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Trotzige One-Man-Show

Von Oliver Stock, Handelsblatt
Manager Peter Brabeck-Letmathe treibt den Nestlé-Konzern in immer neue Märkte. Aber die Investoren lässt dies kalt.
ZÜRICH. Wer Premium-Essen verkauft, darf nicht blass aussehen und erst recht keine Ringe unter den Augen haben. Peter Brabeck-Letmathe weiß das. Und deswegen tritt er so auf, dass es einer Journalistin, an der er auf einem Kongress vorbeidefiliert, entfährt: ?Das ist der schönste Manager der Schweiz.? Doch das stets gebräunte Gesicht des Nestlé-Chefs, der lächeln kann wie sonst nur ein Mr. Bond, hat um die schmalen Augen herum Fältchen bekommen.An seiner Arbeit bei Nestlé liegt das nicht, jedenfalls nicht direkt. Natürlich fordert so ein Konzern mit seinen mehr als 8 000 Marken den ganzen Mann. Nescafé will getrunken, Mövenpick-Eis gelutscht, Maggi geschlürft und Kit-Kat gegessen werden. Die Frage, ob dann aus Flaschen nachgespült wird, die streiklustige Perrier-Mitarbeiter gefüllt haben oder mit solchen von braven San-Pellegrino-Wasserwerkern, muss Brabeck nun wirklich keine Sorgenfalten ins Gesicht prägen. Beide Marken gehören zum Reich der Schweizer. Und Brabeck kennt das Geschäft an der Spitze seit mehr als sieben Jahren. Seit er die Aufgabe von Helmut Maucher übernommen hat, der Nestlé durch eine beispiellose Einkaufstour geformt hatte.

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Am Alter liegt es auch nicht, dass die Fältchen mehr werden. Zwar feiert der gebürtige Österreicher, der seinen Namen auf ein westfälisches Adelsgeschlecht zurückführen kann, in der nächsten Woche seinen 60. Geburtstag. Doch der groß gewachsene, schlanke Mann, der bei einem Konzern angestellt ist, der mit LC1 den ersten Gesundheitsdrink mixte, pflegt den Sport als Lebenselixier. Er marschierte durch den Hindukusch, als die Amerikaner noch nicht wussten, wo der liegt. Er hat die Sahara durchquert und dabei nicht dauernd an Speiseeis denken müssen. Und er hat Sechstausender in Südamerika bezwungen. So einer bekommt keine Altersfalten.Brabecks Problem liegt woanders. Der Manager, der mit Tütensuppen mehr Umsatz macht als BMW mit Autos, lässt sich nicht nur gern in Formel-1-Wagen fotografieren. Er hat auch sonst ein Faible für Geschwindigkeit. Doch der schnelle Brabeck muss aufpassen, dass er seinem Konzern nicht mit immer neuen Kostensenkungsprogrammen und der Erschließung neuer Märkte davonrast. Denn Nestlé kommt derzeit nicht recht vom Fleck. Jedenfalls nicht in den Augen der Finanzszene. Die Aktie hat in den vergangenen zwölf Monaten 3,5 Prozent verloren, während der Dow-Jones-Teilindex für Nahrung und Getränke um 4,3 Prozent zugelegt hat. Die Margen sind schwach, der Umsatz ist im dritten Quartal leicht gesunken.Brabeck reagiert auf solche Vergleiche trotzig. ?Ich liefere, was ich ankündige?, sagt er in der sechsten Etage der gläsernen Zentrale des Weltkonzerns am Genfer See, die vor dem Hintergrund der Savoyer Alpen unangemessen klein erscheint. Hierher lädt Brabeck stets ein, wenn er seine raren Statements zur Geschäftsentwicklung abgibt.Dann sitzt er zwischen seinen zehn Vorstandskollegen, vor deren Platz jeweils ein Namensschild steht. Der Sessel in der Mitte wird nur durch das Firmenlogo mit den drei pickenden Vögeln geschmückt. Mr. Nestlé braucht kein Namensschild. Er hält den Vortrag und beantwortet die Fragen. Und niemand ergreift das Wort, solange er es ihm nicht erteilt.?Eine One-Man-Show?, sagt ein britischer Reporter. Keine Frage: Der Chef leidet nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein. Ein Vorstandskollege, der beim Häppchen im Stehen doch mal in Plauderlaune gerät, bezeichnet ihn als ?entscheidungsfreudig?. Weiter unten scheint das anzukommen. Marianne Guggisberg, Sprecherin der für die Lebensmittelindustrie in der Schweiz zuständigen Gewerkschaft, schwärmt vom ?kollegialen Umgangston?.Doch dann fügt auch sie hinzu: ?Der Wind ist rau, der Nestlé ins Gesicht bläst.? Und Brabeck hat noch keinen geschützten Platz gefunden. Gesundheitsnahrung? Macht Konkurrent Danone schon längst. Weltweite Präsenz? Wo Nestlé hingeht, ist Unilever häufig auch schon da. Kostensenkung? Gehört heute zum guten Ton.?Nestlés Grundprobleme heißen Aldi und Lidl?, sagt René Weber, Analyst bei der Schweizer Privatbank Vontobel. Brabeck, der seine Karriere bei Nestlé 1968 als Eisverkäufer begonnen hat, antwortet kühl: ?Wir haben klare Strategien, um mit den Discountern zusammenzuarbeiten.? Der Erfolg gibt ihm jedoch nicht Recht: Dort, wo ? wie in Deutschland ? die Discounter stark sind, wächst Nestlé langsam.Brabeck, mit einer Chilenin verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern, muss deshalb jetzt noch einmal durchstarten. Eine Gelegenheit dazu ergibt sich im nächsten Frühjahr. Nestlé-Verwaltungsratspräsident Rainer Gut tritt ab. Da trifft es sich, dass gleichzeitig Brabecks Amtszeit als Vizepräsident des Verwaltungsrats bei der Schweizer Großbank Credit Suisse abläuft. Mehr als zwei Aufsichtsratsposten wolle er nicht auf einmal übernehmen, hatte der Manager unlängst erklärt.Die Rechnung könnte also lauten: Brabeck bleibt im Verwaltungsrat des Basler Pharmariesen Roche und verlässt die Credit Suisse. Dafür übernimmt er zusätzlich zu seinem Posten als Konzernchef noch den Vorsitz des Verwaltungsrats beim Nahrungsmittelriesen Nestlé. Bei vielen internationalen Investoren dürfte diese Machtkonzentration wohl nicht gut ankommen.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.11.2004