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Telekom-Aufsichtsratschef wird am Mittwoch bestellt

Von Sandra Louven, Martin Roos und Sven Afhüppe
Henkel-Chef Ulrich Lehner wird am kommenden Mittwoch gerichtlich zum Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom bestellt. Das erfuhr das Handelsblatt aus Regierungskreisen. Er soll den bisherigen Chefkontrolleur Klaus Zumwinkel ablösen. Lehner wird das Gremium erst ab Mitte April leiten, weil er vorher seinen Vertrag bei Henkel erfüllen will.
Ulrich Lehner soll an die Spitze des Telekom-Aufsichtsrats rücken. Foto: ap
DÜSSELDORF/BERLIN. Auf dieses besondere Rendezvous muss Ulrich Lehner lange warten. Die Tür öffnet sich, er grüßt freundlich die Dame des Hauses, trinkt einen Kaffee. Dann darf ?Ulli? endlich seine Frage stellen: ?Zeigen Sie mir doch mal, wie Sie so waschen.? Die Dame ist etwas verdutzt, immerhin ist sie hier die Hausfrau und nicht dieser Mensch im dunkelblauen Anzug und mit kastanienbrauner Hornbrille, deren Gläser fast so groß wie Bierdeckel sind. Der wirkt doch eher, als ob er das Wort ?Waschtrommel? einem Orchester zuordnen würde.Lehner lächelt. Dann wird er ihr erklären, dass ihr Urteil sehr wichtig ist und dass nicht nur seine Frau, sondern auch er selbst wäscht. Mit Persil, versteht sich. ?Ah?, sagt die Hausfrau, und Lehner hat einen Fan mehr auf der Welt.

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Seine Hausbesuche genießt der Henkel-Chef wie ein Rockstar das Bad in der Menge. ?Ich komme viel zu selten dazu?, meint der 61-Jährige. Die Nähe zu den Käufern seiner Produkte ist, was ihn grundsätzlich auszeichnet: bodenständig, kontaktfreudig, integrativ. ?Er geht auf die Leute zu. Er kann Menschen verbinden?, meint ein Analyst, der ihn schon lange kennt.Genau diese Eigenschaft hat ihm geholfen, sein neues Amt zu ergattern ? eines der aufregendsten der deutschen Wirtschaft: Am Mittwoch wird ihn der Aufsichtsrat der Deutschen Telekom zu seinem Chef machen. Die Arbeitgeberseite, die letztlich den Chefkontrolleur wählt, hat sich nach Informationen des Handelsblatts auf Lehner geeinigt. Der bisherige Aufsichtsratchef Klaus Zumwinkel legt sein Amt als Folge seiner Verwicklungen in den Liechtensteiner Steuerskandal nieder. Deshalb wird Lehner gerichtlich bestellt. Das ist in dringenden Fällen wie diesem möglich. Normalerweise werden die Aufsichtsräte der Arbeitgeberseite von der Hauptversammlung gewählt. Bis zu Lehners Antritt Mitte April soll Zumwinkels Stellvertreter Lothar Schröder von der Gewerkschaft Verdi die Geschäfte führen.Am 1. Mai geht Lehner eigentlich in Rente. An diesem Tag vollendet er sein 62. Lebensjahr, die traditionelle Altersgrenze für Henkel-Manager. Eigentlich hatte er für die Zeit seiner Pensionierung schon andere Pläne: Nepalwanderungen, ?endlich richtig Chinesisch lernen? und Klarinette spielen. Bei der Verabschiedung des Vorstandskollegen Jochen Krautter griff er zur Klarinette und gab vor 400 Gästen ein Ständchen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eon und Porsche: Lehner sitzt in vielen AufsichtsrätenAber auch ohne das Telekom-Mandat wäre er wohl kaum dazu gekommen. Er sitzt im Verwaltungsrat des Schweizer Pharmakonzerns Novartis, gehört den Aufsichtsräten des Energiekonzerns Eon, des Bankhauses HSBC Trinkhaus und Burkhardt sowie von Porsche an. Zudem ist er Präsident der IHK Düsseldorf