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Tierischer Lerneffekt

Wölfe streicheln, Pferde führen, Adler locken - auf solche Aufgaben müssen Manager gefasst sein. Denn trainieren mit Tieren ist en vogue. Doch was bringen pelzige oder gefiederte Co-Trainer?
Der Chef hat die beiden Kontrahenten auf dem Kieker. Er beobachtet, wie sie sticheln, sich um die größeren Privilegien streiten. Sein Missfallen ist ihm anzusehen. Kurz bevor die Situation eskaliert, schreitet er ein. Energisch bringt der Leiter die beiden Streithansel zur Räson und erinnert sie daran, dass sie ein gemeinsames Ziel verfolgen, das Kooperation erfordert.

Was wie ein Beispiel aus dem Führungshandbuch wirkt, ist jedoch eine Szene aus dem Tierreich: "Solche Situationen spielen sich typischerweise in einem Wolfsrudel ab", sagt Irina Schefer. Die Personaltrainerin aus Berlin bietet in den Wildparks von Lüneburg und in Schorfheide Managementtrainings mit den grauen Raubtieren an.

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Die Trainerin ist überzeugt: Sowohl Führungskräfte als auch Teams können von Tieren einiges abschauen. Denn, "Wölfe sind schnell in der Konfliktschlichtung", schwärmt sie. Und das Rudel wählt seinen Anführer nach nachahmenswerten Maßstäben aus: "Es ist nicht das stärkste Tier, das zum Alpha-Tier wird - sondern das sozial kompetenteste", sagt Schefer.

Was vor rund zehn Jahren mit Pferdeseminaren begann, gibt es inzwischen auch mit Hunden, Wölfen, Greifvögeln - ja sogar mit Walen. Sie dienen als "Co-Trainer", um Verhalten und Persönlichkeit der Seminarteilnehmer zu schulen. Am beeindruckendsten ist die Entwicklung von Trainings mit Pferden: Galten diese vor zehn Jahren noch als "Ausnahme, die belächelt wurden, so gibt es inzwischen etwa 100 Anbieter", schätzt Nicole Bußmann. Die Chefredakteurin der Zeitschrift "ManagerSerminare" beobachtet Weiterbildungstrends und weiß: "Die tierischen Trainer stoßen auf rege Nachfrage." Unternehmen wie der Kosmetikhersteller L'Oréal, der Finanzdienstleister AWD und der Fotoverarbeiter CeWe Color haben Manager bereits in den Reitstall oder den Wildpark geschickt.

Bei der Mehrzahl der Workshops geht es um Übungen, die in Interaktion mit dem Tier zu bewältigen sind: Der Seminarteilnehmer soll mit dem Pferd im Kreis gehen, den Hund dazu bringen, etwas zu apportieren, oder einen Bussard zum Landen auf seinem Arm animieren. Die dabei zutage tretenden Verhaltensmuster der Workshopteilnehmer und die entstehenden Frustrations- oder Erfolgserlebnisse werden im Anschluss analysiert.

Günstigerweise arbeiten dazu zwei Seminarleiter zusammen - ein Tierprofi und ein Verhaltensexperte. Ein hilfreiches Auswahlkriterium, um tiervernarrten Hobbyanbietern zu entgehen. Weniger verbreitet ist es, Teilnehmern über die reine Beobachtung von Tieren Erkenntnisse für den Berufsalltag zu bescheren. Vor allem Trainer, die mit Wölfen arbeiten, verfolgen diesen Weg.

Die am häufigsten genannten Argumente für tiergestützte Trainings lauten: Tiere wecken starke Emotionen, mit denen sich insbesondere vernunftbetonte Menschen "knacken" und zu tiefen Lernerfahrungen führen lassen. Außerdem geben Zwei- und Vierbeiner ehrliches Feedback. Durch sie bekommen Manager die unverblümte Rückmeldung, die ihnen ihre Mitarbeiter häufig verwehren. "Denn anders als Menschen sind Tiere nicht berechnend, sie kennen weder Dünkel, noch haben sie Angst um ihren Job - sie melden direkt das zurück, was sie fühlen", erklärt Verena Neuse. "Sie bieten Seminarteilnehmern einen guten Anlass, über die eigene Person und die Wirkung auf andere nachzudenken", so die Überzeugung der Trainerin von der Reinbeker Pferdeakademie.

Gegenüber klassischen Verhaltenstrainings hat das tierische Feedback noch einen weiteren Vorteil: Über die Übungen mit den Tieren könnten auch unangenehme Wahrheiten angesprochen werden. Da Tiere über Mimik und kleinste körperliche Signale kommunizieren, registrieren sie beispielsweise auch beim Seminarteilnehmer jeden Widerspruch zwischen der Absicht und seinem Auftreten. "Durch den nonverbalen Austausch mit den Tieren erlernen die Teilnehmer Achtsamkeit - sich selbst als auch ihren Kommunikationspartnern gegenüber", sagt Patricia Elfert von Coach Dogs.

Wunder allerdings sollte man weder von Wölfen, Hunden, Adlern noch von Pferden erwarten. Kein Tier wird jahrelange Verhaltensweisen eines Menschen mit einer einzigen Begegnung verändern können. Das bedeutet: Ein Training mit Tieren sollte nicht isoliert genutzt werden, sondern etwa von Coachings flankiert werden. So sieht es auch Martin Prasse, Leiter der Personalentwicklung des Heinrich-Heine-Versandhauses.

Er hat Mitarbeiter ein Wolfstraining absolvieren lassen - als Auftakt für ein eineinhalbjähriges Programm zur Führungskräfteentwicklung. Von dem Training war er angetan, seine Empfehlung lautet dennoch: "Ich würde so ein Seminar nie allein stehen lassen, sondern immer in einen längeren Prozess zur Persönlichkeitsentwicklung einbauen." cl
Dieser Artikel ist erschienen am 22.10.2007