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Super-Bondi rettet die Milch

Von Katharina Kort
Ein Chemiker ist Italiens Nummer eins in Sachen Unternehmenssanierung: Enrico Bondi, Insolvenzverwalter des Skandalkonzerns Parmalat.
MAILAND. Auf dem eingefallenen Gesicht von Enrico Bondi macht sich ein Lächeln breit. Der in letzter Zeit stets düster dreinblickende Insolvenzverwalter des Skandalkonzerns Parmalat kann seine Freude kaum verstecken. Hinter ihm leuchtet der Aktienkurs auf der Leinwand auf: Es ist die Aktie des italienischen Lebensmittelkonzerns, der vergangenen Donnerstag erfolgreich an die Börse zurückgekehrt ist. Und zu verdanken hat Parmalat das vor allem Bondi. Ein verspätetes Geburtstagsgeschenk für den Manager, der am Tag zuvor 71 Jahre alt geworden ist. 2003 schien der Konzern am Ende. Mit Hilfe von internationalen Banken hatten seine Manager ein weit reichendes Netz von Scheinfirmen und Finanzvehikeln aufgebaut, um die 14 Milliarden Euro Schulden zu vertuschen.Bondi arbeitete sich durch das verschachtelte System Parmalat und stellte das Unternehmen auf neue Beine. ?Wir wussten oft nicht, wo wir anfangen sollten?, sagt der 71-Jährige mit der jung gebliebenen Stimme. Seit Dezember 2004 hat er ganze Geschäftsbereiche geschlossen, Parmalat aus verschiedenen Märkten zurückgezogen und das Unternehmen auf das Kerngeschäft mit Lebensmitteln konzentriert. Aber vor allem hat er gegen die Banken gekämpft.

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Ohne jede Scheu stellt Bondi Mil-liardenforderungen gegen das Who?s who der internationalen Finanzwelt. Der jüngste Coup in der vergangenen Woche: eine Forderung über mehr als sieben Milliarden Euro gegen CSFB, die Investmentbanktochter der Credit Suisse. Auch Deutsche Bank, UBS und Citigroup stehen auf seiner Liste. Insgesamt verlangt Bondi mehr als 40 Milliarden Euro von Banken und Wirtschaftsprüfern. Er ist überzeugt, dass die Banken von den Problemen Parmalats gewusst haben und trotzdem Anleihen bei den Investoren platziert und andere Dienstleistungen geboten haben.Mit seinen Klagen hat Bondi bewiesen, dass er sich niemand verpflichtet fühlt: Immerhin waren es die Banken als größte Gläubiger, die ihn an Bord geholt haben. In einigen Fällen wirft er den Geldhäusern vor, aktiv geholfen zu haben, die Bilanzen zu fälschen. Kein Wunder, dass Bondis Dank sich auch an die Staatsanwälte in Parma richtet, die einen Prozess wegen Bilanzfälschung vorbereiten: ?Das Gericht in Parma hat Unglaubliches vollbracht?, lobt er die Arbeit der Staatsanwälte.Dass die Arbeit des vergangenen Jahres nicht leicht war, sieht man dem hageren Mann mit den eingefallenen Wangen an. Aber Bondi, der seinem Alter und seiner Arbeit zum Trotz seinen geraden Gang bewahrt hat, scheint eine Schwäche für schwierige Fälle zu haben: Vor zehn Jahren überträgt ihm Enrico Cuccia, der Chef der einflussreichen Invest-mentbank Mediobanca, die Rettung des Agrochemie-Konzerns Montedison.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ich bin Chemiker und kein Experte für Wirtschaftswissenschaften"Nach getaner Arbeit wechselt er im Sommer 2001 zur Telecom Italia, wo gerade Marco Tronchetti-Provera das Ruder übernommen hat, der einen Sanierer für den ehemaligen Staatskonzern braucht. ?Bondi war einer der wenigen Leute, zu denen Tronchetti-Provera aufblickt?, sagen Weggefährten über die Zeit. Doch der Manager, der von den Medien schon längst zum ?Super-Bondi? gekürt wurde, hat bei Telecom Italia das Gefühl, dass seine Pläne nur teilweise realisiert werden ? und nimmt daher vorzeitig seinen Abschied.Ein ähnliches Schicksal erleidet er bei seiner nächsten Station, dem fusionierten Versicherer Fondiaria-SAI. Das Management setzt zwar zu Beginn auf ihn, will die von ihm verordnete Radikalkur aber dann doch nicht bis zu Ende bringen. Kein Problem: Bei Parmalat wartet schon bald eine neue Aufgabe. Bondi hat einen Ruf als penibler Bilanzprüfer und rücksichtsloser Kostendrücker. Geschäftsfreunde beschreiben ihn als zurückhaltend, bescheiden und asketisch. ?Ich bin Chemiker und kein Experte für Wirtschaftswissenschaften?, soll der ehemalige Forscher bei seinem Antritt bei Montedison gesagt haben.Der gebürtige Toskaner, der keine Interviews gibt, ist für seine Arbeitsethik bekannt. Obwohl er eigentlich schon längst in Ruhe seine Rente genießen könnte, steht er morgens um halb sechs auf, um einen 14-Stunden-Tag in Angriff zu nehmen. Dem rationalen Wissenschaftler wird eine Vorliebe für trockene, detaillierte Studien nachgesagt. Die Mitarbeiter beschreiben ihren Chef als einen, der über den Dingen steht und deshalb stets verständnisvoll auch auf grobe Fehler reagiert.Am Wochenende jedoch sucht der Vater zweier Kinder, der seiner Position zum Trotz unscheinbare Kleinwagen bevorzugt, häufig Zuflucht auf seinem Landgut mit dem Namen ?Il Matto? (der Verrückte) in der Nähe des Städtchens Arezzo. Dort kann er mit der Aufzucht von Rosen und dem Anbau von Wein und Oliven abspannen. Beobachter gehen davon aus, dass Bondi mit der nächsten Parmalat-Hauptversammlung am 7. November abtreten wird. Er selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er seine Arbeit mit dem Börsengang als beendet ansieht.Zudem dürfte ihm die Arbeit mit seinen neuen Aktionären kaum Spaß machen: Nach dem Börsengang sitzen mehrere Banken im Publikum, von denen Bondi milliardenhohe Entschädigungen verlangt. Auf die Frage, ob er nicht doch länger bleiben will, antwortete er vergangene Woche schlicht: ?Wir werden sehen.? Mit dem ruhigen Leben als Rentner wird es aber auch im Falle seines Abgangs kaum etwas werden. Italien hat genug Baustellen zu bieten: Bondi wird bereits als Kandidat für die Sanierung der angeschlagenen Fluglinie Alitalia gehandelt.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.10.2005