und Vorsitzender des Verbands der Chemischen Industrie in Deutschland sowie Vizepräsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Und er wird Mitglied des Henkel-Gesellschafterausschusses werden. Kritiker wundern sich bereits, wo der Mann die Zeit hernehmen möchte, auch noch die Telekom im Blick zu behalten.Die Kanzlerin sieht das anders. Die Bundesregierung, die immer noch 32 Prozent an der Telekom hält, besitzt die maßgebliche Stimme bei der Wahl des Aufsichtsratschefs. Für Lehner spricht, dass er in Politik und Wirtschaft gut verdrahtet ist. Seine Erfahrungen als erfolgreicher Lenker eines internationalen Konzerns, sein Netzwerk und sein guter Draht zu den Arbeitnehmern haben ihn zum Kandidaten gemacht. Lehner hat bei Henkel in beträchtlichem Umfang Stellen abgebaut, ohne dass es mit der Gewerkschaft gerappelt hat. ?Der versteht es, mit Managern und Gewerkschaftern absolut fair umzugehen?, sagt ein Vertrauter.Seine Vermittlerfähigkeiten wird er bei der Telekom brauchen. Den Aufsichtsrat spalten widerstreitende Interessen ? selbst innerhalb des Arbeitgeberlagers. Der Finanzinvestor Blackstone, der 4,5 Prozent an der Telekom besitzt, würde am liebsten zügig und in großem Umfang beim Personal kürzen, die Telekom verschlanken und am Markt wendiger machen. Der Bund will das grundsätzlich zwar auch, stellt sich aus politischen Erwägungen aber schützend vor die Beschäftigten, von denen viele noch Beamte sind. Das erschwert die notwendigen Restrukturierungen.Schließlich muss Lehner auch mit Konzernchef René Obermann kompatibel sein. Das Verhältnis zwischen dem 44-Jährigen Aufsteiger und Zumwinkel galt zuletzt als zerrüttet. Wichtig ist den Anteilseignern, dass der neue Chefkontrolleur sich gut mit dem Konzernchef versteht ? schließlich müssen beide an einem Strang ziehen. Obermann und Lehner eint schon mal der Sport: Beide sind begeisterte Marathon-Läufer. Für Lehner spreche zudem, dass er, anders als Zumwinkel, gegenüber dem Bund keine Eigeninteressen vertrete, meint ein hochrangiger Telekom-Manager. Zumwinkel war als Chef der Post, einer 31-Prozent-Beteiligung des Bundes, auf das Wohlwollen der Regierung angewiesen.Lehner gilt als äußerst integer und als Mann ohne Allüren. Unaufgeregt und wohltuend leise führte er stets sein Unternehmen. ?Immer bis ans Ende denken? ist einer seiner Grundsätze. Vollmundige Ankündigungen sind nicht seine Sache ? auch wenn sich Analysten darüber eher ärgern. Bei Prognosen ist der ?Düsseldorfer Jung? oft sehr vorsichtig, fast tiefstapelnd. Und Tiefstapelei ? das wäre ja mal etwas Neues bei der Telekom.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Vita von Ulrich Lehner Ulrich Lehner1946 wird er am 1. Mai in Düsseldorf geboren. Später studiert er Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau an der TU Darmstadt und macht 1972 sein Diplom.Er promoviert 1975 und arbeitet als Wirtschaftsprüfer für KPMG in Düsseldorf.1981 wechselt er zum Henkel-Konzern in das Zentralressort Abschlüsse.1983 geht er zu Friedrich Krupp nach Essen ins Controlling.1986 kehrt er als Bereichsleiter Controlling zu Henkel zurück und wird 1991 Geschäftsführer Asia Pacific von Henkel in Hongkong.1995 wird er Henkel-Finanzchef. 2000 steigt er zum Vorsitzenden der Geschäftsführung auf.2008 wird er am 1. Mai seinen Posten abgeben.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.02.2008