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Treffer in der Nachspielzeit

Claudia Schumacher
Ab dem 11. August überträgt ein Pay-TV-Sender, den es vor einem guten halben Jahr noch gar nicht gab, die Fußball-Bundesliga live. Arena will vieles anders machen als der bisherige Rechte-inhaber Premiere. Doch der Konkurrent sitzt auf einmal wieder mit im Boot.
Auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions läuft die Verlängerung des Fußball-Weltmeisterschafts-Finales zwischen Italien und Frankreich. Kurz bevor Kickergott Zidane seinem italienischen Gegenspieler den Kopf in die Brust rammt, geht auf der Tribüne ein ganz anderes Spiel in die Verlängerung - das zwischen Bundesliga-Profi Premiere und dem Newcomer Arena. Eigentlich hatte der Neuling das Spiel fast schon gewonnen, als er im Dezember unerwartet den Gegner im Poker um die Bundesliga-Übertragungsrechte ausstach.
Niemand hatte mit ernsthafter Konkurrenz für Premiere gerechnet, doch dann vergab die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die TV-Lizenz an einen Fernsehsender, den es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Hinter der Neugründung Arena steht der Kabelkonzern Unity Media, der sich auf der Suche nach neuen, attraktiven Programminhalten direkt auf den deutschen Liebling namens Fußball gestürzt hat. Der große Favorit Premiere schien geschlagen

In letzter Minute

Doch kurz vor dem Triumph stockt die Partie. Arena kann sich mit Kabel Deutschland (KDG) nicht über die Verbreitung in den von KDG versorgten 13 Bundesländern einigen. Einen Monat vor Beginn der Bundesliga ist alles wieder offen - und Premiere kommt zurück ins Spiel. Während die letzten Minuten im WM-Finale laufen, arbeiten Dejan Jocic, Arena-Geschäftsführer für Programm und Marketing, und Premiere-Chef Georg Kofler auf einen Spielausgang hin, von dem beide profitieren sollen.
Drei Tage später ist der Vertrag unter Dach und Fach. Als so genannter Distributionspartner wird Arena sein Programm unverändert und unter eigenem Namen über einen Kanal von Premiere ausstrahlen können. Im Gegenzug vermarktet Arena in Nordrhein-Westfalen und Hessen die Premiere-Angebote über die Kabelnetzbetreiber Ish und Iesy, ebenfalls Töchter von Unity Media. "Eine pragmatische Lösung" nennt es Jocic. Eine Niederlage will hier niemand eingestehen, doch mit seinem eigentlichen Plan, Premiere ganz rauszukicken, ist Arena gescheitert. "Man darf da nicht eitel sein", sagt Unternehmenssprecherin Susanne Jahrreiss. "Denn was nützt ein gutes Produkt, wenn es nicht jedem zugänglich ist.

Die besten Jobs von allen


Ein Sender wird geboren

Die zwischenzeitliche rote Karte für Premiere war gleichzeitig der Anpfiff für eine Partie der besonderen Art. In einem guten halben Jahr musste ein kompletter Fernsehsender auf die Beine gestellt werden. "Am 21. Dezember um 14 Uhr gab die DFL ihre Entscheidung bekannt, fünf Minuten später standen unsere Telefone nicht mehr still", erinnert sich Jahrreiss. "Alle wollten wissen, wie das Programm aussieht." Dabei wusste Jahrreiss noch nicht einmal, wie der Sender aussehen würde. Wo soll er seinen Standort haben? Wie soll das Studio aussehen? Und vor allem: Wer soll in den Büros sitzen und die Sendung letztlich machen? In einem der Büros in der Betastraße 11 in München-Unterföhring sitzt seit März Albert Schmitt-Fleckenstein. Als Redaktionschef ist er verantwortlich für den inhaltlichen Part. Am Tag nach der Entscheidung über die Kooperation mit Premiere sind die Schränke noch so gut wie leer, die Ordner erst spärlich gefüllt. Dafür liegt auf beinahe jedem Schreibtisch das offizielle Saisonbuch 2006 der DFL. An den Wänden hängen keine Bilder, sondern ein Raumplan, damit jeder auch weiß, wo er hingehört. "Bis auf den Feinschliff sind wir fertig", flachst Schmitt-Fleckenstein doppeldeutig

Näher am Fan

Dass die nüchternen Räume einen Fernsehsender beherbergen, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Aber das ist Teil des Konzepts. So gut wie alles verlagert Arena direkt in oder an das Stadion. "Wir werden näher am Fan dran sein, wollen den Fußball wieder etwas mehr erden", erklärt der 45-Jährige. "Wir wollen den Premiere-Standard halten, aber hier und da ganz neue Akzente setzen." Soll heißen: Die Kommentatoren sitzen erstmals live im Stadion, am Spielfeldrand wird ein eigener Moderator zugegen sein, und wenige Meter weiter steht das mobile Studio, aus dem die Hauptsendung moderiert wird.
Der Enthusiasmus für die Sache verbindet das gesamte Team. "Normalerweise kommst du bei einem neuen Job in feste Strukturen, hier fingen wir bei null an", erklärt ein Mitarbeiter den Reiz. "Wir mussten ja alles neu organisieren - vom Locher bis zum Moderator." In der Vorbereitungsphase jagt deshalb ein Meeting das nächste.
Probleme, sagt der Arena-Mann, gab es "höchstens bei Dingen, die wir nicht selbst in der Hand hatten" - wie eben die Verbreitung des Arena-Programms im Kabelnetz. Dass das Projekt an der mangelnden Reichweite hätte scheitern können, daran mochte beim neuen Sender keiner glauben. "Mich hat das nie nervös gemacht", behauptet Christoph Bellmer, Geschäftsführer für Vertrieb und Technik, um dann lächelnd hinterherzuschieben: "Es hätte auch noch Plan C gegeben." Aber den will Bellmer nicht verraten. Für alle Fälle

Mit Kompetenz und Charisma

Etwa 140 feste und freie Mitarbeiter sind bei Arena beschäftigt. "Damit sind 90 Prozent an Bord", rechnet Geschäftsführer Jocic hoch. Personalbedarf besteht noch im Marketing und im Merchandising. Welche Abschlüsse die Bewerber vorweisen können, ist den Verantwortlichen des Senders nicht so wichtig. "Vier Dinge muss ein Mitarbeiter bei uns mitbringen", zählt Schmitt-Fleckenstein auf: "Charisma, Emotion, Kompetenz und Meinung." Das gilt sowohl für die Leute vor der Kamera - von Oliver Welke bis Steven Gätjen - als auch für die, die im Hintergrund arbeiten.
An manch unbekanntes Gesicht wird sich der Bundesliga-Fan erst mal gewöhnen müssen. "Es ist schon eine Herausforderung, mit einem komplett neuen Konzept auf Sendung zu gehen", gesteht Redaktionschef Schmitt-Fleckenstein. "Wir sind uns darüber klar, dass es ein bisschen dauern wird, bis sich unsere Art der Berichterstattung etabliert hat."
Der alte Bundesliga-Hase Premiere bleibt derweil auch selbst weiter am Ball - der Pay-TV-Sender produziert die Berichterstattung für die Telekom im Internet. Nicht auszuschließen, dass Premiere den Rückstand schon wieder aufgeholt hat, ehe sich der Fan an Arena gewöhnt hat.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.08.2006