Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Tata-Chef: Chairman mit Charme

Von Oliver Müller
Ratan Tata, Chef von Tata Steel, ist Indiens Vorzeigeunternehmer. Mit tadellosem Stil und Bescheidenheit hat er jetzt auch die Übernahme des Konkurrenten Corus eingefädelt.
Ratan Tata zählt seit langem zu Indiens einflussreichsten Managern. Foto: AP
DEHLI. Ruhig, geradezu bedächtig tritt Ratan Tata vor die rund 150 Journalisten und Banker im Auditorium der Deutschen Bank in der Londoner City. Mit leiser, rauer Stimme erläutert er, warum sein indischer Konzern den britisch-niederländischen Stahlhersteller Corus kauft: ?Wir teilen gemeinsame Werte.? Und er fügt hinzu: ?Wir sind keine Räuber, wir wollen voneinander lernen, und Corus wird seine Identität behalten.?Das sagen viele Manager, wenn sie eine Fusion verkünden. Doch Ratan Tata glaubt man es, weil er auf jede Geste des Triumphs verzichtet.

Die besten Jobs von allen

Ratan Tata zählt seit langem zu Asiens einflussreichsten Managern. Mit 68 Jahren katapultiert ihn die Übernahme des Stahlriesen Corus nun ins Rampenlicht der Welt. Indem Tata Steel den viermal größeren europäischen Rivalen schluckt, wird aus der bisherigen Nummer 56 der Branche die Nummer fünf. Zu Hause wird der Chairman der Tata-Gruppe so zum Superhelden: ?Die Internationalisierung unserer Firmen hat mit diesem Deal einen neuen Höhepunkt erreicht?, jubelt R. Seshasayee, Chef des Industrieverbands CII. ?Tata ist ein Symbol für ein neues, selbstbewusstes Indien.?Mit der Übernahme reagiert Tata auf den Konsolidierungsdruck in der Stahlbranche, der durch den Angriff des Inders Lakshmi Mittal auf Arcelor im Frühjahr mächtig erhöht wurde. Dass Tata und Corus einvernehmlich zueinander finden, ohne Übernahmeschlacht und nationalistisch gefärbte Abwehrreaktionen wie bei Mittal, entspricht Ratan Tatas völlig anderem Stil. Er ist ein Gentleman. Sanfter Charme, aufrichtige Bescheidenheit, geschliffene Umgangsformen und eine Obsession für Werte und Tradition machen ihn zum Aushängeschild von Indiens altem Unternehmer-Adel. Auf den breiten Schultern dieses hoch gewachsenen, stilvoll ergrauenden Patriziers ruht das größte Firmen-Erbe der Nation.Daran erinnert wird Tata jeden Morgen, wenn er an der Marmorsta-tue des legendären Firmengründers vorbei in ein nobles Gebäude im britischen Kolonialstil geht, das Bombay House. Das Imperium, das hier sitzt, wurde von dem Parsen Jamsetji Tata 1868 aus der Taufe gehoben. Der Urahn des heutigen Chairmans war ein Pionier der Industrialisierung seines Landes. Seine Firmen sollten nicht nur Profit abwerfen, sondern zugleich Bausteine liefern für ein unabhängiges, modernes Indien.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Industrieriese wurde aus dem Dornröschenschlaf gewecktDer Nationalist trotzte den Kolonialherren und brachte das erste Wasserkraftwerk, das erste Stahlwerk, das erste Nobelhotel und die erste naturwissenschaftliche Universität seines Landes auf den Weg. Seine Nachfahren wurden die ersten Autobauer in Indien, schufen die erste Chemieanlage und die erste Fluglinie. Nach Indiens Unabhängigkeit wurden der Firmengruppe die Flügel gestutzt, und sie wurde zum Symbol für alles, was an Indiens sozialistischer Ordnung falsch war: Sie war schwerfällig, ertragsschwach und produzierte schlechte Qualität.1991 übernahm Ratan Tata von seinem Onkel die Zügel eines labyrinthisch verwucherten Konglomerats ? und weckte den Industrie-Riesen unsanft aus dem Dornröschenschlaf. Als Tata auf Wachstum und Effizienz pochte, verkrustete Hierarchien einstampfte und den Konzern radikal umbaute, schlug ihm zunächst heftiger Widerstand entgegen. Die damals noch 300 Gruppenfirmen produzierten alles ? von Seife über Lippenstift bis hin zu Langspielplatten, Stahl und Autos. Im Konzern hatte der studierte Architekt zuvor nur Nebenrollen gespielt. Doch einmal an dessen Steuer, entwickelte er eine Kämpfernatur, die dem medienscheuen, zurückhaltenden Junggesellen wenige zugetraut hatten.Skeptiker belehrt Tata seitdem immer wieder eines Besseren. Als er die Nutzfahrzeugsparte 1999 ins PKW-Geschäft trieb und für 400 Millionen Dollar Indiens erstes selbst entwickeltes Auto bauen ließ, verspottete es der Volksmund als ?Ratans Wolkenschloss?. Doch das Modell namens ?Indica? wurde ein durchschlagender Erfolg. Das machte Tata Mut für ein noch gewagteres Projekt: die Entwicklung eines spottbilligen Einsteiger-Autos für unter 2 000 Euro, das die Motorisierung in Schwellenländern revolutionieren soll. Der Prototyp ist fertig, die Grundsteinlegung für das Werk steht kurz bevor, 2008 soll das Auto fahren.Die Revitalisierung der Firmengruppe, die Tata gelang, spiegelt die industrielle Renaissance Indiens wider. Unter seiner Leitung versiebenfachte sich der Umsatz auf 22 Milliarden Dollar, die Marktkapitalisierung stieg um das Vierzehnfache auf 40 Milliarden Dollar. Damit wurde der Konzern fit getrimmt für seine Internationalisierung, mit der er für ganz Indien eine Vorreiterrolle spielt. Tata leitete diese 2001 ein mit dem Kauf der britischen Tetley Tea für 435 Millionen Dollar. Fast alle Gruppenfirmen haben inzwischen kräftig im Ausland zugekauft. Corus ist allein dieses Jahr schon Tatas fünfzehnter Deal. ?Wir haben erst angefangen?, verkündete Executive Director Alan Rosling diese Woche. ?Bleiben wir auf Indien beschränkt, verlieren wir Wettbewerbsvorteile.?Denn durch die globale Konsolidierung von Branchen wie Stahl und Autos und den Vormarsch ausländischer Wettbewerber auf den Heimatmarkt erwachsen selbst Vorzeige-Töchtern wie Tata Motors, Tata Steel und der hochprofitablen IT-Tochter TCS neue Herausforderungen. Das lässt einem Manager keine Ruhe, der sich selbst als ?ungeduldigen Menschen? charakterisiert. ?Ich wünsche mir eine Gruppe, die viel schneller Entscheidungen trifft, größere Risiken wagt und sich leichter mit den Zeiten ändert?, erklärt er.Zurückhaltend aber soll der Konzern bleiben, genauso wie sein Chef: Seit 20 Jahren lebt Tata mit seinen Schäferhunden Tito und Tango in derselben Wohnung, eine Etage unter seiner Stiefmutter. Nur einen Luxus gönnt sich der Tycoon: Als leidenschaftlicher Hobby-Pilot fliegt er sein eigenes Flugzeug.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.10.2006