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Thumanns sanfte Tour

Von C. Nesshöver, D. Creutzburg
100 Tage Thumann: Der neue BDI-Chef gibt sich gerne nett. Selten hat jemand in einem solch eminenten öffentlichen Amt so schnell gepunktet, wenn ihn seine Biografie darauf eigentlich kaum vorbereitet hat. Doch das hat in Berlin Grenzen. Eine Handelsblatt-Reportage.
Jürgen Thumann, BDI-Präsident. Foto: dpa
Fünf auf dem Podium, 2,5 Millionen vor den Schirmen daheim: Wer das Land mitregieren will, der muss hierher. Für Thumann, den neuen Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie, liegt die Betonung auf ?muss?. Das alldonnerstägliche Getalke, Getöne und Gekeife auf den orangefarbenen Sesseln im Innenhof von Unter den Linden 36 bis 38 liegt ihm eigentlich nicht.Aber für sein neues Amt ist der öffentliche Auftritt das wichtigste Forum, um gehört zu werden. Auch wenn der Tag des BDI-Chefs mit einem Aufbau-Ost-Kongress begann, zu dem immerhin drei Bundesminister und der Bundestagspräsident aufliefen. Auch wenn er diese Woche mit Bundespräsident Horst Köhler Japan besucht. Weil Politik in den Medien gemacht wird, nimmt Thumann tapfer Platz neben talkshowerprobten Altstars wie EU-Industrie-Kommissar Verheugen, Beinahe-Kanzler Stoiber und Obergewerkschafter Sommer vom DGB.

