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Teilen, herrschen und sanieren

Von K. KORT, M. MAISCH; Handelsblatt
Herbert Walter, Chef der Dresdner Bank, gilt als Perfektionist ? doch über das Schicksal der Bank entscheiden andere.
MÜNCHEN. Herbert Walter hat gerne alles unter Kontrolle. Insofern muss ihm die gestrige Bilanzpressekonferenz des Allianz-Konzerns ein Gräuel gewesen sein. Denn der Chef der Dresdner Bank spielte eine extrem passive Rolle: Er war gar nicht da. Die übermächtige Konzern-Mutter wollte die Kontrolle für sich behalten und die Fragen über ihr größtes Sorgenkind selbst beantworten. Das war zwar schon voriges Jahr so, aber anders als damals war der Top-Banker nicht einmal im Publikum zu finden. Die Botschaft ist klar: Die Dresdner Bank ist nur ein Segment unter vielen im Finanzkonzern Allianz.Ein Jahr ist es her, dass Walter völlig überraschend von der Deutschen Bank an die Spitze der Dresdner wechselte. Beim großen Konkurrenten war der gebürtige Bayer für das Privatkundengeschäft verantwortlich und erarbeitete sich in einer makellosen Karriere den Ruf eines der begabtesten Banker am Finanzplatz Frankfurt.

Die besten Jobs von allen

Um so verblüffter reagierten viele Kollegen, als der promovierte Betriebswirt seinen Wechsel verkündete. ?Er hätte es auch bei der Deutschen noch weiter nach oben schaffen können, aber er wollte wohl ohne Umwege auf einen Chefsessel?, erzählt ein Deutschbanker und fügt hinzu: ?Walter ist jemand, der schon immer der Klassenbeste sein wollte, ein echter Perfektionist.? Doch beim Umbau der Dresdner scheinen selbst hoch begabte Perfektionisten an ihre Grenzen zu stoßen.Denn auch im abgelaufenen Geschäftsjahr hat sich die Dresdner wieder einmal als Milliardengrab erwiesen. Der ehrgeizige Manager hat somit zweifellos einen der schwersten Jobs innerhalb des Allianzkonzerns übernommen. Von den Verlusten soll sein Verhältnis zum Vorstandsvorsitzenden Michael Diekmann dennoch ungetrübt sein, behauptet jedenfalls die Bank. Gestern bekräftigte Diekmann in Abwesenheit Walters, dass die Allianz an ihrem Sorgenkind festhalte.Walter selbst hat auf die Probleme mit drastischen Sparmaßnahmen reagiert. ?Neue Dresdner?, heißt das Programm vom letzten Sommer, das noch einmal 4 700 Jobs kosten wird. Anfangs lief es gut, doch als das Management den Mitarbeitern im Februar in Form einer harmlos klingenden ?Invitatio? konkrete Angebote für Abfindungen machte und sie die Details aus der Presse erfuhren, kam die neue Art des Krisenmanagements bei den Angestellten gar nicht mehr gut an. Wenige Tage später kursierte mit ?Invita Dingsbums? das ironische ?Magazin rund um die Abfindung?. Im Anhang zum Bestellen: Dresdner T-Shirts mit dem Aufdruck: ?Ich war dabei? und CDs der Gruppe ?The Inviters?, das Cover eine Photomontage mit Walters Kopf als Mitglied der Boy-Group.Dabei kann der knallharte Sanierer Walter im Gespräch so jovial wirken. Wenn er mit bayerischem Zungenschlag seine Vision einer perfekten Privatkundenbank erläutert, dann verbreitet der 50-Jährige echte Begeisterung. So knipst er sein charmantestes Lächeln an, die Fältchen graben sich tief in das sonst so jungenhaft glatte Gesicht. Dann nimmt er sich Zeit, zückt Stift und Zettel, malt Kästchen und zieht Linien und erläutert Modelle so lange, bis er sein Gegenüber überzeugt hat.Doch nicht nur die Mitarbeiter der ?Neuen Dresdner? wissen, dass der ?nette Herr Walter? außer der Rolle des jovialen Bayern auch noch andere beherrscht. Der Zögling der Deutsche-Bank-Ikone Ulrich Cartellieri gilt als besessener Arbeiter: Nach dem Frühsport ist er außer dem Pförtner meist einer der Ersten; und abends einer der Letzten, die das Büro verlassen. Was er von sich fordert, das verlangt er auch von seinen Managern. Über nächtliche Telefonanrufe wundert sich inzwischen keine Führungskraft mehr. ?Der Chef kümmert sich um jedes Detail?, klagt einer.Doch das ist noch nicht alles: Walter vergebe ein und dieselbe Aufgabe gerne an zwei Manager, um die interne Konkurrenz zu schüren, heißt es aus der Bank. Zuletzt hat das der Vorstand fürs Privatkundengeschäft, Andreas Georgi, zu spüren bekommen. Ihm stellte Walter mit Stephan-Andreas Kaulvers einen neuen Chef für den Bereich Privatkunden an die Seite. Offiziell klingt das nach Arbeitsteilung. Aber wieder hat Walter zwei Menschen auf ähnliche Posten gesetzt. Mancher Vertraute erkennt Methode: ?Er geht gerne auf Nummer sicher.?Auf Absicherung setzt der ehemalige Deutschbanker auch, wenn er sich Einschätzungen von Dritten holt. Waren das zu Anfang des Dresdner-Jobs noch externe Berater wie McKinsey und Roland Berger, so greift Walter jetzt vermehrt auf internen Sachverstand zurück. In der traditionsgesättigten Bank sorgt er damit immer wieder für Überraschung, weil er auch Mitarbeiter, die mehrere Hierarchiestufen unter ihm liegen, um ihre Meinung fragt. Dadurch entsteht neuer Druck ? diesmal aber von unten nach oben.Auch bei seinen öffentlichen Auftritten will Walter nichts dem Zufall überlassen, deshalb trainiert er die Wirkung seiner Worte mit einem ganz persönlichen Berater, dem Frankfurter Sprechpapst Stefan Wachtel. Doch die Vollendung hat Walter auf diesem Gebiet noch nicht erreicht. Auf einer Bankentagung im vergangenen Jahr überzog er trotz mehrmaliger Ermahnung seine Vortragszeit drastisch. Der Perfektionist Walter ruhte nicht, bevor nicht auch das letzte Chart seines Konzepts ausgiebig erläutert war. Hinter den Kulissen wurde sein Nachredner ungeduldiger und ungeduldiger ? es war der Ehrengast der Tagung, Bundesfinanzminister Hans Eichel.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.03.2004