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Thorsten Seeger

Mein Name ist Thorsten Seeger und ich bin 28 Jahre alt. Seit September 2005 studiere ich an der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai. Vor dem Studium habe ich 3,5 Jahre bei Accenture als Berater im Bereich Financial Services gearbeitet.

Guest speaker und MBA Competitions
Die Zeit vergeht wie im Flug
Schon während meines Studiums in Deutschland (Internationale BWL) habe ich mir vorgenommen, nach einigen Jahren Berufserfahrung einen MBA zu machen. Ich bin mir selber nicht sicher wieso, aber irgendwie erschien mir die Zeit jetzt genau richtig. Am Anfang bin ich meiner Idee noch ein bisschen zurückhaltend begegnet, aber je mehr ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, desto überzeugter war ich, dass es ein Schritt in die richtige Richtung ist

Die besten Jobs von allen


Shanghai ist eine faszinierende Stadt. An manchen Tagen finde ich alles total interessant und spannend, an anderen wünsche ich mir, an einem anderen Ort, mit weniger Menschen und Chaos, zu sein. In manchen Stadtteilen ist Shanghai moderner als alle europäischen Städte, die ich kenne, in anderen denkt man eher an Entwicklungsland. Prinzipiell kann man aber sagen, dass Shanghai nicht China ist. Das Leben hier ist zwar immer noch ein ganzes Stück billiger als in Europa, aber nicht so sehr, wie man sich vielleicht bei dem Gedanken an ?China = Billiglohnland? vorstellt. Mit ca. 1.000 Euro pro Monat kann man relativ gut auskommen, allerdings geht man dann nicht oft in den ausländischen Restaurants essen. Ja, ich weiss, man ist ja in China um die Kultur zu erleben. Aber manchmal ist es dann doch schön, etwas Westliches zu essen, glaubt mir oder nicht.
Ich bin jetzt seit 6 Monaten an der CEIBS und mitten im zweiten Term. Bisher bin ich sehr zufrieden. Die Qualität der Vorlesungen ist sehr hoch. Die Professoren sind alle entweder nicht-Chinesen oder Chinesen, die in den USA studiert und gelehrt haben. Seit 2005 hat die Uni auch viel Geld in feste Professuren investiert, so dass sie jetzt nicht mehr auf Visiting Professors angewiesen ist. Diese gibt es natürlich trotzdem noch, vor allem für Electives, aber so kann die konstante Qualität des Core Curriculums natürlich viel besser gewährleistet werden. Auch die englischen Sprachkenntnisse meiner chinesischen Kommilitonen sind besser, als ich erwartet habe. Es gibt hier ca. 20% internationale Studenten aus fast allen Teilen der Welt, nichtsdestotrotz ist eine klare Mehrheit aus Europa. Schliesslich ist es ja auch die ?China Europe International Business School?. Dadurch, dass wir dann doch eine relativ kleine Gruppe im größeren Ganzen sind, ist der Zusammenhalt der Internationalen sehr stark, was ich sehr schätze. Natürlich haben unsere Chinesischen Mitstudenten uns herzlich aufgenommen, aber manchmal ist es doch gut, sich mit jemandem auszutauschen, der einen ähnlichen kulturellen Hintergrund hat.

Auf jeden Fall geniesse ich meine Zeit hier, ich lerne täglich neues und erweitere meinen Horizont (auch und vor allem ausserhalb des Klassenzimmers) und habe die Chance, eine Menge interessanter Leute kennen zu lernen

In meinem nächsten Eintrag werde ich mich mit den Präsentationen der verschiedenen Firmen und Politiker widmen, die es hier ständig gibt und ein bisschen von den verschiedenen MBA Competitions erzählen

