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Trüffelschwein für Immobilien

Business-Trips, selbst wenn sie in die spannendsten Metropolen der Welt gehen, sind eine ziemlich ernüchternde Erfahrung. Weil oft ein Termin den nächsten jagt, sehen viele Geschäftsreisende kaum mehr als Bürokomplexe, Flughäfen und Hotelzimmer. Nicht so Stephan Schanz...
Business-Trips, selbst wenn sie in die spannendsten Metropolen der Welt gehen, sind eine ziemlich ernüchternde Erfahrung. Weil oft ein Termin den nächsten jagt, sehen viele Geschäftsreisende von der Stadt, in der sie sich gerade aufhalten, kaum mehr sehen als Bürokomplexe, Flughäfen und Hotelzimmer.

Nicht so Stephan Schanz. Wenn der 29-Jährige im Auftrag seines Arbeitgebers, der Deutschen Gesellschaft für Immobilienfonds (Degi) unterwegs ist, gehört Sightseeing zu seinem Job. Dabei klappert er aber nicht eine Sehenswürdigkeit nach der anderen ab, sondern geht auch in Stadtteile, in die sich kaum ein Urlauber verirrt. "Ich laufe mit einer ganz anderen Brille durch eine Stadt als ein Tourist", erzählt der studierte Geograf. Als Marktanalyst für Immobilien ist es seine Aufgabe, einen Standort zu bewerten. Wie belebt ist ein Stadtteil? Welche Nutzungsarten herrschen vor? Wie gut ist die Anbindung an die nächste Autobahn? Ist eine ehemalige Schmuddelgegend vielleicht gerade im Aufwind?

Die besten Jobs von allen


Für eine große Studie über den Ostseeraum war Schanz in den vergangenen Monaten im russischen St. Petersburg, im lettischen Riga und im estnischen Tallinn. "Dort ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass in der Altstadt vor allem die finnischen Tages-Touristen einkehren, während die Esten selber in großen Shopping-Centern am Stadtrand einkaufen. Eine klassische Einkaufsmeile hat Tallinn nicht", sagt er. Natürlich muss sich Schanz nicht nur auf Eindrücke verlassen, sondern er recherchiert auch harte Fakten. "Ich treffe mich zum Beispiel mit Maklern vor Ort und verfolge die Entwicklung der Immobilienpreise."

Zwei Volkswirte, ein Betriebswirt und zwei weitere Geografen arbeiten zusammen mit Schanz in einem Team: "Das wir so interdisziplinär zusammengesetzt sind, ist ein großer Vorteil", sagt er, "so kann jeder seinen Blickwinkel einbringen." Alle Daten, die Schanz und seine Kollegen zusammentragen, fließen in ein Scoring ein. Daraus werden Empfehlungen abgeleitet, ob sich die Investition in einen Standort lohnt, wie hoch die zu erwartenden Renditen sind und wo die Risiken liegen. "St. Petersburg etwa ist ein sehr spannender Standort mit großem Potenzial. Jedoch gibt es dort immer noch viel Korruption, was Investitionen erschwert."

Schanz liebt an seinem Job vor allem, dass er so abwechslungsreich ist. Die große Ostsee-Studie ist gerade veröffentlicht worden. Derzeit analysiert er im Kundenauftrag Standorte in Moskau und - größer könnten die Gegensätze kaum sein - Mannheim. Auch wenn Schanz letztendlich nur Empfehlungen abgibt, geht es dabei immer um viel Geld. Das Investitionsvolumen der Projekte, die bei ihm auf dem Tisch landen, fängt bei etwa 20 Millionen Euro an. dfr
Dieser Artikel ist erschienen am 22.10.2007