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Tom allein zu Haus

Von Martin W. Buchenau und Matthias Eberle
Chrysler-Chef Tom LaSorda hat vom jetzigen Konzernlenker Dieter Zetsche eine chronisch kranke Firma übernommen. Der gebürtige Kanadier soll nun eine Suppe auslöffeln, an der sein deutscher Vorgänger wesentlich mitgekocht hat. So tapfer LaSordas Kampf auch ist: Er scheint aussichtslos. Was noch schlimmer wiegt: LaSorda ist allein an vorderster Front.
Vielleicht würde er jetzt gern lächeln. Ein Lächeln sei ?ein Signal, das überall auf der Welt verstanden wird?, so hat Thomas (Tom) LaSorda seine freundliche, fast kumpelhafte Ader erklärt. Ein Jahr ist das her.Aber jetzt darf er nicht lächeln. Nicht an diesem Tag, den US-Gewerkschaften schon zum ?Valentinstags-Massaker? erklärt haben. Also schließt Tom LaSorda den Mund, schaut verloren in die Fotokameras und verzieht keine Miene, bis das Blitzlichtgewitter vorüber ist.

Die besten Jobs von allen

Abgekämpft sieht LaSorda aus, überarbeitet in jedem Fall, vielleicht gar ein bisschen überfordert. Produktionschef von Chrysler ist er seit Jahren, aber er ist nun auch der erste Sanierer im Haus und neuerdings sogar Vertriebschef in einem Laden, dessen Händler auf die Barrikaden gehen. Was noch schlimmer wiegt: LaSorda ist allein an vorderster Front.Als wolle sein Vorgänger Dieter Zetsche bildhaft zeigen, dass Detroit weit, weit weg liegt von Stuttgart, platziert er den Chef der US-Sparte bei der Bilanzpressekonferenz am rechten Rand des Podiums. Zetsche sucht Sicherheitsabstand und nimmt Platz in der Mitte.Um Chrysler wieder in die Spur zu bringen, ?haben Tom und sein Team einen Sanierungsplan entwickelt?, betont der Konzernchef am vergangenen Mittwoch. Deshalb werde LaSorda diesen Teil des Vortrags übernehmen. Es ist der Tag, an dem Zetsche sein persönliches Schicksal als Daimler-Konzernchef von Chrysler abkoppelt. Für den Fall, dass der letzte Versuch schief gehen sollte, den amerikanischen Patienten zu retten, lotet Zetsche alle Optionen aus ? auch den Verkauf von Chrysler.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Den Vorgänger enttäuschtLaSorda weiß, dass er seinen Vorgänger im vergangenen Sommer enttäuscht hat. Noch Anfang September hatte der 52-Jährige dem Handelsblatt gesagt, er gehe von einem Gewinn bei Chrysler aus. Keine zwei Wochen später, am 15. September 2006, platzt die Bombe: Gewinnwarnung bei Chrysler, 1,5 Milliarden Dollar Verlust im dritten Quartal ? Zetsches erster großer Rückschlag in seiner Amtszeit.Jetzt soll LaSorda eine Suppe auslöffeln, an der Zetsche als Chrysler-Chef zwischen 2000 und 2005 wesentlich mitgekocht hat. Schon Ende 2005 stellte Chrysler seinen Händlern auffällig viele Fahrzeuge auf den Hof und rechnete sie in der Bilanz ab. Zetsche brauchte den Erfolg, um Konzernchef zu werden. LaSorda trug den Kurs mit, schließlich wurde er nach Zetsches Beförderung Vorstandschef der US-Sparte.Für einen Trainer sei es immer schwer, ein Team zu übernehmen, das im Vorjahr gut abgeschnitten hat, sagte der Baseball-Fan. Er sollte Recht behalten. Dass die US-Kunden bald scharenweise zu sparsameren Autos greifen würden ? die Chrysler nicht im Programm hat ?, kam für alle überraschend. Aber mit der Überproduktion verschärften sich die Probleme bei Chrysler.Als Entschädigung für die schwere Erbschaft erhielt LaSorda frühzeitig im Sommer 2006 eine überraschende Vertragsverlängerung um fünf Jahre und damit eine kleine und letzte Chance, die Firma unter dem Dach von Daimler zu sanieren.Seine Qualitäten als Arbeitstier, das morgens um fünf Uhr aufsteht, sind jetzt mehr denn je gefordert. 