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Total international

Christoph Mohr
Foto: Lieselott Nissen / Insead
Sie kommen aus 50 Ländern, die Insead- Studenten. Mit so viel Internationalität kann keine amerikanische Business School mithalten. Das war Insead noch nicht genug. Die Schule eröffnete einen zweiten Campus in Singapur.
Sie kommen aus 50 Ländern, die Insead- Studenten. Mit so viel Internationalität kann keine amerikanische Business School mithalten. Das war Insead noch nicht genug. Die Schule eröffnete einen zweiten Campus in Singapur.

Fontainebleau, eine Autostunde südlich von Paris gelegen, das ist für Frankreich so etwas wie Potsdam für Deutschland: ein Ort der Geschichte, mit weltberühmtem Schloss und Park.anlage, eine Touristenattraktion und eine angenehme Schlafstadt für Leute, die in der hektischen Hauptstadt arbeiten, aber nicht dort leben möchten. Und es ist der Sitz einer der besten Business Schools Europas.

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Doch wer das weitläufige Campus-Gelände von Insead am Rande von Fontainebleau betritt, verlässt gleichsam Frankreich. 1957 als eine Art europäische Harvard Business School gegründet, ist das Institut Européen d?Administration des Affaires heute so wenig französisch, dass viele nicht einmal mehr wissen, was sich hinter der Abkürzung verbirgt. Beobachtet man in der Cafeteria, dem zentralen Ort für die 600 MBA-Studenten aus aller Welt, das hektische Kommen und Gehen, hört man viel Englisch und Spanisch, hier und da Deutsch und noch ein Dutzend andere Sprachen.

Wo andere Internationalität lehren, wird bei Insead Internationalität gelebt?, heißt einer der Werbeslogans der Schule. Die Zahlen bestätigen diese Aussage. Von den Studenten aus über .50 Ländern kommen nur zehn Prozent aus Frankreich, keine Nation dominiert, und selbst der Anteil asiatischer Studenten liegt bei fast einem Viertel. Solche Zahlen können sonst nur noch das IMD in Lausanne und die Rotterdam School of Management, aber keine US-amerikanische Schule, vorweisen. Ähnlich international zusammengesetzt ist der Lehrkörper mit seinen 133 festen und 45 Gastprofessoren, ebenso das Board of Directors, der internationale Beirat, in dem auch vier Deutsche vertreten sind. Nicht zuletzt wegenüdieser Internationalität gilt Insead neben IMD und der London Business School als die beste Business School in Europa. Auf der Rangliste der ?Financial Times?, die die weltbesten MBA-Anbieter verzeichnet, liegt Insead derzeit auf Platz sieben und hat es also sogar geschafft, sich fest in der Top-Liga zu etablieren, die traditionell von den großen US-Schulen wie Harvard, Wharton oder Stanford dominiert wird.

Doch damit nicht genug: Seit dem vergangenen Jahr hat Insead mit einem eigenen Campus in Singapur ein zweites Standbein in Asien. Das Konzept ist revolutionär. Wer heute an Insead studiert, kann sein MBA-Programm in Fontainebleau beginnen und in Singapur abschließen oder auch nur einen Teil der Studienzeit auf dem jeweils anderen Campus absolvieren. Die Programme sind !dentisch. ?Wir mussten ganz neue Bezeichnungen entwickeln?, sagt schmunzelnd ein Insead-Mitarbeiter. ?Da gibt es die Switchers, die an einem Ort beginnen und am anderen aufhören, die Swingers, die affengleich nur ein paar Wochen an das andere Ende des Erdballs schwingen, und die Lifers, die ihr ganzes MBA-Leben lang an einem Ort bleiben.? Der neue Insead-Dean Gabriel Hawawini sieht dieses neue Multi-Campus-Konzept als entscheidend für die künftige Konkurrenzfähigkeit von Insead an: ?Vor 40 Jahren, als Insead gegründet wurde, war die Idee, eine supranationale Schule mit Studenten aus ganz Europa zu gründen, revolutionär. Heute jedoch hat sich die Definition von Internationalität verändert, und der Campus in Asien wird es uns ermöglichen, eine ganz neue Manager-Generation zu formen.? Das nur zehnmonatige, dafür aber hochintensive Insead-MBA-Programm ist in fünf achtwöchige ?periods? aufgeteilt, die jeweils mit einer Prüfung abschließen. Der erste Teil des Studiums – zwei ?periods? mit insgesamt elf Kursen – dient der Einführung in das General Management und ist sicherlich das härteste Stück.

In der zweiten Phase – zwei ?periods? mit vier Kursen – geht es dann um das, was im Business-School-Slang ?Get the broad picture? heißt: Die angehenden Manager sollen verstehen, dass ihre ?Tools? immer nur in einem kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Kontext funktionieren. Je weiter man fortschreitet, desto größer wird die Wahlfreiheit an Kursen. Fallstudien, Vorlesungen und Projektarbeit wechseln sich ab.

