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Top-Management ist selten feminin

Deutschland dürfte in etwas mehr als einem Monat von einer Frau an der Spitze geführt werden. In der Wirtschaft sieht das allerdings anders aus. Die erste ?Frau Vorstandsvorsitzende? lässt hierzulande noch auf sich warten, Frauen schaffen es nur selten ins Top-Management. Die erste ?Frau Vorstandsvorsitzende? lässt auf sich warten. Vermutlich wird es noch viele Jahre dauern.
HB BERLIN. Falls sich Union und SPD in ihren weiteren Verhandlungen tatsächlich auf eine große Koalition einigen, wird die CDU-Vorsitzende Angela Merkel wahrscheinlich in der zweiten November-Hälfte zur Regierungschefin gewählt. 56 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik wären die Frauen dann auf dem wichtigsten Posten angekommen, den es in der deutschen Politik zu vergeben gibt.Die erste ?Frau Vorstandsvorsitzende? lässt in Deutschland hingegen noch auf sich warten. Vermutlich wird es noch viele Jahre dauern, bis DaimlerChrysler, die Deutsche Bank oder ein anderer DAX-Konzern eine Frau zur Chefin macht. Derzeit gibt es bei den 30 größten börsennotierten Unternehmen gerade einmal zwei weibliche Vorstände: die Südtirolerin Christine Licci bei der Hypovereinsbank in München und die Holländerin Karin Dorrepaal beim Pharmakonzern Schering in Berlin.

Die besten Jobs von allen

Ansonsten herrscht in den 195 Ressorts bei den Dax-Unternehmen von Adidas bis Volkswagen nach Untersuchungen überall das gleiche Bild: Die Frauen sitzen im Vorzimmer, der Chef ist ein Mann. Anderswo sieht es nicht viel besser aus. Nach einer Studie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforderung (DIW) kürzlich veröffentlichte, hatten es 2003 bei den 180 größten deutschen Unternehmen nur sieben Frauen ins Top-Management geschafft. Einige sind in den vergangenen Monaten hinzugekommen: Bei der Deutschen Bahn zum Beispiel rückte de Juristin Margret Suckale - zuständig für Personalfragen - in den Vorstand auf.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Männer verfügen über bessere Karriere-NetzwerkeDie meisten Frauen in Führungspositionen gibt es in den Medien (wie die Deutschland-Geschäftsführerinnen der Fernsehsender RTL und MTV, Anke Schäferkordt und Catherine Mühlmann) und in Familienunternehmen. Dort sind Christiane Underberg (Spirituosen) oder Annette Roeckl (Handschuhe) Beispiele dafür. Ansonsten hinkt die Managerwelt, wo es im Unterschied zu den Parteien nie eine Frauenquote gab, der Politik weit hinterher. ?Was in der Politik geht, geht in der Wirtschaft noch lange nicht?, sagt DIW-Expertin Elke Holst.Gründe gibt es viele: Immer noch verfügen Männer über die besseren Karriere-Netzwerke, immer noch bestimmen Männer über die besten Posten, und immer noch kümmern sich vor allem Frauen um die Kinder. Die meisten Managerinnen, die es trotz allem nach oben geschafft haben, haben keinen Nachwuchs. Dagegen haben männliche Führungskräfte nach einer kürzlich veröffentlichten Studie mehr Kinder als der Durchschnitt.Die Erwartungen, dass sich an der Vorherrschaft der Männer viel ändern wird, sind gering. In Branchen wie Auto- oder Rüstungsindustrie haben es Frauen besonders schwer, selbst in die zweite Reihe des Managements zu schaffen. In den Kontrollgremien sieht es ähnlich aus. Bei DaimlerChrysler oder ThyssenKrupp zum Beispiel ist nicht einmal im Aufsichtsrat eine Frau dabei. Wenn doch, dann werden weibliche Aufsichtsräte meist von Gewerkschaften geschickt.Umso zurückhaltender sind die Prognosen, wann zum ersten Mal eine Frau einen Dax-Konzern führen wird. ?Das ist leider eine theoretische Frage?, sagt die Personalberaterin Christine Stimpel, eine der bekanntesten ?Headhunterinnen? in Deutschland. ?In der traditionellen Industrie ist das sehr unwahrscheinlich, am unwahrscheinlichsten in der Autoindustrie.? Bessere Chancen für eine Vorstandsvorsitzende sieht Stimpel in den Bereichen Pharma und Lifestyle. ?Bei Schering oder Adidas würde ich mich nicht wundern, wenn man sich irgendwann auf eine Frau einigt.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.10.2005