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Tonleiter zum Erfolg

Irene Monte-Robl
Zwischen Managern und Musikern gibt es erstaunlich viele Parallelen.
Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle, Daimler-Chrysler Lenker Jürgen Schrempp, Bertelsmann-Führer Thomas Middelhoff - sie alle sind Topmanager, die sich bis an die Spitze durchgesetzt haben. Weniger offensichtlich, aber um so interessanter ist: Sie spielen alle ein Instrument. Zwar hat jeder seine individuellen Vorlieben - Schulte-Noelle zieht die Register auf der Orgel, Schrempp bläst in die Jazztrompete, und Middelhoff haut auf dem Klavier in die Tasten - doch alle musizieren. Jedenfalls gelegentlich.

Matthias Döpfner, Konzernchef des Springer Verlags hat sogar Musikwissenschaften studiert. Über die Musik kam er zum Journalismus. Ein Weg, der den 39-Jährigen immerhin auf den Vorstandsvorsitz des Hamburger Verlagshauses katapultierte. Für Rolf Kunisch, Vorstand beim Beiersdorf-Konzern - und seines Zeichens Klavierspieler - sind die Parallelen ganz deutlich: "Man braucht hohe Konzentration, schnelle Leitungen zwischen Kopf und Hand, gute Koordination und kurze Fingernägel - wie im Management!"

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Einige Musikforscher behaupten, es gäbe noch mehr Zusammenhänge, das Musizieren vermittle gar Bestandteile der Managementkompetenz. Laut Hans Günther Bastian, Musikpädagoge an der Universität Frankfurt "fördert Musizieren ganz besonders die von Industrie und Wirtschaft gewünschten soft skills ", also die weichen Faktoren, die sich in der "Teamfähigkeit im Ensemblemusizieren, der emotionalen Stabilität, der Gewissenhaftigkeit beim Spielen, der Kreativität bei der Interpretation eines musikalischen Werkes" ausdrücken.

Sein Kollege und Präsident der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, Hermann Rauhe, spricht sogar von "Management by Music". In seinen Vorträgen als Musiktherapeut vor bekannten Großunternehmen vergleicht er das moderne Management mit gelungenem Musizieren: "Begeisterung, Hingabe, Stille, Konzentration, Einfühlungsvermögen, Aktives Zuhören, Teamfähigkeit, Mitarbeitermotivation, Gelassenheit, Angstfreiheit, Meditationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein" - all das gehöre sowohl zum Management wie zur Musik.

Es gibt Zahlen und Fakten, die den Erfolg der Musikanten belegen. Bastian hat in einer Langzeitstudie an Berliner Schulen herausgefunden, dass Musikerziehung Kinder intelligenter und sozial kompetenter macht. Sogar durch die Hirnforschung sollen sich positive Auswirkungen des Musizierens nachweisen lassen: Der Neurophysiologe der Harvard Medical School, Gottfried Schlaug, sprach jüngst auf einem Symposium in Frankfurt von "funktioneller und struktureller Reorganisation des menschlichen Gehirns" beim Erlernen eines Instruments. Durch die komplizierte Motorik würden die beiden Gehirnhälften besser verknüpft.

Wer selbst ein Instrument spielt, könne diese theoretischen Erkenntnisse nachvollziehen, glaubt Gerhard A. Meinl - Manager, Trompeter und Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Musikinstrumentehersteller in einem. Wo sonst könne man so gut lernen, mit (Bühnen-) Stress umzugehen wie in der Musik, argumentiert Meinl. Beispiel Ensemble: Der eine hat geübt, der andere nicht - trotzdem muss es im Team klappen; und wer patzt, muss wieder auf die richtige Note aufspringen können - eine feine Umschreibung für den Manageralltag.

Doch kein Musikant gleicht dem anderen. Michael Peters, Geschäftsführer der Messe Frankfurt, glaubt, dass die Art des Instruments deutlichen Einfluss auf den Menschen hat. So gäbe es melancholische, romantische, lyrische genauso wie reine Solo- oder typische Begleitinstrumente. Manche seien dominierend, manche nicht. Peters selbst fühlt sich mit einem Banjo in seiner Band am wohlsten: "Ich bin kein Solist." Er habe lange geschwankt zwischen einer Musikerkarriere als Gitarrist oder dem Beruf des Managers. Doch: Letztlich sei das Ganze nicht so verschieden - Manager wie Musiker müssten sich ständig neu motivieren, sich durchbeißen und so lange spielen, bis es in der Gruppe klappt.

Spielen deshalb so viele Führungskräfte ein Instrument? Der frühere Hypo-Bank-Vorstand und passionierte Klavierspieler Martin Kölsch macht eine Hochrechnung auf: Nähme man alle Vorstände der Dax-Unternehmen zusammen, resümiert er, würde man sicher deutlich mehr als zehn Prozent finden, die ein Instrument spielen.

Damit gäbe es bei den Topmanagern überdurchschnittlich viele Musiker. Denn laut dem Verband der Musikinstrumentehersteller spielen nur acht Prozent der Deutschen ein Instrument.

Doch nur selten sprechen die Manager über ihre musikalischen Ambitionen. Es passt nicht zum harten Alpha-Wolf: Der muss sportlich und körperlich fit sein - die mentale Fitness pflegt man eher im Stillen.

Dem widerspricht nicht, dass so mancher darüber stöhnt, in Deutschland sei jedes Ereignis musikalisch umrahmt. Als ob man sich beweisen müsse, dass man auch schwierige Musik verstünde. Die Musikwissenschaftler Bastian und Rauhe sind sich einig: Das aktive Musikspiel und das passive Hören seien zwei Paar Stiefel. Das eine könne das andere nicht ersetzen.

Eines steht fest: Es gibt keinen absoluten Beweis für die Wirkung des Instrumentalspiels auf den Erfolg, ein zwingender Zusammenhang zwischen Instrumentalspiel und Karrierespitze ist wissenschaftlich nicht nachweisbar. Selbst dann nicht, wenn der Manager ein ausgewiesener Könner auf seinem Instrument sei und damit überdurchschnittliche Einsatzfähigkeit und Ausdauer gezeigt habe, meint auch Messe-Chef Peters. Dem Amateurmusiker und Band-Mitglied fehlt die Zeit, um wie ein Profi üben zu können. Für ihn ist das Musikspiel nur ein Puzzlestein in der Persönlichkeitsstruktur des Managers.

Also führt das Spielen eines Instruments nicht jeden auf das oberste Treppchen. Doch das Erfolgsrezept für große Wirtschaftsführer ist wohl ähnlich dem großer Musiker. À la Jascha Heifetz, dem berühmten Geiger, brauche man dazu "die Nerven eines Raubtierdompteurs, die Konzentration eines buddhistischen Mönchs und die Chuzpe einer Nachtklubbesitzerin".
Dieser Artikel ist erschienen am 04.03.2002