13 000 Mitarbeiter muss er heimschicken, ein Werk schließen und weitere Schichten streichen. Dann soll er eine Restmannschaft motivieren, die neuerdings vermutet, dass sie allenfalls noch für den Verkauf geschmückt wird. LaSorda will diese Unsicherheit ?eher früher als später? beendet wissen, sagt er im ?Wall Street Journal?. Er will, er muss weiterkämpfen ? mit oder ohne Daimler im Rücken. Das Schicksal des drittgrößten US-Autoherstellers hängt auch von LaSordas Geschick bei den Verhandlungen mit den Gewerkschaften ab. Zum Überleben braucht Chrysler wie seine Rivalen GM und Ford deutliche Zugeständnisse von den Arbeitnehmern.Lesen Sie weiter auf Seite 3: LaSorda könnte einen Doppelgänger gebrauchenBleibt die UAW hart, steht LaSorda auf verlorenem Posten. Dabei bringt der gebürtige Kanadier gute Voraussetzungen für die Verhandlungen mit. Er wuchs als eines von neun Kindern in einer Arbeiterfamilie in Windsor auf. Die kanadische Stadt liegt der US-Autometropole Detroit gegenüber auf der andern Seite des Grenzflusses. Vater und Großvater waren Gewerkschaftsführer und arbeiteten bei Chrysler. Tom aber wollte lieber Manager werden, als am Band zu stehen.Damals noch langhaarig, studiert er Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft, absolviert seinen Master in BWL. Das Geld für den Studiengang verdient er bei GM, wo er auch seinen ersten Job annimmt. In Deutschland wird er bekannt, als er nach der Wende für GM den Aufbau des Opel-Werks in Eisenach leitet. Zetsche wirbt LaSorda 2000 zur Firma seiner Väter ab. Schon bei der Krise vor fünf Jahren muss er Tausende Jobs abbauen und Dinge streichen, für die seine Vorfahren noch gekämpft haben. Auf Nachgiebigkeit wegen seiner Biografie können die Gewerkschaften nicht hoffen: LaSorda steht mit dem Rücken zur Wand.Für seine Frau und die Töchter dürfte da kaum Zeit bleiben, noch weniger für seine Leidenschaft Golf. Auch Zwillingsbruder Tony dürfte zu kurz kommen. Einst hat er ihn in Eisenach aus Spaß an seiner Stelle ins Büro geschickt ? und keiner hat es auf Anhieb gemerkt.LaSorda muss in den nächsten Monaten an so vielen Fronten kämpfen, er könnte einen Doppelgänger gut brauchen. Kritiker trauen dem Produktionsprofi zu, die Kosten zu drücken. Sie zweifeln aber, dass er der Richtige ist für andere drängende Aufgaben: die Entwicklung neuer Autos, für Marketing und Vertrieb.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Kurzer Lebenslauf.Thomas LaSorda1954: Er wird am 24. Juli im kanadischen Windsor/Ontario geboren.1977: Er beginnt nach dem BWL-Studium bei General Motors. In den 80er-Jahren lernt er in Japan bei einem Joint Venture mit Suzuki schlanke japanische Fertigung kennen, die ihm zum Vorbild wird.1991: Er baut für GM das Opel-Werk in Deutschland auf. Die deutsche Sprache lernt er in der kurzen Zeit nicht. Nach zwei Jahren kehrt er in die USA zurück und steigt zum Chef der Qualitätssicherung auf.2000: Er wechselt zu Chrysler und folgt 2004 Wolfgang Bernhard als Produktionschef.2005: Er wird Nachfolger von Dieter Zetsche, als der Mercedes-Chef wird.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.02.2007