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Titanic mit neuen Stühlen

Von Jens Koenen
Locker und kreativ: Mit dieser Philosophie hat Jerry Yang aus einem Mini-Unternehmen den Internetkonzern Yahoo geformt. Jetzt rückt er an die Firmenspitze, um sein Lebenswerk zu retten. Doch viele Beobachter sind skeptisch, ob er dem Konzern neues Leben einhauchen kann.
Yang und Filo: die beiden Gründer von Yahoo. Foto: ap
FRANKFURT. Die Botschaft an diesem Morgen ist knapp, aber klar. Es geht um Mut, frischen Mut und neue Zuversicht für die zigtausend Yahoo-Mitarbeiter. ?Die letzten Jahre waren ganz offensichtlich nicht die einfachsten für uns. Aber wir haben wichtige Schritte unternommen, um den Herausforderungen zu begegnen. Wir beginnen, erste Erfolge zu realisieren?, schreibt Jerry Yang im internen Firmenblog.Kurz zuvor hat der 38-jährige Internetstar und Mitgründer der Suchmaschine wieder den Chefposten übernommen und Terry Semel als Chief Executive Officer (CEO) abgelöst. Semel muss sich mit der Rolle eines Aufsichtsratschefs begnügen.

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Mut, den kann die Yahoo-Belegschaft derzeit gut gebrauchen. Die Stimmung in der Firmenzentrale im kalifornischen Sunnyvale ist am Boden. Der ewige Zweikampf gegen Google, das Gefühl, nur noch auf der Verliererseite zu stehen, das hat an den Nerven gezehrt. ?Nahezu jeder, mit dem ich über Yahoo zuletzt geredet habe, erklärte mir, dass die Firma ein Wrack ist. Dass die Manager von Bord gehen. Dass die Bürokratie die Oberherrschaft übernommen hat?, schildert Thomas Hwak in seinem renommierten Technologie-Blog im Internet die Situation.Yang weiß das und hat wohl vor allem deshalb die Reißleine gezogen. Er muss, er will Yahoo wieder jenes Leben einhauchen, das den Star der ersten Internetwelle ausgezeichnet hat, ihn so erfolgreich machte. Stets leger mit T-Shirt, Baumwollhose und Schuhen vom Grabbeltisch hatten Yang und sein Kommilitone David Filo, die beiden Gründer von Yahoo, Ende der neunziger Jahre vor allem für eines gestanden: Lockerheit und Platz für Kreativität.Es ist genau jene Gründungs- und Erfolgsgeschichte von Yang, die Pate stehen könnte für die neue Yahoo. Als Zehnjähriger kommt der gebürtige Taiwanese mit seinem Bruder und seiner Mutter nach San José in Kalifornien. Schnell entdecken die Lehrer sein Faible für mathematisch komplexe Zusammenhänge. Auch ansonsten glänzt der junge Immigrant, ist ein guter Tennisspieler und engagiert sich als Schulsprecher.Es folgt ein Stipendium an der Stanford-Universität. Doch statt sich auf sein Studium zu konzentrieren, spielt Yang lieber im gerade entstehenden Internet. Zu Beginn sind es Webseiten über das Sumo-Ringen, die der Japan-Fan bastelt. Später ist Yang einfach nur neugierig, schaut, was sich im Web ansammelt. Nur mit der Unordnung kommt der Student nicht klar, hat er doch als Aushilfskraft in einer Bibliothek gelernt, wie eine gute Suchlogik funktioniert.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Es ist eine gefährliche Zeit." In einem muffigen Wohnwagen auf dem Gelände der Universität beginnen er und sein Freund, die Idee für die Suchmaschine auszutüfteln. Yang katalogisiert die Web-Seiten, die ihm gefallen. Schnell spricht sich die Web-Hilfe auf dem Campus herum, von Tag zu Tag bekommt ?Jerry?s Führer für das World Wide Web? mehr Fans.Irgendwann setzt sich der Name ?Yet Another Hierarchical Officious Oracle? oder eben in Kurzform Yahoo durch. Ein Name, der Yang besonders gut gefällt, steht er doch