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Trennung ohne Tränen

Von Joachim Hofer
139 Jahre hatten die Hugendubels das Sagen in ihren Buchläden. Nun geben Maximilian und Nina die Kontrolle auf ? um zu wachsen. Nach fast anderthalb Jahrhunderten Unternehmensgeschichte ist das fast eine Sensation. Gefühle jedoch sind dem 38-jährigen Maximilian Hugendubel keine anzumerken. Auch seine Schwester blickt regungslos in die Runde.
MÜNCHEN. Donnerstagmorgen, halb elf im edlen Hotel Bayerpost am Münchener Hauptbahnhof: Oben in der Konferenzzone im fünften Stock sitzt Maximilian Hugendubel, 38, im Halogenlicht eines dunklen Besprechungszimmers. Neben ihm seine Schwester Nina Hugendubel, 35.Nüchtern verkündet der Jurist vor der Presse, dass die Familie Hugendubel nach genau 139 Jahren die Kontrolle über ihr Buchimperium aufgibt. Alle Filialen des zweitgrößten deutschen Buchhändlers werden in ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Augsburger Verlagsgruppe Weltbild eingebracht.

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Ja, das sei ?ein großer Schritt?, sagt Maximilian Hugendubel nur. Fünf, zehn Jahre hätte die Firma wohl noch alleine weitermachen und wachsen können, räumt er ein. Doch zusammen mit Weltbild gebe es einfach bessere Chancen, eine führende Rolle auf dem deutschen Buchmarkt zu spielen.Die zurückhaltende Art, in der sie das Ende der Eigenständigkeit des traditionsreichen Münchener Familienunternehmens verkünden, passt zu den Geschwistern Nina und Maximilian Hugendubel. ?Große Auftritte in der Öffentlichkeit sind nicht ihr Ding?, sagt einer, der sie lange kennt.In den Klatschspalten der Münchener Boulevardpresse tauchen sie nicht auf, Interviews sind eine Seltenheit. Selbst die aktuelle Unternehmensbroschüre ist schon vier Jahre alt. ?Wozu etwas Neues drucken, wenn noch alte Exemplare im Regal liegen?? heißt es hinter vorgehaltener Hand in der Firma.Und doch: Für Maximilian und Nina Hugendubel hat die Zusammenarbeit mit Weltbild weit reichende Auswirkungen. Denn künftig können sie nicht mehr alleine entscheiden, sondern müssen sich mit den Augsburgern abstimmen. Seit sich Heinrich Karl Gustav Hugendubel anno 1867 ? im gleichen Jahr veröffentlichte Karl Marx den ersten Band von ?Das Kapital? ? mit einer Buchhandlung im bayerischen Eichstätt selbstständig machte, ist dies der größte Einschnitt in der Firmengeschichte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hugendubel ist nicht irgendeine FirmaHugendubel ist nicht irgendeine Firma. In München geht man ?zum Hugendubel?, wenn es um Bücher geht, sagt Maximilian stolz. Noch heute gibt es die Filiale am Salvatorplatz, die Heinrich Karl Gustav Hugendubel 1893 gekauft hatte.Den Durchbruch für die Buchhändlerfamilie schaffte freilich erst Heinrich Hugendubel, der Vater von Nina und Maximilian. Er gilt als der Erfinder des modernen Buchkaufhauses in Deutschland. Als erster großer Händler richtete er 1979 Leseinseln in seiner Filiale am Münchener Marienplatz ein. Mit 2 400 Quadratmetern war sie damals die größte Buchhandlung Deutschlands. Noch heute können die Kunden dort bequem in den Büchern schmökern.Seit dem Tod Heinrich Hugendubels vor einem Jahr führen Nina und Maximilian die Firma gemeinsam. Die Kette ist mit den Jahren auf 33 Filialen angewachsen. Hinter der Douglas-Tochter Thalia ist Hugendubel mit zuletzt 250 Millionen Euro Jahresumsatz die Nummer zwei im deutschen Buchhandel. Maximilian ist für