Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Teure Bummelei

Von Claudia Wüstenhagen
Die neuen Studiengebühren in NRW zeigen Wirkung. Ab fünf Semestern Überlänge wird es teuer ? viele Langzeitstudenten werfen das Handtuch.
Wer bummelt, zahlt. Foto: dpa
KÖLN. Klemens Himpele? Zu dem wollen hier alle?, sagt die junge Mitarbeiterin vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Universität Köln und deutet auf die Warteschlange. Seitdem die Hochschule über 20 000 ?Langzeitstudenten? aufgefordert hat, ab dem nächsten Semester Studiengebühren zu zahlen, ist der bildungspolitische Referent ein gefragter Mann.Wann gibt es Bonussemester? Was tun, wenn ein verletzter Arm das Examen hinauszögert? Der 26-Jährige weiß Rat. ?Das ist so gemein?, klagt eine junge Frau. Die Uni hat ihr Praktikum im Ausland als Semester mitgezählt. Dadurch wird sie die tolerierte Studiendauer überschreiten. Solche Probleme kennt Himpele. 700 Hilfesuchende strömten schon in sein Büro, in dem sich vollgestopfte Regale und drei Schreibtische auf 13 Quadratmetern grünem Teppichboden drängen, der seine besten Zeiten hinter sich hat.

Die besten Jobs von allen

An der Wand hängt ein Foto des früheren NRW-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement. Eine Fotomontage lässt ihn unhöflich den Mittelfinger ausstrecken. ?Danke Wolfgang? steht darüber. Vergeblich haben die Studenten gegen ihn gekämpft. Mit besprühten Plakaten sind sie auf der Düsseldorfer Königsallee an Armani-Schaufenstern und Juwelierauslagen vorbeigezogen, bis zum Landtag, um ihre Enttäuschung kundzutun: ?Verraten von Sozialdemokraten?. Genützt hat es nichts. Seit kurzem sind Gebühren für Langzeitstudierende Realität in NRW. Wer das 1,5-fache der Regelstudienzeit überschreitet, muss zahlen. In den meisten Fällen bedeutet das: Ab fünf Semestern Überlänge wird es teuer. 650 Euro kostet jedes weitere Halbjahr. Weil sich viele Betroffene ungerecht behandelt fühlen, haben die Hochschulen mit einer Antragsflut zu kämpfen. Das Sekretariat der Uni Köln warnt vor ?Wartezeiten von zwei Stunden und mehr?. 3000 Kölner Studierende wollen aus finanzieller Not als Härtefälle anerkannt werden oder zum Beispiel wegen der Erziehung eigener Kinder Bonussemester haben.Während sich manche die Mühe machen, 30-seitige Erläuterungen einzureichen, werfen andere wegen der Gebühren gleich das Handtuch. Schon jetzt ist klar, dass mehr Leute ihr Studium abbrechen, als je zuvor. Im Frühjahr 2003 gab es 6500 Exmatrikulationen an der Kölner Uni ? inklusive der erfolgreichen Absolventen und denen, die wegen misslungener Prüfungen gehen mussten. Heute ist die gleiche Zahl bereits erreicht, zählt man nur die freiwilligen Abmeldungen. Jens Kuck, Dezernent für Studierendenangelegenheiten, ist sich sicher: Es werden noch mehr. 12 000 Studenten haben die Gebühr bisher nicht überwiesen. Die Hälfte davon werde sich noch abmelden. Kuck schätzt: ?Die Zahl der Exmatrikulationen wird fünfstellig.?Auch an der Universität Bonn gibt es mit 3000 Abmeldungen mehr Abbrecher als sonst. ?Das liegt klar an den Gebühren?, sagt Uni-Sprecher Andreas Archut. Als Vorreiter führte Baden-Württemberg 1996 eine Gebühr für Langzeitstudenten ein. In vier Jahren sank deren Zahl fast um die Hälfte. Die Einnahmen von über acht Millionen Euro pro Semester fließen an die Unis. Tutorien und Mentoren helfen den jungen Leuten, schneller zu studieren.In NRW dauert es noch, bis die Kassen der Unis klingeln. Die erwarteten 90 Millionen Euro im ersten Jahr bekommt das Land. Statt das Studienangebot zu verbessern, heißt es Haushaltslöcher stopfen. Erst 2005 fließen 50 Prozent des Geldes an die Hochschulen. Ab 2006 sind es 100 Prozent. Da die Zahl der Langzeitstudenten sinken werde, bezweifeln einige Unis aber, dass es dann noch viel zu verteilen gibt.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.03.2004