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Trutzburg in Zug

Axel Postinett
Norbert Stangl fiel einst unter die Rubrik Vorzeigegründer. Doch nun ist sein Unternehmen Clickandbuy in Gefahr, im Streit zwischen ihm und seinen Investoren zerrieben zu werden.
ZUG. Zürich im Regen. Trostlos. Norbert Stangl wartet in der Ankunftshalle des Züricher Flughafens, einen Schokoriegel in der Hand ? Nervennahrung. Die kann der Gründer des Internetzahldienstes Clickandbuy gut brauchen. Der Anfangvierziger mit der markanten Brille liegt im erbitterten Streit mit seinen Investoren: eine Schlammschlacht, wie sie die deutsche Web-Branche selten erlebt hat.Stangl gehört zum Urgestein der deutschen Computer-Szene. Nach dem Studium lernte er beim PC-Händler Escom. Dann ein Wechsel als Geschäftsführer zu United Internet, 1997 gründet er den Webhostingdienst Strato, der Internetseiten für andere verwaltet. 1999 macht ihn der Verkauf an die Teles AG zum vermögenden Mann.

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Wieder ein Jahr später gründet er die Firstgate Internet AG in Köln, die heutige Clickandbuy. Sie soll E-Commerce sicherer machen: Kunden melden sich und können dann bei 7 000 Web-Angeboten einkaufen, ohne jedes Mal ihre Kreditkartendaten einzutippen. Gleichzeitig soll so Micro-Payment, das Abrechnen geringster Beträge, rentabel werden.Allerdings: Die Zahl der Gratis-Angebote im Netz steigt, Abos mag kaum jemand abschließen. Und als Dienstleister im Online-Handel mit physischen Waren engagiert sich Clickandbuy spät. Dort macht sich schon die Ebay-Tochter Paypal breit. Deren Dienste kann jeder nutzen, um Waren zu verkaufen ? nicht nur Firmen.Stangl holt sich Investoren ins Boot: Anfang 2006 steigt das Private-Equity-Unternehmen 3i ein, ein halbes Jahr kommt T-Online Venture hinzu, wieder ein halbes Jahr später Intel Capital. Heute hält 3i 25 Prozent an Clickandbuy, T-Online zehn und Intel knapp unter zehn. Glücklich werden sie nicht: In diesem Jahr wird Clickandbuy seinen Umsatz zwar auf 240 Millionen Euro verdoppeln, doch auch einen Verlust im einstelligen Millionenbereich verzeichnen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die verhärteten Fronten überraschen auch Außenstehende.Ein angekündigter Börsengang im kommenden Jahr rückt in weite Ferne ? die Investoren kochen: Unter Stangl laufe es nicht, ein Neuanfang müsse her. Und der Gründer? Sagt, er solle aus dem Unternehmen gedrängt werden.Doch so einfach geht das nicht, denn die Rechtslage ist verwirrend. Stangl, gleichzeitig Chief Executive Officer (CEO), Verwaltungsratschef und größter Einzelaktionär, kann jeden neuen Chef noch über Jahre juristisch blockieren. Das hat er sich vertraglich zusichern lassen. Ein Frankfurter Private-Equity-Spezialist, der nicht genannt werden möchte, schüttelt den Kopf: ?So eine Klausel habe ich noch nicht gesehen.?Im Kölner Verwaltungsgebäude von Clickandbuy sind Wachleute aufmarschiert, Stangl ist nicht mehr erwünscht. Es geht drunter und drüber. Interims-Geschäftsführer werden angekündigt und wieder dementiert, Stangl bezeichnet in internen Firmen-E-Mails Teile des Vorstands als Rebellen, die ihn zusammen mit den Investoren schlicht ausbooten wollen. Er will sie alle abberufen lassen. Daraufhin präsentiert Vorstandsmitglied Rainer Schmitt eine E-Mail, in der Stangl ihm 15 Prozent Provision angeboten hat, wenn es Schmitt gelänge, bis Jahresende einen Investor zu finden, der für Stangls 30-Prozent-Paket zehn Millionen Euro zahlt. 3i hatten für 25 Prozent einst 20 Millionen gezahlt.Ja, sagt Stangl, die Mail existiert. Schmitt habe die Idee gehabt: ?Die sogenannte Option war damals nur dazu gedacht, einen ganz bestimmten Investor neugierig zu machen.? Und: ?Der Text und die Bedingungen sind genau gewählt, um einen Missbrauch zu verhindern. Wer meint, diese Option und die darin enthaltenen Bedingungen erfüllen zu können, kann selbstverständlich ein Angebot machen.? Aber eigentlich wolle er sich gar nicht von seinen Anteilen trennen.Die verhärteten Fronten überraschen auch Außenstehende, zum Beispiel Konstantin Urban, Chef des Kapitalgebers Holtzbrinck Networks, der wie das Handelsblatt zur Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört: ?Es ist erstaunlich, dass kein Kommunikationslevel darunter mehr gefunden werden konnte. Das passiert eigentlich kaum.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Sache geht ihm näher, als er zugeben willLokaltermin in der Trutzburg: im Büro der Clickandbuy-Mutter Firstgate Holding. Hier sitzt Verwaltungsratschef Stangl. Auf seinem Schreibtisch eine kleine Tonbadewanne, in der Dagobert Duck im Geld schwimmt. Nebenan das Zimmer von Finanzvorstand Frank Brinker. ?Vor kurzem war er noch mein Vermögensverwalter?, sagt Stangl verbittert über den alten Weggefährten, der nun auch ?gegen ihn? ist.Ein unterkühltes ?guten Tag?, dann schließen die beiden die Türen hinter sich. Bei jedem Wort merkt man, dass Stangl die Sache nähergeht, als er zugeben will: ?Ich mache das für mein Lebenswerk und die Mitarbeiter, die ich nicht enttäuschen will.? Andere schildern ihn im Tagesgeschäft als ruppig und kurz angebunden.Gegen einen neuen Vorstandschef habe er nichts, beteuert Stangl: ?Den möchte ich nur als Gründer und größter Aktionär mitbestimmen. Das ist vertraglich von allen Investoren mehrfach unterschrieben und zugesichert. ? Die Investoren verhielten sich vertragsbrüchig, hatten sie doch vermelden lassen, Jan Kantowsky vom Kapitalgeber Alix solle Interims-CEO werden. Stangl sagt, er habe davon aus der Presse erfahren.Bis alles geklärt ist, steht Stangl weiter jeden Montagmorgen auf dem Flughafen Kloten und wartet auf seinen Flieger nach Köln. Früher war er ein paar Mal im Monat drüben. Jetzt will er Präsenz zeigen, eine Lösung mit den Investoren suchen. Ob er künftig noch dabei sein wird? Stangl zuckt mit den Schultern.
Norbert Stangl1965
Er wird am 30. Mai in Koblenz geboren und macht eine Lehre als Industriekaufmann und studiert später Betriebswirtschaft an der FH Ludwigshafen. Er arbeitet drei Jahre lang als Marketingleiter beim Computerhersteller Escom.
1993
Norbert Stangl wird Geschäftsführer bei 1&1 (heute United Internet).
1997
Er gründet die Webhosting-Firma Strato Medien in Berlin und verkauft sie zwei Jahre später an die Teles AG.
1999
Er gründet die Firstgate Internet AG in Köln, die heutige Click & Buy.
2004
Er wird Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Muttergesellschaft Firstgate Holding, die ihren Sitz im Schweizer Zug hat .
Dieser Artikel ist erschienen am 06.12.2007