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Therapie fürs Bier

Von Dirk Heilmann
Alan Clark hat es als Quereinsteiger zum Europachef von SAB Miller gebracht. Von Südafrika aus ? SAB steht für South African Breweries ? hat das Unternehmen den Bier-Markt erobert und ist fast überall vertreten. Nun sucht Clark für den weltweit zweitgrößten Braukonzern nach Übernahmekandidaten.
Alan Clark, Europa-Chef von SAB Miller, ausgebildeter Psychologe. Foto: HB
LONDON. Es ist eine jener Mini-Konzernzentralen, wie sie für London so typisch sind. Ein kleines Bürohaus in bester Lage, ein paar Schritte vom Hyde Park. Nur zwei Etagen darin beherbergen die Zentrale des Brauriesen SAB Miller. Gerade mal zwei Dutzend Leute arbeiten hier, der Vorstand und die engsten Mitarbeiter. Weitere 150 SAB-Leute sitzen im Londoner Osten, mehr hat die Zentrale nicht.Gerade wird der Vorstandsraum renoviert. Deshalb begrüßt der hochaufgeschossene, schlanke Europachef Alan Clark seine Gäste in der Bar, die natürlich in die Zentrale eines Bierbrauers gehört. ?Peroni? und ?Pilsner Urquell? fließen hier aus den Zapfhähnen, das sind die beiden Konzernmarken, die europaweit am bekanntesten sein dürften.

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Seit viereinhalb Jahren ist der Mann, der zum Gespräch sein Jackett ablegt und seine Unterarme lässig auf die Stuhllehnen stützt, Europa-Chef des weltweit zweitgrößten Braukonzerns mit Wurzeln in Südafrika und Hauptsitz in London und versucht, die Marktposition hier zu Lande kräftig auszubauen. Doch in Westeuropa kennen wohl die wenigsten Biertrinker den Namen SAB Miller, eher den von Konkurrenten wie Heineken oder Carlsberg. SAB ist Marktführer in Tschechien und Polen, auch in Ungarn, Rumänien und der Slowakei stark vertreten. Und in Russland hat er sich auf Premium-Marken kapriziert.Im Westen hat er nur in Italien und auf den Kanarischen Inseln eigene Brauereien. Insgesamt sind es 19 in Europa. Der Umsatz stieg im Geschäftsjahr zum 31. März um ein Viertel auf drei Milliarden Euro, und die operative Gewinnspanne von 18 Prozent hätte mancher deutsche Brauer gerne. Weltweit stellten die 127 Brauereien des Konzerns rund 200 verschiedene Markenbiere her und erzielten bei einem Umsatz von 18,6 Milliarden Dollar (rund 13,4 Milliarden Euro) zuletzt einen Gewinn vor Steuern von 2,8 Milliarden Dollar.?Wir sind damit zufrieden, dass wir auf den stark wachsenden Märkten Osteuropas und im ebenso expandierenden Premium-Segment im Westen gut vertreten sind?, gibt sich Clark bescheiden. Große Zukäufe zum Beispiel auf dem von ruinösen Preiskämpfen gezeichneten deutschen Markt versprächen keine guten Renditen. Und was ist mit den anhaltenden Gerüchten über ein Kaufangebot für einen der großen europäischen Brauer wie Carlsberg oder Scottish & Newcastle?Der 47-Jährige mit den beginnenden Geheimratsecken im braunen Haar zieht die Augenbrauen hoch. Er will sich dazu nicht äußern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Clark ist karrieretechnisch mit SAB mitgewachsen, erst in Südafrika, dann international.SAB ist einer jener Konzerne, die in Schwellenländern groß wurden und von dort aus auf die reifen Märkte der Industrieländer vordringen. Von Südafrika aus ? SAB steht für South African Breweries ? hat das Unternehmen die Bier-Welt erobert und ist jetzt fast überall vertreten.Der entscheidende Coup war die Übernahme des zweitgrößten Braukonzerns der USA, Miller, vor fünf Jahren. Dann folgte 2005 die Nummer zwei in Südamerika, Bavaria. Und Clark ist karrieretechnisch mit SAB mitgewachsen, erst in Südafrika, dann international.Doch es war der reine Zufall, der ihn zu einem der begehrtesten Arbeitgeber