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Tauziehen um Lord Browne

Von Michael Maisch
Über mangelnden Applaus kann sich John Browne nicht beklagen. Anfang dieses Jahres haben die britischen Unternehmensführer ihn zum sechsten Mal in Folge zum besten Vorstandschef gewählt. Nun soll der BP-Chef zurücktreten, weil er bald die Altersgrenze erreicht. Doch der 58-Jährige ziert sich.
John Browne hat eine fast makellose Karriere hinter sich. Foto: BP
LONDON. Selbst die sonst so kritischen Analysten scheinen den Chef des Ölkonzerns BP als wichtigen Vermögenswert einzustufen für den ? gemessen am Börsenwert ? größten europäischen Konzern. ?Der Rücktritt des Vorstandschefs stellt ein nicht zu vernachlässigendes Risiko für BP dar?, warnt Mark Iannotti, Branchenexperte von Merrill Lynch.Doch dieses Risiko wird sich kaum vermeiden lassen. Heute wird Browne gewohnt kühl und autoritär im BP-Haus am vornehmen St. James?s Square im Londoner Westend die Halbjahresergebnisse vorstellen. Doch hinter der kultivierten Kulisse tobt ein Streit um die Position des Vorstandschefs, der zusehends zur Belastung für BP und zur Gefahr für Brownes makellosen Ruf wird.

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Dass der kleine, drahtige Manager mit den Denkerfalten einen Rekordgewinn von knapp sechs Milliarden Pfund präsentieren wird, gilt angesichts der ungebrochenen Ölpreishausse als ausgemachte Sache. Viel wichtiger werden die Worte sein, die er zu seiner eigenen Zukunft findet. Die Altersgrenze für BP-Vorstände liegt bei 60 Jahren, und die erreicht Browne 2008. Schon seit Monaten diskutiert die Finanzszene, ob der Ölkonzern für den Ausnahmemanager nicht eine Ausnahme machen sollte.Am vergangenen Freitag traf sich Browne mit Chairman Peter Sutherland, um die Rücktrittsfrage zu diskutieren. Am Montagmorgen schrieben die britischen Zeitungen bereits, dass Browne seinem Ruf als ?britischer Preuße? gerecht werden wird, und heute die Diskussion mit einer offiziellen Rücktrittsankündigung ein für alle Mal beendet.Doch die Meldungen könnten verfrüht sein. Am Montag machten plötzlich Gerüchte um einen massiven Streit in der BP-Führung die Runde. Browne wolle sich nicht unter Druck setzen lassen und werde sich deshalb vorläufig nicht zur Rücktrittsfrage äußern, hieß es in Finanzkreisen. Im vergangenen April hatte Browne in einer Rede klar gemacht, dass er an eine bestimmte Altersgrenze gekoppelte Rücktrittsregelungen nicht für sinnvoll hält. Er wolle nicht den Rest seines Lebens Golf spielen.Egal, wie der Streit ausgeht ? mit der öffentlichen Diskussion um Brownes Zukunft ist das Rennen um den BP-Chefsessel offiziell eröffnet. Als Favorit gilt in der Londoner City Tony Hayward, verantwortlich für Ölförderung und -produktion von BP. Aber auch Haywards Stellvertreter Andrew Inglis sowie Iain Conn, dem Vorstand für Sicherheit und Umwelt, räumen Analysten Chancen ein. Schließlich stehen noch John Manzoni, Leiter der Bereiche Raffinerien und Marketing, und Robert Dudley, Chef des russischen Joint Ventures TNK-BP, auf der Liste möglicher Nachfolger.