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Ticket in die Welt

Im Ausland arbeiten, interkulturelle Erfahrung sammeln und nebenbei die Sprache lernen: Junge Berufstätige können das auch ohne Arbeitgeber im Rücken mit organisierten Fortbildungsprogrammen verwirklichen - Finanzhilfen inbegriffen.
"Be flexible, be chinese", schoss es Lars Langner durch den Kopf, als sein Termin im chinesischen Bosch-Werk mit dem Mann aus der Stuttgarter Zentrale wegen Zeitmangels zu platzen drohte. Schließlich hing von dem Gespräch seine berufliche Zukunft ab. Also kletterte Fernost-Praktikant Langner kurzerhand zu seinem künftigen Chef in den Dienstwagen. Auf ihrer Fahrt von Wuxi nach Shanghai überzeugte der junge Wirtschaftsingenieur aus Hamburg dann den deutschen Bosch-Manager davon, dass er der richtige Mann für den Projektleiterposten in Stuttgart für das China-Geschäft mit Lkw-Dieselmotoren sei. Ein Argument sprach besonders für den Bewerber: Langners Heinz-Nixdorf-Stipendium für Fortbildung in Fernost, das ihn auf den Praktikumsplatz in Wuxi geführt hatte.
Das größte Fortbildungsförderprogramm einer privaten deutschen Stiftung sponsert alljährlich den Asien-Ausflug von knapp 50 handverlesenen jungen Berufstätigen - vorwiegend Absolventen kaufmännischer und technischer Fächer. Die deutschen Nachwuchsführungskräfte gehören keinem klassischen Expatriate-Programm einer Firma an. Ihr Auslandspraktikum organisieren sie auf eigene Faust.
Damit bewerben sie sich dann bei der Gesellschaft für Internationale Weiterbildung und Entwicklung (Inwent) in Bonn, die unter den Kandidaten die Auswahl trifft. Ein halbes Jahr leben und arbeiten die Stipendiaten in Japan, Taiwan, Vietnam, Indonesien, Malaysia, Südkorea, China oder Indien. Und erleben hautnah, wie Wirtschaft und Menschen in anderen Ecken der Welt ticken.

Morgens Klotzen, abends Karaoke
"Als Feuerwehrmann in der Qualitätsoptimierung musste ich Fertigungsprozesse überprüfen, aber auch mal einen Karaoke-Abend für die Familien der Belegschaft organisieren", erzählt Lars Langner vom asiatischen Arbeitsalltag. "In China trennt man Privates und Berufliches nicht wie bei uns."
Seinem praktischen Einsatz gingen jeweils zwei Monate Intensivsprachkurs in Deutschland und im Gastland voran. "Ein Sprachgenie bin ich nicht, aber als ich bei der Veranstaltung mit den Söhnen und Töchtern der Kollegen ein chinesisches Kinderlied sang, hatte ich die Lacher auf meiner Seite." Schon im Benimmkurs zu Hause hatte Langner gelernt, die Höflichkeitsrituale der Chinesen genau zu beachten, damit niemand sein Gesicht verliert.

Die besten Jobs von allen


Karrierehilfe zum Nulltarif
Acht Monate China in Theorie und Praxis - eine solche Weiterbildungskombination springt Personalern sofort ins Auge. Entsprechend hoch ist die Erfolgsquote der Heinz-Nixdorf-Förderung. Rund 85 Prozent der Asien-Heimkehrer hatten innerhalb von drei Monaten eine neue Anstellung.
Das Beste am Paderborner Programm: Reise, Unterkunft und das hochklassige Sprachtraining kosten Auserwählte wie Lars Langner keinen Cent. Stattdessen gibt es noch ein vergleichsweise fürstliches Taschengeld obendrauf: Das monatliche Stipendium beträgt für die Dauer des Auslandsaufenthalts mehr als 1 000 Euro - mit herzlichen Grüßen des ostwestfälischen Computerpioniers Heinz Nixdorf. Dem lag zu Lebzeiten die Qualifikation seiner Mitarbeiter am Herzen, und in dessen Sinn wird heute Nachwuchsförderung für den Standort Deutschland betrieben

