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Tot ist nur, wer nicht wieder aufsteht

Peter Funke
Pets.com ist tot. Letsbuyit.com liegt im Koma. Die New Economy krankt. In den vergangenen sechs Monaten ist die Internet-Euphorie in Depression umgeschlagen und der Glanz vom Gründertum verblasst. "Heute in der Internet-Industrie zu arbeiten hat genauso viel Glamour, wie auf dem Schlachthof die Hühner auszunehmen", sagte kürzlich der Gründer einer Internet-Firma.
Pets.com ist tot. Letsbuyit.com liegt im Koma. Die New Economy krankt. In den vergangenen sechs Monaten ist die Internet-Euphorie in Depression umgeschlagen und der Glanz vom Gründertum verblasst. "Heute in der Internet-Industrie zu arbeiten hat genauso viel Glamour, wie auf dem Schlachthof die Hühner auszunehmen", sagte kürzlich der Gründer einer Internet-Firma. Was hier mitschwingt sind Enttäuschung, Wut und Frustration. Dabei hatte alles so schön begonnen.

Doch tatsächlich hatte keiner vermutet, dass der Höhenrausch endlos dauern würde. Gemeinsam steigen wir vom Gipfel ab und kehren zum gesunden Realismus zurück. Gut so. Wer in der Zwischenzeit mit seinem Startup abgestürzt ist - und ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland erst die Ausläufer der Pleitewelle gesehen haben -, der sollte wieder aufstehen, sein Geschäftskonzept überdenken und weitermachen. Nur wer liegen bleibt, hat verloren. Scheitern gehört zum Unternehmertum dazu. Sam Walton, der Gründer von Wal-Mart, scheiterte zehn Mal, bevor er 1962 den Grundstein für die heute weltgrößte Einzelhandelskette legte. Ebenso wurde der AOL-Gründer Steve Case, der AOL und Time Warner zur größten Mediengruppe der Welt fusionieren wird, noch vor ein paar Jahren von seinen Wettbewerbern verlacht. Was diese Gründer auszeichnet, sind ihr Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, auf neue Situationen flexibel zu reagieren.

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Was können wir aus der aktuellen Situation lernen? Erstens sind zwar zahlreiche Geschäftskonzepte rund um das Internet mittlerweile gescheitert. Das Internet selbst als Basisinnovation strebt seiner Hochphase jedoch noch entgegen. Zweitens hat das Internet eine völlig neue Dimension in die Kundenbeziehung gebracht. Mit dem Internet ist es plötzlich möglich, auch über riesige Distanzen hinweg neue Formen der Kundenbeziehungen aufzubauen. So wurde beispielsweise das amerikanische Auktionshaus Ebay mit seinem interaktiven und personalisierten Angebot zu einer der größten virtuellen Handelsplattformen weltweit. Oder denken wir an den Computerhersteller Dell, der seine Rechner genauso zusammenstellt, wie es die Kunden in ihrer Online-Bestellung wünschen. Noch viel besser haben es die Banken verstanden, ihren Service vom teuren Filialgeschäft auf bequemes Online-Banking umzulenken.

Die dritte Lehre aus dem vergangenen Jahr lautet: Geld allein macht auch nicht glücklich, wenn dieses Geld Venture Capital ist. Das einzige Geld, das einen Unternehmer glücklich macht, ist der Gewinn. Viele Gründer haben den Fehler gemacht, die Bewertung ihrer Venture-Capital-Runde mit ihrem realen Firmenwert zu verwechseln. Ein Wagniskapitalgeber steigt jedoch auf Basis einer Umsatz- und Gewinnerwartung ein. Wird diese nicht erfüllt, dann sinkt die Bewertung dramatisch. Im schlimmsten Fall zieht sich der ursprüngliche Venture-Capital-Geber in einer fortgeschrittenen Kapitalrunde zurück, und das Startup ist nicht mehr liquide. Börsennotierten Unternehmen geht es nicht besser. Sie hängen bei ihrer Bewertung noch stärker von den Erwartungen der Aktionäre ab.

Die Lehre der letzten sechs Monate ist so einfach wie wahr. Wer die Innovation Internet zum Nutzen des Kunden eingesetzt hat, der kann auch Geld verdienen. Das Internet wird weiterleben und -wachsen. Allerdings werden in Zukunft die technologischen Enthusiasten, die Daniel Düsentriebs der New Economy, in den Hintergrund treten. Ebenso werden die Pioniere und Visionäre an Bedeutung verlieren, die für ihren Traum Venture-Capital-Millionen in den Cyberspace jagen. Jetzt ist die Zeit gekommen für die Pragmatiker, die nicht ihren eigenen Traum, sondern die Bedürfnisse des Kunden im Blick haben. Gescheitert allerdings ist aus meiner Sicht bisher niemand. Ich habe tiefen Respekt für Pioniere. Denn es ist seit jeher ihr Schicksal, dass einige von ihnen mit Pfeilen im Rücken gefunden werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.01.2001