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T-Systems-Chef Reiss ist tot

Von Thomas Nonnast
Der Schock sitzt tief bei der Deutschen Telekom. Völlig überraschend verstarb am Mittwochabend Geschäftskundenvorstand und T-Systems-Chef Konrad F. Reiss. Eigentlich wähnten alle Reiss in einem erholsamen Urlaub mit der Familie in Südafrika.
Konrad Reiss ist gestorben. Foto: dpa
HB FRANKFURT. ?Die Vorstandsmitglieder der Deutschen Telekom und die Geschäftsführung der T-Systems sind fassungslos und traurig über den plötzlichen Tod unseres Kollegen?, schrieb Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke in einer E-Mail an die Mitarbeiter des Unternehmens.Eigentlich wähnten alle Reiss in einem erholsamen Urlaub mit der Familie in Südafrika. Doch dort ereignete sich am Mittwochabend, was viele der rund 42 000 Mitarbeiter der Geschäftskundeneinheit T-Systems noch immer nicht ?wirklich wahrhaben wollen?, wie ein Mitarbeiter in der Frankfurter Zentrale sagt. Konrad Reiss erlitt einen Herzinfarkt, dessen Folgen er nicht überlebt hat.

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Die Nachricht vom Tod des erst 47-jährigen Managers löste in der gesamten Branche gestern tiefe Betroffenheit aus. Denn Reiss bestach stets durch seine ausgeglichene, zielgerichtete Art. Zupackend und zielorientiert ? dafür stand er. Ein Mensch mitten im Leben und auf dem Höhepunkt seiner Karriere, so erlebten viele Menschen Reiss im täglichen Umgang. Einer, dem man noch manches zugetraut hätte und der noch einiges vorhatte.Besonders zeichnete ihn aus, dass er nie die Bodenhaftung verlor: ?Wir sind noch lange nicht am Ziel?, ermahnte er sich und andere, als Anfang Januar die pannenbehaftete LKW-Maut unter seiner Aufsicht ohne größere Probleme startete. Denn Reiss war auch Vorsitzender des Lenkungs- und Gesellschafterausschusses der Toll Collect GmbH.Er war es, der das wackelnde Projekt aus der Krise führte, nachdem das System öffentlich massiv in die Kritik geraten war. Ursache der Probleme war eine verfehlte Projektführung. Und damit fühlte sich der Diplom-Kaufmann und frühere Unternehmensberater in seinem Element: umorganisieren, effiziente Strukturen schaffen, die Kontrolle behalten.Vorstandschef Ricke würdigte gestern Reiss? Engagement für den Umbau der Deutschen Telekom AG. ?Wir haben einen wunderbaren Kollegen verloren, nicht wenige von uns einen guten Freund.?Telekom-Aufsichtsratschef und Post-Chef Klaus Zumwinkel würdigte Reiss als eine Persönlichkeit, ?die sich durch ihr Engagement und ihre überragende Kompetenz national und international einen herausragenden Ruf und bleibende Verdienste erworben hat?.Der Tod von Konrad Reiss trifft T-Systems aber auch deshalb hart, weil derzeit der Umbau der Sparte auf vollen Touren läuft. In seiner alten Struktur stand das Geschäftskundensegment für 10,5 Milliarden Euro und damit für mehr als ein Sechstel der Gesamterlöse der Telekom. Reiss war dabei, die weniger profilierte Mischeinheit aus IT-Dienstleister und Telekommunikationsgeschäft für Großkunden zu einer strategischen Einheit für Geschäftskunden mit rund 160 000 Klienten umzubauen.Bei der Vorbereitung der notwendigen Restrukturierungen kamen ihm seine Erfahrungen aus der Unternehmensberatung entgegen, wo er seine berufliche Laufbahn begonnen hatte. Bis zur Spitze von Cap Gemini Consulting hatte er es geschafft.Im Frühjahr 2000 wechselte er dann an die Spitze des Stuttgarter Debis-Systemhauses. Das gehörte damals dem Automobilkonzern Daimler-Chrysler. Doch wenige Wochen später verkaufte Daimler-Chef Jürgen Schrempp die Mehrheit der IT-Tochter an die Deutsche Telekom, und Reiss musste gehen. Später erst holte ihn Ricke zurück.Im Umgang mit Mitarbeitern galt Reiss als offen ? wenn auch als distanziert. Er sei kein Vorgesetzter, ?mit dem man auf einen Kaffee geht?, erzählt ein ehemaliger Debis-Mitarbeiter. Doch als die Gerüchte um den Verkauf des Systemhauses in der Belegschaft überschäumten, sei Reiss kurzerhand in der Kantine auf einen Tisch geklettert und habe die Mitarbeiter angesprochen.Bei wichtigen Fragen präsent zu sein schien für den Familienvater auch privat Priorität zu haben. So wurde schon mal ?eine interne Besprechung unterbrochen, wenn die Familie ihn dringend sprechen musste?, berichtet ein Ex-Kollege. Konrad Reiss hinterlässt eine Frau und drei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.04.2005