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Tausendsassa mit Faible für Zahlen

Von Norbert Häring, Handelsblatt
Dietmar Harhoff passt in keine Schublade, denn sein Werdegang ist eher untypisch. Der BWL-Professor wechselte mehrfach zwischen den akademischen Disziplinen und konnte sich dennoch immer behaupten.
HB MÜNCHEN. Dass seine Position als Volkswirt auf einem BWL-Lehrstuhl untypisch sei, lässt Harhoff nur bedingt gelten. ?Die strikte Trennung zwischen BWL und VWL in Deutschland hat mich sehr erstaunt, als ich hierher zurückkam; das kannte ich aus den USA nicht?, sagt der Mittvierziger mit der großen Brille. In den USA sei es ganz normal, dass empirische Forschung von Ökonomen an Business Schools gemacht wird.Es ist offensichtlich, dass ihm sein Maschinenbaustudium beim Verständnis seines wissenschaftlichen Schwerpunkts hilft, der Innovationsforschung. Er gibt aber auch zu, dass ihm der Übergang vom Ingenieurwesen zur VWL anfangs nicht leicht fiel. Das Denken der Volkswirte war ihm fremd. ?Ich habe mich am Anfang an die Mathematik geklammert, bis ich den intuitiven Zugang irgendwann hatte?, sagt er rückblickend.

Die besten Jobs von allen

Dietmar Harhoff ist einer, der alles kann, vieles ausprobiert, vor keiner Herausforderung zurückschreckt und schließlich das macht, was ihn am meisten interessiert. Im Abitur hatte er in allen Fächern Einsen. Zunächst studierte er Maschinenbau. Er machte zwar das Diplom und arbeitete eine Zeit lang in der Forschung, zum Eintritt in das Familienunternehmen der Eltern kam es aber nicht. Von der VW-Stiftung erhielt er ein Stipendium für ein Studium an der Harvard-Universität.Dort traf er auf Zvi Griliches, der seinen weiteren wissenschaftlichen Weg bestimmte. Harhoff erinnert sich noch gut, wie der Top-Ökonom aus Israel der versammelten Crème de la Crème der Ökonomen, darunter Jean Tirole und Drew Fudenberg, die Leviten las. ?Warum macht ihr Jungs nicht etwas Vernünftiges mit eurem Leben. Warum forscht ihr nicht empirisch?, donnerte er. Harhoff hielt engen Kontakt mit Griliches, lernte viel von ihm und nahm sich seine Worte zu Herzen.Zwar führt ihn die Begeisterung für die Wissenschaft weg von eigener unternehmerischer Tätigkeit, doch engagiert er sich als Leiter des Instituts für Innovationsforschung und des Odeon Entrepreneurship Centers der Ludwig-Maximilians-Universität für die Förderung junger Unternehmer. Am Entrepreneurship Center können gründungswillige Wissenschaftler Businesspläne von Studententeams unter der Anleitung erfahrener Venture-Capital-Experten entwickeln lassen.Lesen Sie auf der nächsten Seite: Deutsche und europäische Wirtschaftspolitiker sind auf ihn aufmerksam geworden. Harhoffs Metier ist es, Zahlen sprechen zu lassen, Theorien empirisch zu testen. Schaut man auf Daten und Fakten, wird manches, was vordergründig plausibel oder gar offensichtlich erscheint, falsch.So ist für Harhoff die zunehmende Anzahl von Patentanmeldungen nicht etwa ein Beleg für ein Mehr an Innovation, sondern ein Signal, dass das Patentsystem dringend reformbedürftig ist. Der Vergleich mit der Entwicklung der Forschungsaufwendungen und anderen Indikatoren zeige nämlich, dass die Qualität der angemeldeten Patente immer weiter sinke.Harhoff diagnostiziert einen Teufelskreis, in dem sich Unternehmen immer größere Patentportfolios zulegen, um sich gegen Angriffe von Konkurrenten abzusichern. In den sich bildenden Patentdickichten steigt die Unsicherheit, Rechtsstreitigkeiten nehmen zu. Unternehmen in den USA gäben inzwischen ein Viertel ihrer FuE-Aufwendungen für gerichtliche Auseinandersetzungen um Patente aus. ?Wir haben in Europa zwar bessere Verhältnisse als in den USA, aber die Patentflut ist auch bei uns unübersehbar?, bemängelt Harhoff.Er ist froh, dass für eine gründliche Diskussion um die Patentierung von Software mehr Zeit bleibt, nachdem es im Europäischen Parlament zu einem Patt zwischen Befürwortern und Gegnern von Softwarepatenten gekommen ist. Er ist zwar prinzipiell für Softwarepatente, aber für eine restriktivere Patentgewährung, als es die Kommissionsrichtlinie vorsah. US-amerikanische Verhältnisse im Patentwesen möchte er in Europa auf keinen Fall sehen.In der breiten Öffentlichkeit ist Harhoff bisher weitgehend unbekannt, aber deutsche und europäische Wirtschaftspolitiker sind schon länger auf ihn aufmerksam geworden. Schon in seiner Zeit als stellvertretender Direktor des Mannheimer ZEW hat er in der Politikberatung mitgemischt. Seit Mitte letzten Jahres ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums, seit Dezember gehört er dem Beraterstab des Europäischen Patentamts an.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.07.2005