Guest speaker und MBA Competitions
Neben dem ?normalen? Studium wird das Leben an einer Business School noch von den vielen extracurricularen Aktivitäten bestimmt. Vor allem Präsentationen von Gästen und MBA Competitions nehmen viel Zeit in Anspruch. Bevor ich hier war, hatte ich keine Ahnung, wie viele dieser Competitions es gibt. Manche sind Business Plan orientiert, andere eher in Form einer Online-Simulation, wieder andere sind Essay-Wettbewerbe. Bei den meisten ist es so, dass die erste(n) Runde(n) virtuell sind und nur das Finale an der jeweiligen Schule stattfindet. Ich habe das Gefühl, dass es nicht so schwer ist weiterzukommen, wie es auf den ersten Blick aussieht. Letztes Jahr habe ich ein paar Tage am Indian Institute of Management in Ahmedabad verbracht, und dort an ?Confluence 2005? teilgenommen. Harte Arbeit und ein bisschen Glück haben meinem Team den Gesamtsieg eingebracht. Wir hatten vorher schon ein paar Tage als Touristen in Indien verbracht, und mit dem Gewinn konnten wir die Kosten des Aufenthalts decken. Die Flüge waren zu einem großen Teil von der Uni in Indien und CEIBS bezahlt. CEIBS sponsert jedes Jahr bis zu 5 competitions, meine Kommilitonen waren bisher in Bangkok und zweimal in den USA. Der Vorteil von CEIBS ist, dass wir, als ?beste Business-School Asiens? (gemäß FT Ranking), eingeladen werden, an fast allen competitions teilzunehmen

Bezüglich der Guest Speaker kann ich nur sagen ?Wer sich für Europapolitik interessiert, sollte an der CEIBS studieren?. Klingt komisch, ist aber so. In den 7 Monaten von August 2005 bis März 2006 hatten wir unzählige Besuche von Europapolitikern. Unter anderem:

  • Jose Manuel Barroso, "Präsident der Europäischen Kommission"
  • Javier Solana, ?Generalsekretär des Ministerrats und Hoher Vertreter für die gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik?
  • Viviane Reading, ?First European Commissioner of Information Society and Media Policies?
  • Martin Schulz, ?Vorsitzender der Fraktion der Sozialdemokratischen Parteien Europas im Europäischen Parlament?
  • Dr. Andris Piebalgs, ?EU Commissioner for Energy Policy?
  • Laslzo Kovacs, ?EU Commissioner for Taxation and Customs Union?
  • Ein Mitglied des Deutschen Bundestags
  • Etc. pp


Obwohl es natürlich ganz interessant ist, diese Leute zu treffen und mit Ihnen zu diskutieren, wäre ich manchmal froh, wenn uns weniger Politiker und mehr CEOs besuchen würden. Wir haben natürlich auch viele Firmenpräsentationen, aber S&P 500 CEOs habe ich noch nicht sehr viele getroffen. Das ist sicher ein Punkt, an dem sich die Schule in den nächsten Jahren noch verbessern muss. Zusätzlich zu den von der Schule organisierten Präsentationen, gibt es noch die zahlreichen Events der Studentenclubs.

Wir haben ca. 25 Clubs, manche sind eher karriere-orientiert (z.B. Finance Club, Consulting Club, Supply Chain Club, etc.), manche sportlich (Basketball, Soccer, Table tennis, etc.) und wieder andere passen in keine Kategorie (Public Speaking Club, Leadership Club, Movie Club, International Club, Night Club, etc.). Da passiert es dann schon mal, dass man sich zwischen 3 oder 4 Aktivitäten, die gleichzeitig stattfinden, entscheiden muss ? was nicht immer einfach ist. Das Schöne an den Clubs ist, dass man sich selbst sehr gut einbringen kann. Durch das Organisieren von Events lernt man etwas, und hat auch die Chance in Kontakt mit Firmen und Themen zu kommen, für die man sich interessiert. Man nimmt sozusagen sein eigenes Schicksal in die Hand

Die Zeit vergeht wie im Flug

Jetzt hat es doch sehr lange gedauert, bis ich wieder dazukam, einen Eintrag zu schreiben. Term 2 ist in Zwischenzeit vorbei, und auch Term 3 gehört schon der Vergangenheit an. War der 2. Term noch von core courses geprägt, gab es davon in Term 3 nur noch eines (Chinese Economic Reform), der Rest waren Electives. Das Angebot an Electives war recht breit, es gab alle möglichen Kurse von Advanced Management Accounting, HR Management, Management Consulting über Project Management bis hin zu Investment Banking. Es ist eigentlich für jeden was dabei, aber natürlich darf man nicht erwarten, das selbe Spektrum zur Auswahl zu haben wie an manchen US Unis, da wir mit nur 180 Studenten im Jahrgang eben weniger Fächer füllen können als mit 1000 Studenten möglich wäre. Ich war dennoch sehr zufrieden, und auch die Qualität der Professoren, die meisten Gast-Professoren aus Europa und den USA, war konsistent gut bis sehr gut