gleichzeitig für die bösen und nicht gerade ansehnlichen Gesellen aus der berühmten Geschichte ?Gullivers Reisen?. ?Die Beschreibung trifft genau auf David und mich zu?, sagt er einmal, als er auf die doch etwas sonderbare Namensgebung angesprochen wird.Ein wenig von diesem früheren Raubein, von dem Menschen, der Unkonventionelles denkt und erlaubt, will Yang seinem Baby Yahoo nun wieder einhauchen. Dass er den ?Spirit? noch hat, das bestätigen viele, die ihn kennen. ?Er ist bodenständig und bescheiden geblieben?, beschreibt ein Wegbegleiter den neuen alten Yahoo-Chef.Das ist nicht selbstverständlich, kann sich Yang Luxus doch ohne Probleme leisten. Das US-Magazin Forbes führt ihn in der Liste der 500 reichsten Menschen der Welt. Alleine sein Anteil an Yahoo von zuletzt gemeldeten vier Prozent ist derzeit gut 1,5 Milliarden Dollar wert.Doch trotz seiner Bodenhaftung gibt es Skeptiker, die nicht so recht daran glauben mögen, dass Yang genau jene ?Wiedergeburt? der alten Yahoo gelingen wird. ?Yahoo hat nach wie vor viele Möglichkeiten, aber es ist auch eine gefährliche Zeit. Sie können es sich eigentlich nicht erlauben zu experimentieren?, warnt Greg Sterlin vom Marktforscher Sterling Market Intelligence.Hinzu kommt: Der Neue ist eigentlich kein solcher. Schon bisher haben Yang und Semel eng zusammengearbeitet. Es war Yang, der den erfahrenen Medienmanager 2001 zu Yahoo holte. Der Internetstar war mächtig ins Trudeln geraten, Semel ordnete ihn und brachte ihn in die Gewinnzone. Yang fungierte seitdem als ?Chief Yahoo?, wie es seine Visitenkarte bis zum gestrigen Dienstag auch offiziell verkündete ? zuständig für die Entwicklung der Strategie und den Entwurf der Vision. Doch genau daran hapert es bei Yahoo.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Es bleibt spannend, welche Rolle Yang künftig im Unternehmen einnehmen wird. Nicht wenige US-Beobachter kommentieren das Revirement deshalb auch bitterböse. Es seien an Deck der Titanic lediglich die Stühle neu arrangiert worden, lästert Vishesh Kumar im Online-Magazin ?TheStreet.com?.Und so bleibt es spannend, welche Rolle Yang künftig de facto einnehmen wird ? die eines Chefs für das operative Geschäft wohl eher nicht, die behagte ihm noch nie. Direkt nach der Gründung von Yahoo hatte er deshalb den erfahrenen High-Tech-Manager Tim Koogle geholt. Künftig wird diese Aufgabe Sue Decker (siehe unten), die neue Präsidentin des Konzerns, übernehmen. Für Yang bleibt es, ?seiner Familie Yahoo? einen neuen Lebenssinn einzuhauchen. Ob das ausreicht, die Antwort will derzeit niemand geben.
Jerry Yang1968: Er wird am 6. November in Taipeh/Taiwan geboren. Er kommt mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder als Halbwaise im Alter von zehn Jahren nach San Jose, Kalifornien. Er studiert Elektrotechnik an der Stanford-Universität.1994: Dort lernt er David Filo kennen, mit dem er im April das Internetverzeichnis Yang?s Guide erstellt. Ein Jahr später gründen die beiden rund um diesen Suchdienst die Firma Yahoo.1996: Yahoo geht als eines der ersten reinen Internetunternehmen an die Börse. 1997 heiratet Yang die japanischstämmige Amerikanerin Akiko Yamazaki, eine Anthropologin.2006: Seit diesem Jahr sitzt er auch im Kuratorium der Universität Stanford. Der Milliardär lebt bei San Francisco und gilt als leidenschaftlicher Golfer.2007: Yang übernimmt am 18. Juni den Chefposten (Chief Executive Officer) von Terry Semel, der als Aufsichtsratschef bleibt.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.06.2007