssen eher länger als kürzer ausgebildet werden - vor allem für die Grundschule.?Rainer Domisch hält den Vorschlag ebenfalls für ?wegweisend?. Der Lehrer aus Schwäbisch-Hall macht seit elf Jahren die Lehrpläne für Deutsch im Schulministerium in Finnland, eines der bestplatzierten Länder der Pisa-Studie. Er gilt als exzellenter Kenner des deutschen genauso wie des finnischen Schulsystems. ?Die Ausbildung von Lehrern in Deutschland ist zu losgelöst von der Praxis?, sagt Domisch. Im Pisa-Musterstaat Finnland sei das Referendariat längst abgeschafft. Im hohen Norden durchlaufen alle Nachwuchslehrer ? ähnlich wie in Dresden geplant ? ein pädagogisches Grundstudium. In einer rigorosen Aufnahmeprüfung müssen sie schließlich beweisen, dass sie das Zeug zum Lehrer haben, etwa, indem sie ein pädagogisches Hauptwerk auf einer DIN-A4-Seite zusammenfassen. Das ist zwar nicht sehr wissenschaftlich, räumt Schulexperte Domisch ein: ?Aber ein Lehrer sollte es auf jeden Fall können.?
Dieser Artikel ist erschienen am 21.10.2005