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Toni Schumacher ? Torwart im Büro

Von Gregor Derichs
Toni Schumacher war einer der ehrgeizigsten Fußballer seiner Generation. Nachgelassen hat er nicht: Mit seiner Marketingagentur Sports First will er die Partnerschaft zwischen Schalke 04 und Gazprom auf Touren bringen. Seine weitere Kundenliste ist eindrucksvoll.
KÖLN. Lindenthal, im Westen von Köln, ein neues Bürogebäude, im dritten und vierten Stock die Agentur Sports First. Im Foyer hängen hinter Glas gerahmte Trikots von Weltklassespielern, Bälle von großen Endspielen zieren die Hutablage. Toni Schumacher lockert die Krawatte, das Sakko hat er abgelegt. ?Das ist mein neues Reich?, sagt er.Die Trophäen, die den Konferenzraum dekorieren und zu seiner Vergangenheit gehören, machen ihn bis heute zu einem der populärsten deutschen Sportler: Fußballer des Jahres, der Silberne Ball des zweitbesten WM-Spielers 1986, das Duplikat einer Meisterschale.

Die besten Jobs von allen

Das Trainingsgelände des 1. FC Köln, mit dem er seine größten Triumphe feierte, ist kaum einen Kilometer entfernt. Doch für den 52-Jährigen war der Weg zur Agentur an der Dürener Straße, die wiederum in seinem Geburtsort endet, doch etwas weiter. ?Ich war mit größter Leidenschaft Fußballer. Das war meine große Liebe, auch als Trainer?, sagt der Mann, den sie überall Toni nennen, obwohl als erster Vorname Harald in seiner Geburtsurkunde steht. ?Dann irgendwann einmal zu sagen: Okay, das war es, versuche nun einmal etwas Neues, dafür muss man 100 Prozent Überzeugung haben.?Vor drei Jahren hat er hineingeschnuppert in das Sportmarketing, vor zwei Jahren den kompletten Einstieg ins Business vollzogen: ?Es macht mir unheimlich viel Spaß. Ich habe eine Aufgabe gefunden, die mich total ausfüllt und fordert.? Sports First leitet er als Geschäftsführer und Inhaber zusammen mit Markus Bockelkamp und Georg R. Steimel. Die Firma, die zuvor zur ebenfalls in Köln ansässigen Agentur B+D gehörte, entstand Anfang 2006 im Zuge eines Management-Buy-outs.Überraschung dann im Spätherbst: Die 16-Mann-Agentur sicherte sich gegen die großen Namen der Sportmarketingszene den russischen Energiekonzern Gazprom als Kunden, der seit dem Jahreswechsel Hauptsponsor von Schalke 04 ist. Auftrag: die Kooperation zwischen Schalke, wo Schumacher eine Saison spielte, und Gazprom die nächsten fünfeinhalb Jahre mit Leben füllen.?Über Inhalte dürfen wir nichts sagen?, erklärt Schumacher. ?Der Deal ist ein weiterer Schritt für uns, dass wir zur führenden Agentur im Fußball werden.? In seiner Zeit als Spieler galt er als extrem ehrgeizig. Das scheint sich nicht geändert zu haben. Ein Trophäenjäger sei er immer noch, sagt er: ?Ich will, dass die Leute sagen, wenn man im Fußball etwas braucht, muss man Sports First anrufen. Ich will, dass wir die beste Agentur im Bereich des Fußball-Marketings werden.? Schumacher hat eine Art, einen gewissen Charme, dass solche Sätze nicht überheblich klingen.Immerhin: Die Kundenliste ist eindrucksvoll. Postbank, Bayer, T-Systems und Samsung sind darunter. Die meisten Werbekampagnen haben, weil sie innovativ inszeniert wurden, in der Szene große Anerkennung ausgelöst. Die Postbank erzielte in ihrer Auswertung zur Werbewirkung der WM-Sponsoren trotz eines