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Treue Frauen bestraft die Firma

Von Julia Leendertse
Managerinnen in spe müssen sich ihren Arbeitgeber sehr genau aussuchen, wollen sie so viel verdienen wie Männer: Das Gehaltsgefälle ist längst nicht beseitigt. Frauen werden zudem häufig Opfer ihrer stärkeren Treue zu einem Unternehmen - die schneller wechselnden Männer klettern die Karriereleiter fixer hoch.
DÜSSELDORF. So offen und ehrlich sind Personalabteilungen selten. Und womöglich bereuen die Novartis-Personaler ihre Offenheit auch schon: Im April vor eineinhalb Jahren zahlte der Pharmakonzern jeder dritten Angestellten in der Schweiz einen Gleichstellungsbonus. Um ?historisch gewachsene Lohndifferenzen? auszugleichen. Und das erklärte der Konzern damals auch noch stolz per Pressemitteilung.Tatsächlich hatte ein betriebsinterner Gehaltsvergleich gezeigt, dass viele Frauen im Vergleich zu den Männern bei Novartis zu wenig verdienten. Für die Bereitschaft, der Ungleichbehandlung zu begegnen, ernteten die Baseler in der Schweiz viel Lob. Doch kaum ein Jahr später landete Novartis in den USA wegen Frauendiskriminierung vor dem Kadi. Zwölf Novartis-Mitarbeiterinnen verlangen Schadensersatz und prangern jetzt den Chemieriesen an, Frauen systematisch zu benachteiligen: Bei der Ausbildung, der Karriere, aber auch beim Lohn. Ihre Forderung: 100 Millionen US-Dollar.

Die besten Jobs von allen

Ob der Gleichstellungsbonus für die Mitarbeiterinnen in der Schweiz nur eine Feigenblattaktion war und Novartis tatsächlich Frauen systematisch benachteiligt, darüber wird bald das Bundesgericht in New York entscheiden. Die Klage zeigt: Das Gehaltsgefälle zwischen Männern und Frauen ist längst nicht beseitigt.Eine Analyse der Gehaltsstrukturen in elf europäischen Ländern beweist, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer. 225 000 Mitarbeiterdaten aus 600 Großunternehmen aller Branchen hat die Unternehmensberatung Towers Perrin in Frankfurt für das Handelsblatt in einer Benchmarking-Studie unter die Lupe genommen. Teilnehmer sind solche, die sich ohnehin schon um ein professionelles Vergütungsmanagement bemühen ? also ein Vergleich der fortschrittlicheren Firmen. Ergebnis: Das Gehaltsgefälle ist in Deutschland mit 20 Prozent am größten. ?Am besten stehen sich noch die Frauen in Irland und Norwegen?, resümiert Vergütungsexpertin Jutta Kömm von Towers Perrin. ?Da liegt der Gehaltsabstand nur bei neun und elf Prozent.? Ähnlich schlecht wie in Deutschland schneiden nur die Frauen in Spanien (19 Prozent), Österreich (17 Prozent) und Polen (16 Prozent) ab.Das einzige Trostpflaster: ?Je höher Frauen in der Hierarchie steigen, desto geringer werden die Gehaltsunterschiede?, weiß Petra Knab-Hägele, Partnerin bei Towers Perrin. ?In hohen Positionen wie der zweiten und dritten Führungsebene als Abteilungs- oder Bereichsleiter verdienen Frauen heute genauso viel wie Männer.? Mehr noch: Frauen, die sich in Männerdomänen wie Forschung & Entwicklung, Ingenieurwesen und Kundentechnik vorwagen, überflügeln manchmal sogar die Männer. Das Fazit von Knab-Hägele: ?In den vergangenen Jahren haben viele Großunternehmen ihre Personal- und Vergütungspolitik professionalisiert ? und davon haben auch die Frauen dort profitiert.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: In kleineren Unternehmen sind Frauen öfter benachteiligt.Machen sich Arbeitgeber die Mühe, ihren Stellen klare Qualifikations- und Kompetenzprofile zuzuordnen sowie verbindliche Gehaltsspannen vorzugeben, steigt auch für Frauen bei einer Beförderung die Chance, nicht nur mehr Verantwortung, sondern auch das dazugehörige Gehalt zu bekommen.Das bedeutet umgekehrt: In kleineren Unternehmen, die ihre Personalpolitik noch nicht systematisiert haben, sind Frauen öfter benachteiligt ? also bei den meisten Firmen. ?Das Gros der Deutschen arbeitet nun mal in kleinen und mittelständischen Unternehmen?, gibt Sonja Bischoff, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg zu bedenken. Abgehakt ist das Thema noch lange nicht. Bischoff analysiert seit Jahren die Stellung der Frau in der Wirtschaft. Sie hat 2000 Führungskräfte in kleineren und mittleren Firmen befragt und herausgefunden, dass nach wie vor gerade mal 20 Prozent der weiblichen Führungskräfte mehr als 75 000 Euro im Jahr verdienen ? jedoch 34 Prozent der Männer.?Will eine Frau Karriere machen und auch dafür gut bezahlt werden, sollte sie sich einen Arbeitgeber suchen, der seine Personalarbeit strategisch betreibt und der am besten Wert auf gemischte Teams legt?, rät Heiko Wolters, Personalberater von Egon Zehnder in Stuttgart. Und: ?Frauen verdienen deshalb häufig weniger, weil sie ihrem Unternehmen länger treu bleiben ? statt wie Männer öfter die Firma zu wechseln.? Wer sich mühsam hocharbeitet, macht in der Regel nicht so schnell Karriere wie derjenige, der sich mit mehr Geld weglocken lässt. Wolters urteilt: ?Frauen nehmen mehr Rücksicht auf ihre Familie, wollen ihr nicht unbedingt einen Umzug zumuten und arrangieren sich häufiger mit den Gegebenheiten.? Und die Geschäftswelt funktioniert häufig nach dem Prinzip: ?Wer nichts verlangt, bekommt auch nichts.?Die fatale Konsequenz: Etliche Frauen üben leitende Tätigkeiten aus ? ohne aber durch Titel oder mehr Gehalt dafür honoriert zu werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.11.2005