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Theologe bei KPMG

Martin Roos
Foto: Dieter Schwer
Oh Herr, der Mann hätte es in seiner Gemeinde in Dreieich-Sprendlingen doch so schön ruhig haben können. Warum zum Teufel hat Klaus Bartl den Talar gegen den Businesslook eines Unternehmensberaters eingetauscht?
Oh Herr, der Mann hätte es in seiner Gemeinde in Dreieich-Sprendlingen doch so schön ruhig haben können. Mal Taufe, mal Heirat, mal Tod, das ganze bunte Leben und sonntags Gottes Segen. Und was heute? Anzug, Krawatte, Chaos, Kunden und ein Konto voller Überstunden. Warum zum Teufel hat Klaus Bartl den Talar gegen den Businesslook eines Unternehmensberaters eingetauscht?

"Moment mal", sagt Bartl und schlackert mit den Armen, dass seine langen Finger nur so fliegen. "Ich habe die Kirche verlassen. Ihr den Rücken gekehrt habe ich aber nicht." Drei Jahre lang predigte der promovierte Theologe den 2.500 protestantischen Seelen seiner Gemeinde im Taunus das Wort Gottes, drei weitere Jahre diente er als persönlicher Referent dem Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Heute ist Pfarrer Bartl Manager bei KPMG.

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Aber Herr Pfarrer, gestern Gnade, heute Knete? "Darum ging es nie", sagt Bartl. Das Organisationsgestrüpp der Kirchen störte ihn. "Schnelle Lösungen verlieren sich zu oft im komplizierten Geflecht aus Gremien und Kirchenparlamenten. Gegen diesen lähmenden Konsensdruck von innen hilft nur Beratung von außen. Deswegen bin ich vor zwei Jahren ins Beratergeschäft eingestiegen."

In seiner neuen Mission berät der 42-Jährige Hesse heute Behindertenheime, Krankenhäuser, Wohlfahrtsverbände, Landesbehörden und Bundesämter. "Mitarbeiter der christlichen Kirche, der vielleicht ältesten Beratungsfirma überhaupt, empfinden es erst einmal als Schwäche, selbst beraten werden zu müssen", meint Bartl. Zu ihm als Pfarrer haben viele Kirchenleute schneller Vertrauen als zum coolen Berater mit BWL-Diplom und Sportwagen.

Unternehmensberatung unterscheidet sich in der Technik fast überhaupt nicht von der Kirchenberatung", sagt Bartl. Als Pfarrer habe er aber ausführlich gelernt, zu vermitteln und mit verschiedensten Charakteren umzugehen. Und: "Wenn mir auffällt, dass Mitarbeiter ein persönliches Problem haben, frage ich, ob Einzelberatung erwünscht ist. Das war schon oft sehr hilfreich."

Auch für den Fall, dass ein Unternehmen statt des Predigers lieber den schneidigen Manager will, hat Bartl vorgesorgt: Stets hat er zwei Visitenkarten von KPMG dabei - eine mit und eine ohne den Titel Pfarrer.

Über diesen Kartentrick lacht Bartl. Herrgott, was soll's auch. Selbst wenn die Welt voller Teufel wäre - seinen Glauben würde er sich sowieso nie nehmen lassen, weder den beruflichen noch den christlichen. So steigt er an Sonntagen als Ersatzmann für Pfarrerkollegen immer noch auf die Kanzel. Manchmal geht der Unternehmensprophet sogar bis in die Berge hinauf. Mit seiner Frau. Und dann nicht mit der Bibel im Gepäck, sondern mit einem Drachengleitschirm. Um Himmels willen.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.04.2001