vergleichsweise geringen Budgets einen Spitzenplatz, Samsung setzte im Fußballsommer markante Akzente, obwohl die Firma keine Lizenzrechte für die WM erworben hatte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ehemaliger Sportjournalist als kreativer Kopf Der kreative Kopf der Agentur ist Bockelkamp, ein ehemaliger Sportjournalist, der Schumacher überzeugte, zu neuen Ufern aufzubrechen. Der Versuch des zuvor als Torwarttrainer tätigen Ex-Profis, sich als Chefcoach zu etablieren, war gescheitert, als er beim Zweitligisten Fortuna Köln im Dezember 1999 während der Halbzeitpause eines Spiels entlassen wurde. Danach war er unter der Regie von Berti Vogts Torwarttrainer bei Bayer Leverkusen, ein Job, den er schon beim FC Bayern und Borussia Dortmund innehatte.?Ich habe ihn gefragt, willst du wirklich noch mit 60 Jahren einen Torwart warmschießen und immer wieder drei Stunden beim Arzt liegen und dir Blut aus dem kaputten Knie ziehen lassen? Mache aus deiner Bekanntheit und mit deinen Sympathiewerten ein Business?, erinnert sich Bockelkamp an das Gespräch.Der Wechsel in die VIP- und Business-Logen, wo die Geschäfte gemacht werden, ist Schumacher nicht schwer gefallen. ?Wenn dir die Punkte fehlen, weil einer in der 89. Minute am Tor vorbeischießt, wird man als Trainer rausgeschmissen. Das habe ich nicht mehr gebraucht.? Er hat eine ganz neue Erfahrung gemacht: ?Ich habe 16 Jahre in Köln, bei Fenerbahce Istanbul, bei Schalke oder bei Bayern München immer gesagt, das ist mein Klub, ich habe mich total identifiziert mit den Vereinen. Aber bei dieser Firma, bei Sports First, kann ich erstmals wirklich sagen: Das ist meins. Die Motivation ist noch weitaus höher, ich arbeite nun nicht mehr für andere.?Dass Schumacher einiges mitgebracht hat von seinen Erfahrungen, die ihn mehr als 20 Jahre zu einem der erfolgreichsten deutschen Fußballprofis werden ließen, schätzen seine Partner. ?Vielleicht war er früher ein Türöffner, heute ist er wesentlich mehr?, sagt Bockelkamp. Der ?Toni? gibt der Agentur ein Gesicht, aber er ist wegen seiner Charaktereigenschaften auch so etwas wie der gute Geist. ?Er ist nicht so unnahbar wie andere Sportgrößen. Er macht ein Gespräch warm, er schafft emotionale Nähe. Er versteht es, eine Situation, in der es einmal knistert, mit einem lockeren Spruch, mit seiner Ausstrahlung und seiner sozialen Kompetenz zu entspannen?, erklärt Steimel, der ?Finanzminister? der Agentur.Dazu fungiert der Torwart, der in seiner aktiven Laufbahn mit seiner Impulsivität und seinem Drang zu offenen Worten zuweilen polarisierte und provozierte, gewissermaßen auch noch als Mentaltrainer. ?Wenn wir zu einem Meeting mit Auftraggebern oder potenziellen Kunden kommen, kann er die Lage sehr schnell einschätzen. Mit seiner Intuition erfühlt er die Stimmungen?, sagt Bockelkamp. Der einst oft hitzköpfige Schumacher wird zum ruhenden Pol, für die Kollegen und Angestellten. Werden die Marketinggespräche zu fachspezifisch, ?dann halte ich mich zurück. Ich weiß, was es heißt, in einer Mannschaft zu spielen.? Dass ihm die zweite Karriere so viel Spaß machen würde, hat ihn selbst überrascht: ?Ich habe nicht geglaubt, dass dies nach einem Job wie Fußballprofi, der wirklich oberste Sahne ist, möglich ist.?
Dieser Artikel ist erschienen am 04.01.2007