die Finanzen zuständig, Nina für Marketing und Vertrieb. Daneben gibt es noch drei familienfremde Manager in der Geschäftsführung.Dass die Geschwister eines Tages die Familienfirma leiten würden, war nicht selbstverständlich. Beide arbeiteten nach dem Studium zunächst außerhalb: Maximilian bei einer Unternehmensberatung, Nina für das amerikanische Medienhaus Time Warner und die Holtzbrinck-Gruppe, zu der auch das Handelsblatt gehört. Erst 2001 holte sie ihr Vater ins Boot.Seither ist vor allem Nina im Fokus der Öffentlichkeit. Sie ist eine der wenigen Frauen in Deutschland, die an der Spitze eines großen Unternehmens stehen. Suchen Magazine nach einer erfolgreichen Geschäftsfrau, stoßen sie regelmäßig auf Nina Hugendubel.Gerne erzählt die 35-Jährige dann, dass sie schon mit drei Jahren Chefin werden wollte ? ohne zu wissen, was das eigentlich heißt. Und dass sie Journalistin werden wollte, daran letztlich aber doch keinen Gefallen fand und lieber zu den Familienwurzeln zurückkehrte: ?In meinem Koffer sind in der Regel mehr Bücher als Kleider?, schrieb die Leseratte vor einigen Tagen in einem Beitrag für die ?Süddeutsche Zeitung?. In ihrem Zuhause in München müsse sie Bücher regelmäßig aussortieren, weil sich die Regale bögen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Gemeinsam den Markt aufrollen Nina ist in dem Geschwistergespann zuständig fürs Sinnliche. Die Frau mit den blond-braunen Locken entscheidet, wie die Hugendubel-Filialen aussehen. Ihr Bruder, in Anzug und Krawatte, ist eher der Zahlenmensch, der nüchtern analysiert. So spielen sich die Geschwister im Gespräch die Bälle zu, je nach Thema.Dass die Hugendubels nun mit Weltbild zusammengehen, hat auf der Hand gelegen. Seit zwölf Jahren betreiben beide zusammen die Niedrigpreis-Kette ?Weltbild Plus?. ?Wir haben die besten Erfahrungen mit Hugendubel gemacht?, lobt Weltbild-Chef Carel Halff die Beziehung nach München. Es sei eine ?enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit?.Gemeinsam wollen die Partner mit ihrem Gemeinschaftsunternehmen DHB Buch Handels GmbH den Markt aufrollen ? ?eines der letzten Biotope im deutschen Einzelhandel?, wie es Maximilian Hugendubel im Handelsblatt-Interview kürzlich ausdrückte. Die Hugendubels verlieren keine Zeit: Vergangene Woche übernahm die DHB die Mehrheit an zwei regionalen Buchhandelsketten.Weitere Übernahmen sollen folgen. Für die Expansion haben die Hugendubels nun eine noch breitere Basis ? als Nummer eins im deutschen Buchhandel. Auch deshalb haben die Geschwister sich wohl ohne Tränen von der Familientradition getrennt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Geschwister vom FachGeschwister vom FachVita von Nina Hugendubel 1970 wird Nina in München geboren. Sie macht eine Buchhandelslehre und studiert Politik, Ökonomie und Philosophie. Danach arbeitet sie für Time Warner in New York und für die Holtzbrinck-Gruppe in Stuttgart und München.2001 wechselt sie in die Buchhandelskette ihres Vaters Heinrich. Heute ist sie in der Geschäftsführung für Marketing und Vertrieb zuständig.Vita von Maximilian Hugendubel 1968 wird Maximilian in München geboren. Nach einer Buchhandelslehre studiert er Jura in München und in Japan. Später arbeitet er drei Jahre für die Unternehmensberatung Bain & Company.2001 tritt er ins Familienunternehmen ein. Als einer von fünf Geschäftsführern verantwortet er Finanzen und IT.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.08.2006