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Tchibos Herr der Zahlen

Von Lutz Beukert, Christoph Schlautmann und Hans-Peter Siebenhaar
Tchibo besetzt seine Holdingspitze wird neu: Auf den extrovertierten Markenprofi Dieter Ammer folgt der unauffällige Finanzstratege Arno Mahlert als Vorstandsvorsitzender. In der Medienbranche genießt der promovierte Betriebswirt einen exzellenten Ruf. Bereits in seiner Zeit bei Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann erwies sich der Manager als glänzender Stratege.
Auch Aufsichtsräte können irren. Einen Nachfolger für den scheidenden Dieter Ammer in der Position des Vorstandsvorsitzenden der Tchibo-Holding werde es nicht geben, zeigte sich Chefaufseher Reinhard Pöllath noch im Januar überzeugt.Zugleich versprach der mächtige Mann in der Hamburger Holding, die neben dem gleichnamigen Rösterei- und Schnäppchen-Imperium auch den Kosmetikkonzern Beiersdorf (Nivea, Hansaplast) führt: Der gesuchte zweite Finanzvorstand werde auf keinen Fall von der Einzelhandelstochter Tchibo GmbH kommen, die das operative Geschäft des norddeutschen Kaffeefilialisten führt. Spätestens seit gestern sind Pöllaths Planungen Makulatur. Mit Wirkung zum 1. Mai, darauf einigte sich der Aufsichtsrat am Nachmittag, wird es mit dem bisherigen Finanzvorstand Arno Mahlert nun doch einen Vorstandsvorsitzenden geben ? auch wenn dieser gleichzeitig Finanzchef der Holding bleibt.

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Ihm zur Seite stellt der Aufsichtsrat Yves Müller, der vorübergehend für ein Jahr in den Holdingvorstand aufrückt. Wie Mahlert wird auch Müller sein bisheriges Amt in der Tchibo GmbH behalten.Ausgelöst worden war die Neubesetzung der Holdingspitze durch das vorzeitige Abdanken Dieter Ammers. Der frühere Beck?s-Chef hatte 2003 bei Tchibo angeheuert, als die nach dem Reemtsma-Verkauf mit hoher Liquidität ausgestattete Firma nach neuen Betätigungsfeldern suchte. Doch wenig später schon stiegen die Miteigentümer Daniela und Günter Herz aus dem Unternehmen aus ? und schränkten Ammers Bewegungsfreiheit durch ihre vier Mrd. Euro hohe Abfindung erheblich ein. Das eigentliche Tagesgeschäft von Tchibo übernahm zudem vor mehr als einem Jahr Markus Conrad, der 46-jährige Vertraute der Eigentümerfamilie Herz.Arno Mahlert kennt sich deutlich weniger mit Konsumgütern aus als sein Vorgänger Ammer. Allein in der Medienbranche genießt der promovierte Betriebswirt einen exzellenten Ruf. Bereits in seiner Zeit bei Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann erwies sich der Manager als glänzender Stratege. 1998 wechselte er als Finanzchef zur Stuttgarter Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, in der auch das Handelsblatt erscheint. Unter Verlagschef Dieter von Holtzbrinck war er neben Konzernvize Michael Grabner der wichtigste Manager des Hauses. ?Arno Mahlert ist ein Finanzmanager, der mit Zahlen jonglieren kann?, lobt sein damaliger Weggefährte Grabner und ergänzt: ?Er gibt Zahlen einen Spielraum.?Im Zuge des Generationswechsels bei Holtzbrinck schied Mahlert 2002 aus der Geschäftsführung aus und wechselte in den Aufsichtsrat der Stuttgarter Verlagsgruppe, den er 2003 wegen weiterer Aufsichtsratsmandate verließ.?Mahlert ist sehr breit aufgestellt. Er ist ein Teamworker, der gut auch größere Einheiten führen kann?, sagt der österreichische Medienmanager Grabner, der mit Mahlert früher eng zusammengearbeitet hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Familie Herz tritt stärker aufDass es überhaupt zu einer erneuten Besetzung der Vorstandsspitze und eines weiteren Vorstandspostens kommt, sei allein der Tchibo-Satzung geschuldet, heißt es in Unternehmenskreisen. Die Holding bleibe aus juristischen, steuerlichen und finanzpolitischen Gründen bestehen. Ihre Aufgabe ist es, den operativen Gesellschaften, der Tchibo GmbH für das Kaffee- und Gebrauchsartikelgeschäft und dem mehrheitlich gehaltenen Kosmetikkonzern Beiersdorf den Rücken freizuhalten. In der Öffentlichkeit auftreten soll Mahlert mit der Holding aber nicht. Womöglich werde sogar der Name Tchibo-Holding zu Gunsten eines neuen Namens geändert, heißt es im Unternehmen. Er solle künftig beiden Geschäftssparten besser Rechnung tragen.Mahlert bekommt zudem ab Mai ein zusätzliches Gremium der Eigentümerfamilie Herz an die Seite gestellt. Ein so genannter Gesellschafterausschuss aus Familienmitgliedern und externen Experten soll Mahlert, der auch als Aufsichtsratschef der Tchibo GmbH fungiert, in operativen Fragen beraten ? und womöglich auch kontrollieren. Die Initiative dazu kommt von den Brüdern Michael, Wolfgang und Joachim sowie ihrer Mutter Ingeborg Herz.Anders als es sich der operativ und strategisch ausgerichtete Ammer erhofft hatte, legte die Familie Herz zuletzt in der Holding keinen Wert mehr auf ideenreiche Unternehmenslenker. Ammer, dem zuletzt nur noch die Oberaufsicht der Tchibo-Beteiligungen blieb, wird nun ein Jahr vor dem Vertragsende bei der Tchibo-Holding von Bord gehen. Die Nachfolge scheint wohl bedacht: An die Stelle des extrovertierten Markenprofis tritt nun der unauffällige Finanzfachmann Arno Mahlert.Das laufende Geschäft lässt sich die Familie Herz ohnehin nur ungern aus der Hand nehmen. Schon Dieter Ammer bekam dies zu spüren: ?Ich hatte die Chance und die Möglichkeit, unterschiedlicher Meinung mit den Gesellschaftern zu sein?, umschrieb er seine Erfahrungen besonders mit Eigentümer Michael Herz.Tatsächlich knirscht es derzeit im Getriebe. Das Tchibo-Kerngeschäft mit Kaffee und ? mehr noch ? den wöchentlich wechselnden Gebrauchsartikeln (Motto: Jede Woche eine andere Welt) schwächelt seit über einem Jahr. Fast alle Discounter sind auf diesen Zug aufgesprungen und machen dem Kaffeeröster Konkurrenz. Zudem quollen bei Tchibo auf Grund allzu ehrgeiziger Umsatz- und Absatzziele die Läger über und verstopfen die Filialen. Zuletzt hielten die Gesellschafter ihrem Holdingchef eine verfehlte Wachstumspolitik vor. Und wenn es eines gibt, was die Familie Herz nicht ausstehen kann, dann ist es Verschwendung.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.04.2007