Nach Term 3 hatten wir dann die Möglichkeit, entweder ein individuelles internship zu machen, oder ein so genanntes Group Consulting Project (GCP). Ich habe mich zusammen mit einer Gruppe aus vier meiner Mitstudenten (ein Australier, ein Belgier und zwei Chinesinnen) für das GCP entschieden. Dabei haben wir ABB 6 Wochen lang beraten, wie die Low Cost Country Sourcing Strategie für die Powertrain Business Unit verbessert und verfeinert werden kann. Drei meiner Teammates verbrachten dafür 2 Wochen bei ABB in Schweden und Deutschland, während ich mit meinem anderen Kommilitonen in den USA war, um mit den ABB Mitarbeitern in Auburn Hills (bei Detroit) Interviews zu machen. Das Ziel war herauszufinden, warum diese die existierenden Möglichkeiten des Low Cost Country Sourcing nicht ausnutzen und Vorschläge zur Verbesserung zu machen. Das war eine sehr interessante Zeit, hat mich aber auch total in meiner Überzeugung bestätigt, dass das MBA in China genau der richtige Schritt war ? länger als ein paar Wochen halte ich es in den USA nicht aus, das ist mir irgendwie alles zu oberflächlich dort.

Anschließend hatten wir 2 Wochen Ferien und nun hat der 4. Term schon angefangen. Dieser besteht entweder aus Electives hier in Shanghai, oder bietet alternativ die Möglichkeit, einen international exchange zu machen. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich in Shanghai bleiben soll oder 3 Monate an einer anderen Uni vorteilhaft wären. Die Entscheidung viel mir wirklich nicht leicht, aber diesen Eintrag schreibe ich während ich auf meinen Flug nach Europa warte, um ab nächster Woche einen Term in London an der London Business School zu verbringen. Die Auswahl an Unis für den exchange war gut, aber ich bin mir sicher, dass ich mit der LBS eine gute Wahl getroffen habe. Um an einen der begehrten Plätze zu kommen, musste ich zuerst einfach anmelden. Wir konnten 3 Unis angeben, an die wir gerne gehen wollen. Dann hat unser MBA Office Interviews für alle Unis durchgeführt, bei denen es mehr Anmeldungen als Plätze gab. Die finale Entscheidung basierte dann auf einer Mischkalkulation zwischen Interview und GPA. Das klingt erstmal sehr bürokratisch, aber nachdem ich von den Studenten anderer Unis (die vor 2 Wochen nach Shanghai kamen um ihren exchange hier zu machen) gehört habe, wie kompliziert dort das Prozedere teilweise ist, bin ich sehr froh, dass wir keine seitenlangen Aufsätze schreiben mussten

Nach einem Jahr in Shanghai und 2/3 meines Studiums hier kann ich nur sagen, dass meine Entscheidung die richtige war. Ich habe sehr viel gelernt, und das meiste davon außerhalb des Unterrichts. Die Chinesische Kultur ist doch ganz anderes als alles was wir im Westen kennen, und um sich hier zurechtzufinden, braucht man doch einige Zeit und Energie. Das Studium und die Zeit in Shanghai haben daher ein sehr brauchbares Fundament gelegt, auf dass ich in Zukunft mit Sicherheit bauen kann.
Der einzige wunde Punkt in der ganzen CEIBS Erfahrung war bisher das Career Development Center. Dieses Career Office hat die Aufgabe, Kontakte zu Firmen zu haben und die Studenten bei der Jobsuche zu unterstützen. Dies geschieht durch CV writing workshops, interview trainings und Firmenpräsentationen auf dem Campus. Die Unterstützung für meine Chinesischen Kommilitonen war sehr gut und jeder von denen kann sicher sein, nach seinem Abschluss zwischen sehr vielen Jobangeboten wählen zu können. Für die Internationalen Studenten sieht das etwas anders aus. Die Zahl der Internationalen Studenten hat in den letzten 3 Jahren konstant zugenommen, aber der Career Center hat sich noch nicht darauf eingestellt. Es ist nicht so, dass sie nicht versuchen würden uns zu helfen, aber alles was sie machen wirkt irgendwie ein bisschen unbeholfen. Daher sind wir relativ auf uns alleine gestellt, um den Post-MBA Traumjob zu finden. Ich bin aber guter Hoffnung, dass das in China nicht unmöglich sein kann?und im Laufe der Zeit wird auch der Career Center sich besser auf Internationale Studenten einstellen können.

Ich bin schon sehr gespannt, welche Erfahrungen ich in London machen werde und ob ich nach einem Semester dort immer noch so überzeugt von der CEIBS bin ? oder vielleicht sogar noch mehr?!?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.03.2006