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Theater, Kaffee und ein Trampolin

Elke Tröller
Ein großer Becher Kaffee und ein Minitrampolin fallen als erstes auf, wenn man das Büro von Amélie Niermeyer betritt. Hält sich so die Frau fit, die vor drei Jahren in Freiburg als jüngste Theaterintendantin Deutschlands bejubelt wurde? Die Begrüßung fällt schwungvoll aus, trotz einer schweren Erkältung. Besorgte Nachfragen nach ihrem Gesundheitszustand wischt die Intendantin einfach beiseite: "Nein, nein, das Interview geht schon in Ordnung." Also der Reihe nach: Wie wird man eigentlich Intendantin?
Frau Niermeyer, erinnern Sie sich an ein Schlüsselerlebnis in Ihrer Jugend, bei dem Ihnen aufging: "Das Theater - das ist mein Weg?"
Nein, für mich gab es kein eindeutiges Ereignis, vielmehr war das bei mir ein langsamer Prozess. Während der Schulzeit wollte ich sogar lange Sozialarbeiterin werden. Die Faszination fürs Theater war allerdings von Anfang an da. So habe ich als Kind schon immer viel gespielt und mit anderen Kindern zusammen kleine Stücke aufgeführt, wozu ich die Nachbarn eingeladen habe, die dann zehn Pfennig Eintritt zahlen mussten. Später habe ich in der Schule viel Schülertheater gespielt und hatte das große Glück, einen Lehrer zu haben, der mich auch Regie führen ließ. Ich hatte schon immer mehr Lust zu inszenieren, zu bestimmen, wie das ganze aussieht, als selbst zu spielen.

Zur Person
Amélie Niermeyer war nach ihrem Abitur 1984 in Bonn Regieassistentin in Sydney, Bonn und München. 1990 wurde sie Hausregisseurin am Bayrischen Staatsschauspiel München, wechselte 1992 als Oberspielleiterin ans Dortmunder Theater. 1993 Rückkehr ans Münchner Residenztheater. Ab 1995 ständige Regisseurin am Schauspiel Frankfurt. Inszenierungen in Hamburg, Berlin und München. Im Sommer 2002 übernahm sie die Intendanz des Freiburger Theaters, das sie aufgrund von Sparmaßnahmen 2005 wieder verließ. Mit Beginn der Spielzeit 2006/2007 soll Niermeyer Generalintendantin des Düsseldorfer Schauspielhauses werden.
Hat das Theater auch in Ihrer Erziehung eine Rolle gespielt?
Ich komme nicht aus einer klassischen Theaterfamilie, sondern aus normalen, gutbürgerlichen Verhältnissen, wo meine Eltern schon immer oft und gerne ins Theater gegangen sind. Allerdings hat mir mein Opa erzählt, dass er früher selbst viel Schultheater gemacht inszenierte. Der ist also auch so ein Fan gewesen. (lacht)

Die besten Jobs von allen


Was raten Sie Studierenden, die so wie Sie Intendant werden möchten?
Ich sehe mich zuerst als Regisseurin und bin darüber auch zur Intendanz gekommen. Insofern zähle ich mich zu den regieführenden Intendanten und würde die Intendanz nie nur als reinen Managementjob sehen. Für mich gehören der künstlerische Gestaltungswille für ein Haus und seine Organisation zusammen. Die praktische Erfahrung halte ich im Theaterbereich für sehr wichtig. Ich selbst habe mein Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften kurz vor dem Ende abgebrochen, da ich meinen Weg ans Theater gefunden hatte. Genau das ist ja das Tolle am Theater: Es gibt verschiedene Wege dahin.

Allein durch Glück wird man nicht Intendantin. Welchen Eigenschaften und Fähigkeiten verdanken Sie Ihre Karriere?
Ich bin schon ehrgeizig - im positiven Sinne. Wenn ich was will, dann will ich es wirklich - so wie die Intendantenstelle in Freiburg, bei der ich mir zunächst keine Chancen ausgerechnet habe, weil ein anderes Stellenprofil gefordert war. Letztlich konnte ich aber mit meiner intensiven Vorbereitung überzeugen. Das ist auch noch eine weitere Eigenschaft von mir: Ich kann sehr hartnäckig sein, und ich weiß, dass ich für meine Ziele eine Menge tun muss. Gut, eine gewisse Begabung als Regisseurin habe ich, und ich kann gut Menschen zusammenführen - die richtigen Schauspieler mit den richtigen Regisseuren.

Haben Sie auch Eigenschaften, die Sie eher behindern als weiterbringen?
Ein Nachteil von mir ist, dass ich mich zuweilen übernehme und dann wochenlang bis nachts um drei Uhr arbeite und um sieben Uhr wieder aufstehe. Die Grenzen meiner eigenen Möglichkeiten einzuschätzen, daran arbeite ich immer weiter.

Sie sind nun schon seit drei Jahren Intendantin. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?
Ich kann besser das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden. Durch meine Zeit als Intendantin in Freiburg, die geprägt war durch Kürzungen und Finanzkämpfe, weiß ich inzwischen ausgezeichnet über Etatfragen Bescheid. Sicher habe ich auch gelernt zu delegieren und die Aufgaben so klar wie möglich zu verteilen, damit sich Zuständigkeiten nicht überschneiden.

