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Tante Christas Liebling

Von Martin W. Buchenau
Zum Jahreswechsel wird mit Bernhard Simon Sprecher der Geschäftsführung des Logistikunternehmens Dachser. Damit übernimmt die Familie wieder das Ruder des Konzerns. Denn mit Simons Vorgänger, Gerd Wecker, hat ein famlienfremder Manager das Familienunternehmen jahrelang geführt.
MÜNCHEN. Dachser gilt als eines der größten deutschen Logistikunternehmen. Auch europaweit zählt der Familienkonzern mit 12 000 Beschäftigten und 2,1 Milliarden Euro Umsatz zu den Top Five. Simons Auftritt mag zurückhaltend sein, dahinter verbirgt sich jedoch kräftiges Selbstvertrauen. ?Ich wusste eigentlich schon vor meinem Abitur, dass ich einmal in die Geschäftsführung gehen würde. Führen von Menschen und was man damit bewegen kann, das hat mich schon damals fasziniert?, sagt das Älteste von drei Geschwistern.Und doch war es nicht selbstverständlich, dass er selbst es auch an die Spitze schaffen würde. Denn die Familie ist nicht eben klein. Hoch rechnet es Simon vor allem seiner Tante Christa Rhode-Dachser an, dass sie ihn förderte, obwohl sie selbst drei Kinder hatte. ?Ich hatte immer die Hoffnung, dass Bernhard die Qualitäten dafür haben und in die Aufgabe hineinwachsen würde. Das ist im Lauf der Zeit geschehen, sicher bin ich mir aber erst seit sechs Jahren. Das war zu dem Zeitpunkt, als wir uns darüber unterhalten haben, Bernhard 1999 in die Geschäftsführung zu berufen?, sagt die Professorin für Psychoanalyse.

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Rhode-Dachser hält aus dem Hintergrund die Fäden in der Hand. Sie selbst hat auch Betriebswirtschaft studiert und in der Geschäftsführung gearbeitet. Doch nach Schwierigkeiten mit ihrem Vater verzichtete die resolute Frau auf eine Karriere im Unternehmen. Dafür gaben familiäre Gründe den Ausschlag: Der Firmen-Patriarch hatte sich von seiner Frau getrennt und wieder geheiratet. Die Scheidung aber hatte ihren Preis. Anna Karolina Dachser hatte nur unter einer Bedingung in die Trennung eingewilligt: Die Firmenanteile gehen im Todesfall an ihre beiden Töchter und deren Kinder. ?Meine Mutterhat damit ein großes Verdienst, dass das Unternehmen so beisammen ist?, betont Christa Rhode-Dachser.Nach dem Tod des Firmengründers 1979 übernahmen die beiden Töchter Christa Rhode-Dachser und Annemarie Simon als Erben die Gesellschafterfunktion in der Firma. Die operative Führung vertrauten sie aber dem familienfremden Ulrich Weiss an. Während Annemarie Simon sich aus der Firma weitgehend heraushielt, nahm Christa Rhode-Dachser ? neben ihrer bereits laufenden wissenschaftlichen Laufbahn ? als Stellvertreter von Weiss die Interessen der Familie in der Geschäftsführung wahr. Gemeinsam mit Weiss macht sie 1986 mit einem neuen restriktiven Gesellschaftervertrag das Familienunternehmen wetterfest (siehe Kasten). 1987, nach dem Ruf an die Universität Frankfurt, widmet sich Rhode-Dachser aber endgültig der Wissenschaft und nimmt nur noch Aufsichtsfunktionen wahr.Der bis 2030 geltende Gesellschaftervertrag soll gewährleisten, dass nur die fähigsten Manager das Unternehmen führen. Ursprünglich sollte sogar ein Passus hinein, dass kein Familienmitglied Sprecher werden darf. ?Wir haben aber dann darauf verzichtet, um den Nachkommen diese Chance nicht zu verbauen?, sagt Rhode-Dachser. So gehörte Simons Vater Thomas zwar bis 1997 der Geschäftsführung an, nicht aber als Sprecher. Zwei Jahre später schaffte sein Sohn den Sprung in das Führungsgremium. Der neue Dachser-Chef legt Wert auf Transparenz, auch architektonisch. Sein Büro im von Glas und Stahlkonstruktionen dominierten Firmensitz in Kempten ist lichtdurchflutet. Der Umgangston im Unternehmen ist direkt ? mitunter rau, aber auch herzlich. Das bestätigen Mitarbeiter aus der Geschäftsführung. Glaubt man seiner Tante, dann ist Simon ein Teamspieler. Es gibt nach eigenem Bekunden keine Tabuthemen. ?Wir sind sehr konfliktfreudig, deshalb dauern manche Entscheidungen auch manchmal länger, sind dann aber auch fest zementiert?, sagt Simon.Lesen Sie weiter auf Seite 2Der neue Chef kennt das Unternehmen wie seine Westentasche. So ärgert es ihn schon mal, wenn er beim Firmenrundgang einen schlecht bepackten LKW sieht, der keine Zwischenböden benutzt. Bereits als Jugendlicher hat er sich bei Dachser sein Taschengeld durch Lagerjobs verdient. Nach dem Abitur machte er eine Lehre im heimischen Betrieb. ?Doch danach musste ich erst mal zehn Jahre weg?, sagt Simon. Er studierte Betriebswirtschaft und machte danach eine ungewöhnliche Extratour in die Entwicklungshilfe. Neun Monate arbeitete er in Brasilien an einem landwirtschaftlichen Projekt zur Umsiedlung von Slum-Bewohnern. Noch heute pflegt er die Kontakte. Sogar Weihnachten hat er mit der Familie in Brasilien gefeiert: ?Ich wollte meinen beiden Töchtern vor Ort zeigen, wie einfaches Leben aussieht.?1989 absolviert er ein Trainee-Programm in Frankreich, seither nennt er sich ?frankophil?. Im selben Jahr tritt er ins Unternehmen ein und durchläuft alle wichtigen Stationen. 1996 nimmt er eine Auszeit, um in Harvard zu studieren. Er spricht fließend Englisch, Französisch und Portugiesisch.Ein Faible hat Simon für IT, die das Unternehmen selbst entwickelt. ?Standardsoftware reicht nicht?, sagt Simon. ?Jede Luft, die wir fahren, kostet Geld?, sagt Simon. Das System scheint zu funktionieren: ?Wir sind besser als die Branche.? Im Schnitt wächst das Unternehmen dank des Auslandes jedes Jahr um zehn Prozent. Die Höhe des Gewinns bleibt Familiengeheimnis. Der Cash-Flow lag 2003 bei 70 Millionen Euro und soll nach den Planungen in diesem Jahr auf 88 Millionen Euro steigen.Der neue Chef gibt Gas. In den nächsten zehn Jahren will er eine Milliarde Euro investieren, vor allem in den Aufbau des europäischen Netzes. Bei Akquisitionen sucht das Unternehmen Partner, die wie ein Familienunternehmen ticken. Dabei scheut das Unternehmen auch den chinesischen Markt nicht. Im Gegenteil, auch hier ist Dachser stark vertreten und derzeit inÜbernahmeverhandlungen. Der Amateurreiter ist dennoch sicher, dass er genug Zeit für das Familienhobby findet.Mit Simon ist der Generationswechsel geschafft, alle Führungskräfte sind zwischen 40 und 50 Jahre alt. ?Es gab noch nie ernsthafte Familienstreitigkeiten, die Dachser bedroht haben?, sagt Simon.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.09.2004