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Tante Emma macht Diplom

Peter Nederstigt
Kisten und Kittel tragen - so stellen sich noch immer viele den Einzelhandel vor. Diese Zeiten sind vorbei. Mit gut ausgebildetem Nachwuchs versuchen die Handelskonzerne, im beinharten Wettbewerb zu bestehen. Gebraucht werden Absolventen in den Zentralen, im Ausland, für Filialleitung und E-Commerce.
Die Bühne in der Mitte der ehemaligen Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord verschwimmt im Trockeneisnebel. Aus den Boxen dringen dumpfe Trommelschläge, erst langsam, dann immer schneller. Plötzlich fällt eine Leinwand von der Hallendecke, rote Laserstrahlen zucken durch die Halle und zaubern einen Schriftzug auf die Leinwand: Metro AG

Deutschlands größter Handelskonzern bot den knapp 600 Studenten, denen er sich Ende Oktober bei der Meeting Metro als Arbeitgeber ans Herz legte, eine perfekte Show mit Günther Jauch als Moderator. Der Aufwand kommt nicht von ungefähr. "Wir müssen feststellen, dass der Handel in der Beliebtheit von Hochschulabsolventen deutlich hinter anderen Branchen rangiert", sagte Metro-Personalvorstand Zygmunt Mierdorf. Das soll sich ändern. Der Einzelhandel, Sinnbild unakademischer Tante-Emma-Karrieren, hat den Hochschulnachwuchs für sich entdeckt

Die besten Jobs von allen


"Die Branche stellt seit Jahren mehr Akademiker ein", berichtet Wilfried Malcher, Geschäftsführer für Bildungspolitik im Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE). Laut Malcher hat mittlerweile jeder Zwanzigste der rund 2,8 Millionen Beschäftigten im Einzelhandel einen Hochschulabschluss. Und der Trend setzt sich fort

Gebraucht werden sie vor allem als Leiter großer Filialen, Führungsnachwuchs in den Zentralen, Spezialisten für IT und Marketing sowie für die Auslandsexpansion (siehe Porträts). Nach Angaben des Personaldienstleisters Adecco hat sich die Zahl der Stellenangebote für Akademiker zwischen 1995 und 2001 fast verdreifacht. Auf den obersten vier Führungskräfteebenen der Metro-Töchter stieg der Akademikeranteil innerhalb von einem Jahr von 64 auf 70 Prozent, in der Düsseldorfer Zentrale liegt er bereits bei 80 Prozent.

Harte Zeiten für Tante Emma
Dabei steckt der Einzelhandel in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Das laufende Jahr hat die Branche bereits abgeschrieben. Anfang September meldete HDE-Präsident Hermann Franzen, dass 80 Prozent der Betriebe Umsatzrückgänge zu verbuchen hätten. Auch die Hoffnung auf einen Aufschwung im Weihnachtsgeschäft hat sich nach den Sparvorschlägen der Regierung zerschlagen. Bei den Konsumenten ist Schmalhans Küchenmeister. Der HDE rechnet damit, dass der Umsatz der Branche in diesem Jahr um real 2,75 Prozent auf 373 Milliarden Euro sinkt und sich die Zahl der Pleiten auf 8.000 verdoppelt. Vor allem kleinere Betriebe mit weniger als 250.000 Euro Umsatz, zu denen 66 Prozent der Einzelhändler gehören, sind bedroht

Doch während bis zum Jahresende vermutlich erneut rund 30.000 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren werden, sind Akademiker weiter gefragt - selbst wenn mancher börsennotierte Konzern das nicht gern offen sagt. Allein die Metro sucht fürs nächste Jahr 300 Absolventen, vor allem für die Auslandsexpansion.

Fit für den Wettbewerb
Die Jagd nach High-Potentials hat ihre Gründe. Zum einen stecken nicht alle Unternehmen in der Krise. Drogeriemärkte wie die zweitgrößte deutsche Kette dm sowie Discounter wie Aldi wuchsen gegen den Branchentrend um zehn Prozent und mehr. Allerdings gilt die Arbeit bei Discountern als stressig und wenig abwechslungsreich. Andererseits: "Discounter zahlen die besten Gehälter im Lebensmitteleinzelhandel", berichtet Nikolaus Weber-Henschel, verantwortlicher Berater für den deutschen Handel bei Roland Berger

Zum anderen fordert der gnadenlose Verdrängungswettbewerb seinen Tribut. Mit ihm steigen die Anforderungen an Unternehmen und damit die Chancen für Akademiker. "In schwierigen Zeiten brauche ich die besten Leute, um im Geschäft erfolgreich zu sein", bringt es Metro-Vorstand Mierdorf auf den Punkt. Die Handelsprozesse würden immer komplexer und technologisch anspruchsvoller.

Beispiel IT: Dank Technologien wie Radio Frequency Identification sollen die Händler künftig ein Produkt von der Herstellung bis zum Kunden verfolgen können. "Die perfekte Kontrolle der Logistikkette", schwärmt Mierdorf in Duisburg. Gleichzeitig deckt der Handel einen immer größeren Teil der Wertschöpfungskette ab, betreibt mit Hilfe von Kundenkarten eigene Marktforschung und schreibt den Herstellern vor, welche Produkte sie entwickeln sollen, berichtet Roland-Berger-Berater Weber-Henschel.

Zusätzlich nutzen die großen Einzelhandelsunternehmen neue Vertriebswege wie E-Commerce und erobern ausländische Märkte. All diese Entwicklungen produzieren ein immer größeres Datenvolumen. Schon jetzt würden die Disketten mit sämtlichen Daten der Metro 50 Laster füllen.

Macher gesucht
Was die Einzelhändler suchen, sind nicht Theoretiker, sondern Akademiker mit starkem Praxisbezug, die mit Menschen umgehen können und auch mal mit anpacken. Gefragt sind vor allem die Studienrichtungen BWL und Informatik

Mit Einstiegsgehältern, die je nach Position zwischen 35.000 und 60.000 Euro liegen, braucht sich der Einzelhandel nicht mehr zu verstecken. Außerdem wirbt die Branche mit Teamarbeit und früher Verantwortung. "Es ist keine Seltenheit, dass ein 30-Jähriger einen Markt mit mehreren hundert Mitarbeitern leitet", sagt Metro-Vorstand Mierdorf. "Und momentan erwartet die Bewerber viel Dynamik. Im Einzelhandel bahnen sich strukturelle Veränderungen an", hebt Berater Weber-Henschel hervor. Das Sprichwort vom "Handel im Wandel" beschreibe die Realität in vielen Unternehmen

Einen Vorgeschmack auf den Handel der Zukunft will die Metro im nächsten Frühjahr geben. Dann soll ein Test-Markt, in dem neue Konzepte erprobt werden, der Öffentlichkeit vorgestellt werden. "Alles, was dort nicht durch den Rost fällt, werden Sie künftig in einem unserer Märkte erleben", kündigte Mierdorf in Duisburg an. Zu den Visionen gehört auch die mitarbeiterfreie Kasse. Aber da sitzen in der Regel keine Akademiker.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.11.2002