Gibt es einen typischen Tagesablauf bei Ihnen?
Bei mir gibt es eigentlich zwei Tagesabläufe: Der eine, wenn ich Regie führe; dann bringe ich meinen Sohn um acht Uhr in die Schule, bin dann bis zehn Uhr im Büro, von zehn bis 15 Uhr auf der Probe, von 15 bis 19 Uhr wieder im Büro und dann von 19 bis 23 Uhr wieder auf der Probe. Zwischendurch bin ich auch bei meinen Sohn - allerdings leider nur kurz. Der andere Tagesablauf ist, wenn ich nicht Regie führe. Dann ist es zwar immer noch ein 14-Stunden Job, allerdings habe ich dann etwas mehr Zeit am Nachmittag und Abend für meinen Sohn.

Was macht für Sie den Kern des Intendantendaseins aus?
Den richtigen Spielplan zu erstellen, dafür die richtigen Schauspieler und Regisseure zu finden und sie ans Theater zu holen. Heute Nachmittag werde ich zum Beispiel wieder zwei Vorstellungsgespräche mit Schauspielern führen und dafür kämpfen, sie als feste Ensemblemitglieder und nicht nur als Gäste an das Haus zu binden. Daneben muss ich natürlich auch die Prozesse im Theater lenken und die Motivation der Mitarbeiter steuern. Letztlich bin ich für zwei Bereiche verantwortlich: die künstlerische und die interne organisatorische Arbeit.

Gibt es etwas an Ihrem Beruf, das Sie immer nur mit zusammengebissenen Zähnen ertragen?
Der ständige Kampf ums Geld während meiner Intendanz in Freiburg hat mich unglaublich viel Zeit und Kraft gekostet und mich von meiner künstlerischen Arbeit abgehalten. Natürlich gehören Etatfragen zur Intendanz, aber dass sie die Arbeit derart dominieren, würde ich nicht mehr zulassen

Glauben Sie, dass Sie sich durch Ihren Beruf verändert haben?
Ich habe schon immer viel gearbeitet und war schon als Schülerin sehr aktiv, zum Beispiel als Schülersprecherin. Ich bin dann in die Regie hineingewachsen. Insofern denke ich, dass ich mich nicht so verändert habe. Klar, bei der Regie muss man viel arbeiten, und für mein Privatleben habe ich wenig Zeit. Das prägt einen natürlich. Auch bin ich mit meinem Sohn schon 14 Mal umgezogen

Haben Sie durch Ihren Beruf auch Eigenschaften verloren?
Man wird schneller im ganzen, und das finde ich manchmal erschreckend. Durch die vielen verantwortungsvollen Aufgaben fängt man an, Dinge schnell einzuordnen und verliert dadurch mitunter die Ruhe für Entscheidungsprozesse. Zum Glück habe ich enge Freunde und meine Familie, die mich auf solche Situationen aufmerksam machen und mir sagen: "Schraub' doch mal wieder runter."

Wie entspannen Sie sich am besten?
Wenn es irgendwie geht, reise ich. Für mich ist es das Wichtigste, im Sommer ins Flugzeug zu steigen und andere Kulturen kennen zu lernen. Sobald ich weg bin, kann ich loslassen und gut abschalten. Daneben entspanne ich mich sehr durch die Beschäftigung mit meinem Sohn. Das geschieht auch nicht nebenbei, sondern in der Zeit bin ich nur für ihn da und stelle das Telefon aus

Wie lassen sich für Sie Beruf und Familie vereinbaren?
Ich bin allein erziehend. Ohne die Unterstützung durch meine Mutter und ein Au Pair, die mich gerade in den stressigen Endprobenphasen immer unterstützt, ginge es nicht. Ich finde, es ist vor allem eine Frage der Organisation. Und das Kind muss das Gefühl haben, dass man, wenn man da ist, voll und ganz da ist. Mit nur einem Kind geht das ganz gut.

Sie reisen viel nach Südostasien - welche Inspirationen nehmen Sie von dort für Ihre Arbeit mit?
Am häufigsten bin ich bisher nach Indonesien gereist, ich glaube 13 Mal. Die Gelassenheit der Menschen ist für mich immer beeindruckend, weil ich sie nicht so habe (lacht). Sie stellen sich einen Weltenlauf vor, der nicht so stark von ihnen beeinflussbar ist. Während ich manchmal die Ich-muss-alles-ändern-Haltung besitze, können sie Dinge einfach geschehen lassen.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten einmal eine Auszeit nehmen. Was würden Sie in dieser Zeit machen?
Ich würde reisen, nach Indonesien, nach Gili Air. Danach weiß ich diese großartige deutsche Theaterkultur immer umso mehr zu schätzen, weil es diese in anderen Ländern nicht so gibt. Und denke, was für ein Geschenk es ist, diese Arbeit machen zu dürfen: Stücke, die man liest, auf die Bühne zu bringen, für diese Bilder zu finden und den Leuten von heute nahe zu bringen. Das ist ein Traumjob.

Mit ein paar Sprüngen auf dem Trampolin verabschiedet sich Amélie Niermeyer. Jawohl, sie hüpfe gerne jeden Tag ein bisschen zum Ausgleich für den anstrengenden Bürojob. Und guckt dabei auf den Düsseldorfer Hafen, wo gerade ein paar große Schiffe aufbrechen. Fernweh? Vielleicht.

Dieser Artikel ist erschienen am 30.11.2005