Programme für jedermann
Organisiert und vergeben werden die Nixdorf-Stipendien von Inwent in Bonn. Mit ihren 34 Bildungs-, Austausch- und Stipendienprogrammen ist die Gemeinschaftsinitiative von Bund, Ländern und Wirtschaft der größte deutsche Anbieter beruflicher Auslandsqualifizierung. Ob Unternehmenspraktikum oder Studentenaustausch - alle Programme dienen der Verbesserung der sprachlichen und interkulturellen Kompetenz sowie der Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmer.
Pro Jahr schickt Inwent rund 7 000 junge Deutsche auf Weiterbildungsreisen in die Welt. Azubis, Studenten, junge Berufstätige und Nachwuchsmanager zwischen 18 und 35 Jahren können sich um die Förderung bewerben: vom Lehrer auf Austauschbesuch innerhalb Europas bis zum Projektteilnehmer, der Jugendliche in Afrika handwerklich schult. Finanzielle Unterstützung können aber auch junge Banker beantragen, die ein Praktikum in Spanien absolvieren, oder FH-Studenten, die ihr Praxissemester in Südamerika verbringen. Rund 15 Millionen Euro enthält der Inwent-Fördertopf 2006 für die Qualifizierung junger Deutscher. Noch. Denn die Mittel der Bundesregierung fließen in Zukunft wohl spärlicher.
Die gewährten Finanzspritzen fallen je nach Programm ohnehin sehr unterschiedlich aus. "Mal gibt es einige hundert Euro als Zubrot, mal werden die Sprachkurs-, Versicherungs- oder Reisekosten von Sponsoren wie der EU, dem deutschen Bundestag oder wirtschaftsnahen Stiftungen übernommen", sagt Martin Broicher. Broicher ist Leiter des Inwent-Bereichs Industrie- und Transformationsländer, derjenigen Abteilung, die junge Deutsche ins Ausland schickt. Der Asien-Crashkurs für Heinz-Nixdorf-Stipendiaten wie Lars Langner gilt als Weiterbildung de luxe innerhalb des traditionsreichen Inwent-Angebots

Stipendiat Kai-Uwe Ricke
Vor mehr als 20 Jahren reiste bereits Kai-Uwe Ricke, heute Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, zum Praktikum nach Japan, um sich fachlich weiterzubilden und die Sitten der Söhne Nippons kennen zu lernen. Rickes Trip organisierte damals noch die Carl Duisberg Gesellschaft, die 2002 mit der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung zur heutigen Inwent fusionierte. An den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert sich die Gesellschaft bis heute. "Wir fördern noch immer besonders die jungen Leute, die nach Asien gehen. Aber auch solche, die nach Osteuropa oder Lateinamerika wollen", sagt Broicher. Der Experte weiß, welches Auslands-Know-how von deutschen Unternehmen dringend benötigt wird

Teure US-Trips
Wer dagegen in die USA will, muss tief in die eigene Tasche greifen. Inwent hilft zwar dabei, die Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung für Jobtrainings oder Kombis aus Studien- und Praktikumsaufenthalt von den amerikanischen Behörden zu bekommen. Dafür kassiert die Bonner Institution für diese und andere Dienstleistungen rund um die US-Fortbildung aber auch satte Gebühren. Wo sonst Zuschüsse fließen, werden Weiterbildungswilligen hier allenfalls Darlehen gewährt. Ob Amerika, Europa oder Asien, mit Stipendium oder auf eigene Rechnung - der Wunsch nach Welterfahrung nimmt unter den jungen Deutschen zu: Jedes Jahr trudeln rund 36 000 schriftliche Bewerbungen bei Inwent ein. Broicher: "Vor zehn Jahren kamen auf jeden Platz fünf Bewerber, inzwischen sind es schon sieben.

