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Treffen der Querulanten

Von Joachim Weber, Handelsblatt
Alle Jahre wieder: Die Saison der Hauptversammlungen beginnt. In diesem Jahr werden die Aktionäre vor allem die undurchsichtig-hohen Vorstandsbezüge kritisieren. Doch in Deutschland machen immer weniger Anteilseigner ihre Stimmen auf den Treffen geltend. Das Internet soll Abhilfe schaffen.
FRANKFURT/M. Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp hat den Unmut seiner Kapitalgeber in der vergangenen Woche zu spüren bekommen. Der VW-Vorstand kann sich noch bis zur nächsten Woche für den Showdown mit seinen Aktionären wappnen. Etliche weitere Vorstände und Aufsichtsräte deutscher Aktiengesellschaften dürften sich ebenfalls noch warm anziehen. Die Hauptversammlungs-Saison 2004 ist angelaufen ? und sie verspricht spannend zu werden.Denn die Stimmung ist nicht nur bei den Kleinaktionären gereizt. Öffentliche Auftritte wie die des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann im Mannesmann-Prozess haben die Kapitaleigner ebenso aufgebracht wie die Selbstbedienungsaktionen diverser Vorstände bei mieser Unternehmenslage. Speziell Beschlüsse wie jener der Commerzbank-Spitze, die eigenen Einkommen anzuheben und gleichzeitig den Aktionären die Dividende und den Mitarbeitern die Betriebsrenten zu streichen, werden von vielen Anlegern als Symptom des moralischen Verfalls in den Führungsetagen der Nation interpretiert. Vorwürfe wie ?Instinktlosigkeit?, ?Verrohung der Sitten? und ?Egomanie der Vorstände? dürften einigen Aktionärstreffen ungewohnte Schärfe geben.

Die besten Jobs von allen

Die professionellen Aktionärsvertreter, denen ? wenngleich noch etwas zögerlich ? neue Sprecher von Investment-Fonds wie dem Deka an die Seite treten, fordern die Durchsetzung des Verhaltenskodex für Unternehmen. Corporate Governance steht ganz oben auf der Agenda. ?Die kommende Hauptversammlungs-Saison wird vom Thema Transparenz dominiert sein?, kündigte etwa Ulrich Hocker, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), an. ?Dabei wird es insbesondere ums Geld gehen ? genauer gesagt, um die Gehälter der Vorstände.?Vollen Durchblick bei den Bezügen von Vorständen und Aufsichtsräten fordert auch die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Wie es der Corporate-Governance-Kodex empfiehlt, sollten auch deutsche Aktiengesellschaften die Einkünfte ihrer Spitzenleute individuell ausweisen. Das habe mit Neid nichts zu tun, sagt SdK-Präsidiumsmitglied Harald Petersen: ?Wir haben nichts gegen hohe Einkommen ? wenn sie verdient sind.?Als allgemeines Ziel der Saison hat sich die SdK auf die Fahne geschrieben, die Rollenverteilung zwischen den Gesellschaftsorganen ebenso wie zwischen ?Eigentümern und Angestellten? zu klären. ?Wir müssen den Vorständen allmählich mal wieder klar machen, dass es die Aktionäre sind, die sie bezahlen, und dass es unser Geld ist, mit dem sie oft allzu leichtfertig umgehen?, bringt Petersen es in Kurzform.Außerdem wolle die Schutzgemeinschaft etliche Aufsichtsratsmitglieder nach ihrer Qualifikation, ihrer speziellen Eignung und den Kriterien ihrer Auswahl befragen. Denn: ?Man wundert sich manchmal schon, wer da so sitzt?, sagt Petersen kopfschüttelnd. ?Die sollen schließlich die Aktionärsinteressen gegenüber dem Vorstand vertreten.?Auch in dieser Stoßrichtung ist er sich mit den Kollegen von der DSW einig. Denn die wollen zum einen ihre Dauerkritik an der automatischen Besetzung der Aufsichtsratsspitze mit aus Altersgründen ausgeschiedenen Vorstandsvorsitzenden nachdrücklich erneuern. ?Es bleibt ein Unding, das der Ex-Chef seine eigenen Fehler als Aufsichtsratsvorsitzender kontrollieren soll?, begründet DSW-Sprecher Jürgen Kurz.Zum anderen will die Schutzvereinigung in den Hauptversammlungen abklopfen, wie weit die Unternehmen der Kodex-Empfehlung folgen, die Effizienz ihrer Aufsichtsräte zu prüfen. Dieser Empfehlung habe kein Unternehmen widersprochen. DSW-Geschäftsführer Hocker: ?Wir werden daher fragen, wie die Prüfung durchgeführt wurde und welches Ergebnis sie erbracht hat.? Überdies will die DSW nach der Zahl der beschäftigten Unternehmensberater und nach den Volumina ihrer Aufträge fragen: ?Leider ist es zunehmend üblich, dass Vorstände Aufgaben und Verantwortung an externe Beratungsunternehmen delegieren.?
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2004