des Landes führte. Von der Ausbildung her ist der gelassene Mann mit den braunen Augen Psychologe. Er hat in dem Fach promoviert, im Krankenhaus praktiziert und daneben Vorlesungen in Südafrika gehalten. Fachgebiet: Kognitive Psychologie, also die Erforschung der Mechanismen des menschlichen Denkens.Als drittes Standbein gründete er eine Beratungsfirma, um Ergebnisse der Psychologie für Unternehmen nutzbar zu machen. ?Psychologische Schulungen für Mitarbeiter waren damals große Mode?, erinnert sich Clark, ?aber das meiste war einfach Blödsinn.? In einem Seminar mit einer Gruppe von Kollegen zu versuchen, aus einem Mitarbeiter einen besseren Menschen zu machen, könne nicht funktionieren, ereifert er sich noch heute. ?Es geht doch darum, den Leuten beizubringen, wie sie ihren Job besser machen.?Als SAB ihm dann eine Stelle in der Personalabteilung anbietet, sagt Clark neugierig zu ? und schafft als Erstes die populär-psychologischen Seminare ab. Er arbeitet neue Fortbildungsmethoden aus und entwickelt psychologische Eignungstests für Bewerber ? worauf SAB ungewöhnlich großen Wert legt, denn ?wir stecken viel Vertrauen in junge Manager und übertragen ihnen früh große Verantwortung?.Das bekommt er selbst zu spüren, als ihm eine der Brauereien des Konzerns ein Jobangebot schickt. ?Ich dachte erst, die suchten einen neuen HR-Chef ? aber nein, ich sollte der General Manager sein?, erinnert er sich an den ersten Schreck. So lernt der Psychologe das Brauwesen und das Kaufmännische kennen ? und es gefällt ihm. Er steigt schließlich auf bis zum Europachef.Lesen Sie weiter auf Seite 3: In der europäischen Brauerszene ist Quereinsteiger Clark inzwischen etabliert.In der europäischen Brauerszene ist der Quereinsteiger inzwischen etabliert. Er sitzt im Vorstand der Brüsseler Dachorganisation Brewers of Europe und hat sich dort, wie Generalsekretär Rodolphe de Looz-Corswarem sagt, als Gentleman und ?guter Zuhörer? erwiesen. SAB sei wegen des kulturellen Hintergrunds schon letztlich ein Außenseiter in der Braubranche, aber Clark habe sich gut integriert.Mit seiner Familie lebt er heute in der Schweiz: SAB hat die Europazentrale gerade aus steuerlichen Gründen von Budapest nach Zug verlegt. Sein 19-jähriger Sohn beginnt das Studium in London, der 14-jährige geht in der Schweiz zur Schule. Clark hält sich mit Laufen fit ? und nimmt schon mal an einem Halbmarathon teil. Er hat auch das Skifahren begonnen ? ?ich halte mich inzwischen ganz gut auf den Brettern?. Doch sein Herz hängt an Südafrika, wo er ein Jagdgut besitzt. Im Ruhestand wird es ihn wohl dorthin zurückziehen.Hilft ihm das psychologische Wissen bei Verhandlungen oder Führungsgesprächen? Aber nein, winkt Clark ab, in der Alltagsarbeit nütze ihm sein Ex-Beruf eigentlich nicht. ?Ich habe es hier ja selten mit Geistesgestörten zu tun?, witzelt er.
Alan Clark1960: Alan Clark wird in Südafrika geboren und wächst dort auf. Er studiert später Psychologie, promoviert und arbeitet als klinischer Psychologe. Daneben ist er Dozent an der Vista University in Südafrika. Außerdem gründet er eine Beratungsgesellschaft für Unternehmen.1990: Er kommt als Manager für Training und Personalentwicklung zum Braukonzern SAB.1994: Der Quereinsteiger wechselt von der Fortbildungs- auf die kaufmännische Seite ? und leitet seine erste Brauerei. Weitere Stationen sind Marketing-Direktor, Chef der Amalgamated Beverage Industries und Chairman von Appletiser South Africa.2003: Alan Clark steigt beim weltweit zweitgrößten Braukonzern zum geschäftsführender Direktor für Europa auf. Clark ist verheiratet, hat zwei Söhne und wohnt in der Schweiz.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.07.2007