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Insider überrascht sein Festhalten an der Macht nichtInsider überrascht es nicht, dass Browne der Abschied von der Macht schwer fällt. Wirtschaftlich geht es BP zwar glänzend. Doch zuletzt hatte der Konzern vor allem in den USA mit einer Welle von Problemen und juristischen Auseinandersetzungen zu kämpfen. Ein Großbrand in einer texanischen Raffinerie kostete 15 Mitarbeitern das Leben, in Alaska kam es durch ein Pipeline-Leck zu einer Umweltkatastrophe, außerdem soll BP den US-Propangasmarkt mit unsauberen Handelspraktiken manipuliert haben.Browne nehme die Probleme in den USA sehr ernst, heißt es aus Kreisen des Unternehmens. Etwas anderes würde auch nicht zum disziplinierten BP-Chef passen. Obwohl er regelmäßig 70 bis 80 Stunden in der Woche arbeitet, sieht sich Browne nicht als Workaholic.Viel Privatleben scheint er sich nicht zu gönnen. Der Vorstandschef ist unverheiratet, bei offiziellen Anlässen hat ihn bis zu ihrem Tod seine Mutter begleitet. Zu der Frau, die als Einzige ihrer Familie nicht in Auschwitz ermordet wurde, hatte er ein sehr enges Verhältnis.Die Karriere bei BP wurde ihm fast schon in die Wiege gelegt. Bereits sein Vater arbeitete für den Ölkonzern. Browne selbst steigt als 18-jähriger Student bei BP ein. Als er nach vielen Karrierestationen in New York, Alaska, Kalifornien, London und Kanada 1995 zum Vorstandschef gewählt wird, ist er mit 47 Jahren der jüngste Top-Manager in der Geschichte des Unternehmens. Damals ist BP an der Börse rund 20 Milliarden Pfund wert, heute sind es 130 Milliarden Pfund.Die Basis für den Aufstieg legt Browne mit seiner ambitionierten und klugen Expansionspolitik. Drei Jahre nach seinem Amtsantritt übernimmt BP für 57 Milliarden Dollar den US-Ölriesen Amoco. Kaum zwölf Monate später lassen sich die Briten die kalifornische Arco 27 Milliarden Dollar kosten. Als einzigem westlichem Ölkonzern gelingt BP ein großer Deal in Russland. Das Joint Venture TNK-BP ist heute der drittgrößte Ölkonzern des Landes. BP erzielte 2005 einen Nettogewinn von 19,3 Milliarden Dollar, ein Viertel mehr als im Vorjahr.Doch Brownes Blick reicht über die Bilanz hinaus. Zu einem Zeitpunkt, als andere Ölfirmen noch die Existenz von Klimaveränderungen leugneten, erklärte sich BP bereit, seinen Beitrag zur Bekämpfung der Erderwärmung und zur Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes zu leisten. Konsequenterweise verließ das Unternehmen die Global Climate Coalition, eine US-Interessengruppe der Ölindustrie, die als mächtiger Bremser in Sachen Klimaschutz gilt. Browne investierte massiv in erneuerbare Energien und machte den Konzern zum heute größten Betreiber von Sonnenenergie-Anlagen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zur Person: Lord BrowneSollte Browne spätestens in zwei Jahren zurücktreten, wird er seine ökologischen Standpunkte wohl eher in der Politik thematisieren. 1998 wurde er von Königin Elisabeth zum Peer auf Lebenszeit ernannt. Als Lord Browne of Madingley sitzt er im britischen Oberhaus.?Eine fast makellose Karriere?, kommentiert ein Londoner Fondsmanager. ?Hoffentlich bekommt sie am Ende keine hässlichen Kratzer.?LORD BROWNE1948 Er wird am 20. Februar in Hamburg geboren. Er macht seinen Abschluss in Physik an der Universität von Cambridge und in Wirtschaft an der Stanford University/Kalifornien.1966 Er startet seine Karriere bei BP und arbeitet später im Bereich Förderung und Produktion. 1984 wird er Chef von BP Finance International sowie 1986 Finanzvorstand der Standard Oil Company in Cleveland, Ohio.1987 Nach der Fusion von BP und Standard wird er Finanzvorstand von BP America und Vorstandschef der Standard Oil Production Company.1995 Er wird am 10. Juni Vorstandschef der BP-Gruppe.1998 Nach dem Zusammenschluss von BP und Amoco wird er am 31. Dezember Vorstandschef der Gruppe BP Amoco.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.07.2006