35.500 Euro sind allein für die Teilnahme an dem MBA-Programm zu bezahlen. Dazu kommen über den Daumen gepeilt noch 15.000 bis 20.000 Euro an Lebenshaltungskosten und möglicherweise die Flüge nach Singapur. Viele Insead-Studenten wohnen zusammen – manche sogar in kleinen französischen Châteaux.

Was macht den Reiz von Insead aus? Ines Kolmsee, eine 30-jährige deutsche Diplom-Wirtschaftsingenieurin, die nach beruflichen Stationen bei einem Startup und dem Wirtschaftsberatungsunternehmen A.T. Kearney seit September vergangenen Jahres in Fontainebleau studiert, schwärmt: ?Das Wichtigste sind erst einmal die Kommilitonen. So viele spannende Menschen: ein Kunsthändler aus New York, eine Israelin, von der man sagt, sie habe für den Geheimdienst gearbeitet, eine Koreanerin, die bei ihrem Jura-Studium in New York einen Franzosen kennen gelernt hat und jetzt mit ihm in Paris lebt, eine Kunstbuchlektorin aus London, eine Lettin, die mit 24 schon zwei Studien abgeschlossen, fünf Jahre als Angestellte und ein Jahr in ihrer eigenen Firma gearbeitet hat, der Prinz von Holland...?

Doch ein Zuckerschlecken ist das Insead-Studium nicht: ?Man hat uns der Froschprozedur unterzogen?, analysiert die Ingenieurin. ?Ein Frosch springt nicht aus kochendem Wasser, wenn man ihn langsam erhitzt; er bemerkt es gar nicht. So war es bei uns auch. Am Anfang schien alles sehr entspannt. Und plötzlich fand ich mich um drei Uhr morgens in einer komplett vollen Schule wieder, mitten dabei, eine Marketing-Fallstudie zu lösen. In der ersten Examensphase wurde es dann ganz wild: wenig Schlaf und acht Stunden Examen pro Tag. Aber man soll ja auch nicht vergessen, dass man für einen der weltweit angesehensten MBA-Titel arbeitet, oder??

Der Lohn für solch schlafraubende Schinderei ist allerdings so gut wie garantiert. Insead-Absolventen haben keine Probleme, einen gut bezahlten Job zu finden. Über 100 Unternehmen kommen jedes Jahr auf den Campus, um zu rekrutieren. Der eigene Career Management Service hilft bereits in der letzten Phase des Studiums bei der Jobsuche.

Nach Angaben der Schule lagen die Grundgehälter von Insead-Absolventen, die nach ihrem Abschluss einen Job in Deutschland annahmen, zwischen 145.000 und 250.000 Mark, mit einem Durchschnitt bei 165.000 Mark. Über die Hälfte der Insead-Absolventen landet in Deutschland bei Unternehmensberatungen, deutlich mehr als in anderen Ländern.

Aber ein Insead-MBA ist mehr als die eingebaute Karrieregarantie. Für Moritz Spilker, lange Jahre Präsident der deutschen Insead-Ehemaligen-Vereinigung und heute Vorstandsvorsitzender des Internet-Startups steeldex. com, macht etwas ganz anderes den eige÷tlichen Wert des Studiums aus: ?Hinterher haben Sie das Gefühl, Sie können alles schaffen?, sagt der Mann, der sich nach seinem Insead-Studium mit einem eigenen Beratungsunternehmen selbstständig machte. ?Davor hätte ich mich das nicht getraut.?

Das MBA-Programm ist zweifellos das Aushängeschild von Insead. Genauso wichtig sind aber auch die so genannten Executive-Education-Programme. Das sind sehr teure Kurzzeitprogramme zur Management-Fortbildung. Jährlich rund 6.000 Top-Manager und solche, die es werden wollen, werden an Insead geschult und berappen dafür schon mal 10.000 Mark für eine Woche.

Außerdem gibt es spezielle, auf einzelne Unternehmen maßgeschneiderte Programme. Auch eine Reihe namhafter deutscher Unternehmen wie Allianz, Bertelsmann, BMW, Bosch, DaimlerChrysler, Deutsche Bank, Siemens oder Veba schicken ihre Top-Manager hierher.

Überhaupt gehört Insead zu den Business Schools, die die engsten Verbindungen zur deutschen Wirtschaft geknüpft haben. Gerling-Chef Jürgen Zech, Ex-Bertelsmann-Chef Mark Wössner und der Deutsche-Bank-Ex-Vorstand Ronaldo Schmitz sitzen im Board of Directors.

Besonders mit Insead verbunden ist auch der Unternehmensberater Roland Ber.ger. Er ist nicht nur Mitglied im Board, sondern hat Insead gleich auch eine Professur gestiftet. Nicht ganz uneigennützig: Natürlich fischt auch Berger im Talentbecken der Business School.

So weit das Geschäftliche. ?Und dann sind da natürlich auch noch die Partys?, erzählt Studentin Ines Kolmsee augenzwinkernd, ?für die Insead zu Recht berühmt ist...?

Weitere Informationen gibt es hier .
Dieser Artikel ist erschienen am 21.02.2001