Sieben Monate Santiago
Oft befinden sich die Kandidaten in der Phase zwischen Studium und erstem Job. Oder sie sind ohnehin auf dem Sprung zu einem neuen Arbeitgeber und verbessern ihre Karrierechancen durch den Auslandseinsatz. Gute Karten in Sachen Sponsoring haben auch FH-Studenten wie Hilmar Blanke, die ihr Praxissemester in der Ferne absolvieren. Der heutige Diplom-Kaufmann wollte nach seinem Grundstudium nach Chile. "Meine Praktikumssuche war abenteuerlich. Ich habe im Internet recherchiert und wildfremde Leute angemailt", erinnert sich der 31-Jährige. "Um drei Ecken bekam ich dann die Telefonnummer des Geschäftsführers der Emasa in Santiago de Chile." Der Vertrieb für deutsche Elektrowerkzeuge und Hausgeräte wollte den FH-Studenten für sieben Monate als Assistent für einen Großkundenbetreuer anheuern.
So viel Eigeninitiative und sein persönlicher Auftritt überzeugten das Bewerbungskomitee von Inwent. Er erhielt den Zuschlag - "obwohl ich damals auf Spanisch gerade mal Brot kaufen konnte", erinnert sich der Betriebswirt. Dafür schwärmte er dem Gremium von seinem Mitbewohner vor, einem Doktoranden aus Chile, und wie dieser ihn auf den südamerikanischen Zukunftsmarkt neugierig gemacht habe

Erfahrungen fürs Leben
Blankes Enthusiasmus siegte; ein Jahr später packte er seine Koffer. Die Umstellung vom Studi-Dasein auf Dauer-Power fiel dem Kölner nicht leicht. Dafür lernte er das südamerikanische Mañana korrekt zu interpretieren und die chilenische Gruppendynamik zu schätzen: "Zum Mittagessen gingen wir mindestens zu zehnt, es wurde viel gescherzt. Und wenn ich Kollegen in meinem Alter zu Hause besuchte, traf ich auch deren Großfamilie. Wirtschaftliche Unabhängigkeit wie wir kennen junge Chilenen nicht."
Seine Erfahrungen helfen ihm heute beim Umgang mit mittelamerikanischen Kooperationspartnern. Blanke arbeitet inzwischen bei einem Getriebebauer in Köln. Er betreut und kalkuliert neue Projekte, zum Beispiel in Mexiko. Denn auch dort gilt: Ohne gute persönliche Beziehung kein erfolgreiches Geschäft.
Und auch in Deutschland zahlt sich die professionelle Beziehungspflege bei den Alumni-Treffen oder beim Online-Networking der globalen Gastarbeiter aus: Nicht selten finden ehemalige Inwent-Stipendiaten in diesen Kreisen neue Karrierechancen

Claudia Obmann

Inwent-Förderung
Ab ins Ausland
Wer Auslandserfahrung sammeln will, kann dies auf drei Wegen tun: über den Arbeitgeber oder die Uni, auf eigene Faust oder mit einem Spezialveranstalter. Einen Überblick über Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Ausland bietet die Bonner Internationale Weiterbildung und Entwicklung Gesellschaft (Inwent).
Ihre im Auftrag des Bundesbildungsministeriums erstellte Datenbank "Weiterbildung ohne Grenzen" (www.ibs.inwent.org) enthält rund 170 Angebote von mehr als 60 nichtkommerziellen, zum Teil Stipendien vergebenden Institutionen. 34 Fortbildungsprogramme davon organisiert Inwent selbst (www.inwent.org/ins_ausland):
Zielgruppe: Azubis und junge Berufstätige, Studenten und Absolventen sowie Fachkräfte der Berufs- und Erwachsenenbildung. Kaufmännische und technische Programmangebote überwiegen.
Zugangsvoraussetzung: Abgeschlossene Ausbildung oder Grundstudium und erste Berufspraxis, Fremdsprachenkenntnisse. Eigeninitiative bei der Praktikumssuche meist Bedingung. Höchstalter je nach Programm 30 bis 35 Jahre.
Vorlauf: Für Asien und Übersee mindestens ein halbes Jahr, für das FH-Praxissemester ein Jahr.
Bewerbung: Schriftlich plus Vorstellungsgespräch.
Stipendien: Je nach Programm Zuschüsse zu den Reisekosten, Übernahme der Versicherung oder des Sprachkurses. Wer ein Praktikumsentgelt einstreicht, erhält entsprechend weniger Förderung.
Anerkennung der Auslandserfahrung: Europass und US-Praktikumsbescheinigung sind gegen Gebühr erhältlich.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.05.2006