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Torontos 24-Stunden-Lauf

mse
Der eine braucht es für das Studium, der andere für den Job: Sein Praktikum in Kanada zu absolvieren, wird immer populärer - auch wenn es nicht bezahlt wird. Denn vieles geht viel einfacher als in den USA
Taf ist ein goldiger Typ. Für den Deutschen Benjamin Bader schon so etwas wie ein Stück Heimat, und das, obwohl der 24-jährige Benjamin erst seit wenigen Wochen in Leslie, dem Vorort nördlich von Toronto, wohnt. Taf freut sich wie ein Irrer, wenn Benjamin etwa gegen 17 Uhr von seinem Job bei der Easter Seals Society nach Hause kommt und mit ihm Gassi geht. Taf, diese Mischung aus Pudel und Golden Retriever, gehört der Gastmutter, einer 50-jährigen Frau. Bei ihr wohnt Benjamin seit Mitte März dieses Jahres - im Zimmer ihres Sohnes, der schon ausgezogen ist. "Ich hätte auch in einem Studentenwohnheim etwas finden können. Doch ich bin lieber Selbstversorger", meint Benjamin.

Über das Praktikantenprogramm Ontario, das die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn anbietet, kam Benjamin nach Kanada. Die Bonner Behörde hat über 1.200 Praktikanten-Visa in diesem Jahr vergeben. Wegen der starken Nachfrage sollen es im nächsten Jahr entschieden mehr sein.
"Für mein Studium brauchte ich unbedingt ein Praktikum im Ausland", sagt Benjamin Bader. Der junge Deutsche studiert an der Universität in Worms Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Tourismus. Kanada sei cool, meint Benjamin. Gutes Englisch könne man dort lernen, das Land stünde politisch nicht so in der Kritik wie die USA und sei daher auch in Sachen Einreise bei weitem nicht so kompliziert.

Die besten Jobs von allen


"Ich wollte erst zu einem Reiseveranstalter oder einer Fluggesellschaft", erklärt Benjamin. Doch das hätte der kanadische Partner der ZAV, das Georgian College of Applied Arts and Technology, in der Kürze der Zeit nicht vermitteln können: Anfang des Jahres hatte sich Benjamin bei der ZAV gemeldet - im März wollte er schon in Kanada sein. "Dass ich dann doch noch den Job bei der Easter Seals Society in Toronto bekommen habe, ist klasse", freut er sich. Bei der Non-Profit-Agentur hilft er, Events für behinderte Kinder zu organisieren. Sein aktuelles Projekt: ein 24-Stunden-Lauf, in dessen Vorfeld Spenden von den teilnehmenden Teams gesammelt werden.
Dass er etwas abseits im kleinen Leslie wohnt, macht ihm nichts aus. Benjamin, selbst ein gebürtiges Provinz-Ei, das im kleinen Rosenthal-Roda bei Marburg groß wurde, braucht nur 45 Minuten mit der Subway in die City. "Ich hätte wie viele, die durch das Georgian College vermittelt werden, in Barrie, dem Sitz der Schule, wohnen können. Aber dann bräuchte ich eineinhalb Stunden mit dem Bus nach Toronto." Vor allem abends sei das schade - das Nachtleben von Toronto halte sich nicht an Buszeiten

Geld bekommt er für sein Praktikum nicht. Das ist in Kanada so üblich. Benjamin zahlt drauf: Neben der Gebühr von circa 500 Euro für die Teilnahme am Praktikantenprogramm (inklusive Vermittlung und Arbeitserlaubnis) zahlt er 450 Euro für den Flug und pro Monat 355 Euro für Miete, 160 Euro für die Krankenversicherung, 80 Euro für das Subway-Ticket plus mindestens 160 Euro für Verpflegung im Monat. Das geht nur, wenn man gespart oder Sponsoren hat, zum Beispiel die Eltern. Ende Juli endet Benjamins knapp dreimonatiges Praktikum. Dann möchte er noch nach New York. "Wenn ich schon mal auf dieser Seite des Atlantiks bin, dann will ich auch New York sehen." Eine coole Stadt, wie er meint, fast so cool wie Toronto

Dieser Artikel ist erschienen am 28.07.2005