Die besten Jobs von allen

Am Sonntag ist Thumann 100 Tage im Amt. Selten hat jemand in einem solch eminenten öffentlichen Amt so schnell gepunktet, wenn ihn seine Biografie darauf eigentlich kaum vorbereitet hat. Wer flüsterte SPD-Kanzler und CDU-CSU-Opposition per Talkshow eine Senkung der Unternehmensteuersätze ein? Thumann. In der Hauptstadt ist Thumann, der aus seiner Firma H&T Group in Marsberg bei Kassel den Weltmarktführer bei Batteriehülsen schuf, der Newcomer des Jahres.Ein bisschen unerwartet kommt das schon. Selbst innerhalb des BDI gab es Befürchtungen, Thumann wäre dem Job als BDI-Chef nicht gewachsen: ?Viele hielten ihn für zu leise und zu nett, für ungeeignet, sich im Diskurs mit den Alphatieren durchzusetzen?, sagt ein BDI-Mann.So ist Thumanns Anfangserfolg auch weiser Voraussicht geschuldet. Schon vor seinem Amtsantritt begann der scheue Mittelständler aus dem Westfälischen mit einer Medienschulung. Die bekam schon der extrovertierte Thumann-Vorgänger Michael Rogowski, weil mit Illner, Christiansen & Co. die Medienlandschaft immer wichtiger wurde für die Politik ? erst recht für die einflussreichste Unternehmerorganisation Deutschlands mit über 100 000 Firmen. Thumann erschrak fast, als er lernte, dass nach den Regeln der Mediendemokratie, ?überspitzt gesagt, wichtiger ist, wie ich auftrete, und weniger, was ich sage?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Thumann ist ein Gentlemen durch und durchAber Thumann lernt schnell. Trotz Kanzlergeschenken entstünden immer noch kaum neue Jobs, stichelt Moderatorin Illner und zieht einen Schmollmund: ?Ist die deutsche Industrie undankbar?? ?Die deutsche Industrie ist nicht undankbar?, sagt Thumann sanft. ?Die deutsche Industrie anerkennt, was die Bundesregierung getan hat, Stichwort ist die Agenda 2010.? Nun müssten ?die verabredeten Steuersenkungen auch in die Tat umgesetzt werden?. Knapp und klar ? als wäre Thumann als Talker geboren worden.Nicht nur waren dem Vierer-Gespann-Fahrer und Präsidenten des unauffälligen Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung bisher knackige Statements zur Tagespolitik eher fremd. Obendrein unterscheidet sich sein Naturell erheblich von seinen marktschreierischen Vorgängern Hans-Olaf Henkel und Rogowski.Thumann, 63, ist ein Gentleman durch und durch. Ein Behutsamer, der eher zu leise spricht als zu laut. Henkel und Rogowski zogen Hass auf sich. Thumanns Teddybär-Touch zwingt seine Gegenüber fast, ihn gern zu haben.Als er zwölf Stunden vor seinem Auftritt bei ?Berlin Mitte? Wirtschaftsminister Wolfgang Clement beim BDI begrüßt, machen seine 1,90 Meter einen tiefen Diener. Als ihn Verkehrsminister Manfred Stolpe in die Mitte eines Fotos mit Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse, Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, Clement und sich selbst schieben will, wehrt Thumann ab. Hinten links in der zweiten Reihe nimmt er Aufstellung.Der neue BDI-Chef scheint eine Balance gefunden zu haben zwischen der Anpassung an die multimedial-kurzatmigen Zwänge seines neuen Amts und seinem persönlichen Stil mit einem Hauch 19. Jahrhundert. Dieses Unpolierte macht ihn sympathisch ? und erfolgreich: Ausgerechnet in der wegen ihrer Zwischenrufduelle selbst bei Polit-Profis gefürchteten Talkshow von Sabine Christiansen stielte Thumann im Februar seinen größten Coup ein. Vorab informierte der BDI-Präsident seine Talkpartner Clement und CDU-Chefin Angela Merkel, dass er ?live? eine Senkung der Unternehmensteuersätze anregen wolle. Die beiden verstanden. Auf dem Plateau formten sie ?spontan? eine große Koalition.Es folgte der ?Jobgipfel? samt Beschlüssen zu einer Senkung der Körperschaftsteuer von 25 auf 19 Prozent sowie unternehmerfreundlicher Reform der Gewerbe- und Erbschaftsteuer. Thumann nutzte die Gunst der Stunde: Clement und Kanzler Schröder wollten die unterstellte Reformmüdigkeit Lügen strafen (und Sparminister Hans Eichel unterbuttern), Oppositionschefin wollte Merkel demonstrieren, dass sich das Land bei 5,2 Millionen Arbeitslosen auf eine konstruktive CDU/CSU verlassen kann.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Sein Stil kommt auch beim Gegner anThumanns Stilwechsel kommt an, selbst beim ?Gegner?. Minister Clement lobt das ?außerordentlich gute Arbeitsverhältnis zum BDI?. Clement kennt Thumann noch aus Nordrhein-Westfalen, als er dort Ministerpräsident war. Gewerkschaftler sind fast ebenso freundlich. ?Mit Jürgen Thumann hat der BDI einen Präsidenten gewonnen, der den Verband mit Augenmaß führt?, findet DGB-Chef Sommer.Marktwirtschaftliche Puristen wie die ?Frankfurter Allgemeine Zeitung? schalten ihn der ?Klientelpolitik? und bemängelten, bei Thumann gehe ?kurzatmiger Lobbyismus über ordnungspolitische Klarheit?. Doch nicht einmal CDU-Politiker, denen Thumann mit seinem wiederholten Lob für die Agenda 2010 nicht gerade nach dem Mund redet, mögen diese Fundamentalkritik teilen: ?Mir ist bisher nicht aufgefallen, dass es Herrn Thumann grundsätzlich an ordnungspolitischer Klarheit fehlen würde?, sagt Michael Fuchs, CDU-Wirtschaftspolitiker und Ex-Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel.Kann Thumann als BDI-Chef ewig ?Mr. Nice Guy? bleiben? Mancher zweifelt. ?Die sanfte Tour kommt an ihre Grenzen, wenn ab Mitte des Jahres die Bundestagswahl 2006 in allen Köpfen ist?, warnt einer aus dem Oppositionslager. ?Dann sind klarere Worte gefragt, auch von Herrn Thumann.?Dass der BDI-Chef auch härter kann, bewies er im Januar als Gast der CSU-Klausur in Wildbad Kreuth. Zum Entzücken manches CSUlers machte der parteilose BDI-Chef klar, dass er die Grünen mit ihren Ministern Jürgen Trittin und Renate Künast für einen Standortnachteil hält, erzählen Teilnehmer.Auch bei anderen Themen vertritt Thumann Kontroverses. Den Atomausstieg hält er für einen großen Fehler. Dem EU-Beitritt der Türkei steht er sehr reserviert gegenüber. Die Veröffentlichung von Vorstandsgehältern lehnt er ab. Noch widerspricht niemand, weil die Etablierten den BDI-Chef nicht gleich zu Anfang schurigeln möchten. Doch wird sich Thumann wehren, wenn die politische Fieberkurve steigt?Sein Auftritt bei ?Berlin Mitte? deutet an: Da muss der BDI-Chef wohl noch zulegen. Was die deutsche Industrie denn für den ?kleinen Mann? tun könne, fragt Talkerin Illner. Thumann weicht aus, räuspert sich, doziert von ?beweglichem Sachanlagevermögen?. Seine Augen suchen den Boden zwischen seinen Füßen ab nach einer showtauglichen Replik. Vergeblich.Als sich Stoiber und Verheugen beharken über EU-Erweiterung und Dienstleistungsrichtlinie, hebt Thumann mehrfach den Finger, um et-was zu sagen, kommt aber nicht zu Wort. So bringt er seinen neuesten Vorschlag, eine Forschungsprämie für Betriebe, in der Sendung gar nicht erst an. Einer im Saalpublikum tuschelt: ?Der ist zu langsam.?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.04.2005