Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Sun-Chef: ?Ich bin ein Geek?

Von Thomas Nonnast
Scott McNealy hat Sun groß und um eine Haar wieder klein gemacht. Sein Nachfolger Jonathan Schwartz, ein lockerer Typ mit schwarzem Pferdeschwanz, ist die Garantie, dass Sun ein Technologieunternehmen bleibt.
Jonathan Schwartz. Foto: AP
SANTA CLARA. Was Jonathan Schwartz an seinem bisherigen Job als Chief Operating Officer bei Sun Microsystems am besten gefällt? ?Ich muss nicht Golf spielen?, sagt er und grinst viel sagend, ?aber wir haben Mitarbeiter im Vertrieb, die diesen Sport beherrschen.?Golf, das würde auch nicht passen zu ihm. Und er würde nicht passen zu den grau melierten Herren, die ihre Geschäfte gern auf dem Fairway regeln. Vielleicht liegt es an den stets zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren. Oder an seiner unprätentiösen Art, die den 40-Jährigen auch als Doktorand auf den Fluren einer Universität durchgehen lassen würde.

Die besten Jobs von allen

Doch der äußere Eindruck täuscht. Der studierte Mathematiker und Volkswirt startete seine Karriere Ende der 80er-Jahre bei McKinsey in New York. Nach zwei Jahren gründet er zusammen mit Partnern die Softwarefirma namens Lighthouse Design, die bereits Anfang der 90er-Jahre ihre Software über das Internet vertreibt. Als Lighthouse 1996 vom Silicon-Valley-Superstar Sun Microsystems geschluckt wird, wechselt Schwartz ? zu diesem Zeitpunkt Vorstandschef von Lighthouse ? mit nach Kalifornien.?Ich bin ein Geek?, räumt Schwartz freimütig ein. So nennen sich in den USA die Computerverrückten und Internetspinner, die lieber vor dem Bildschirm kleben, als ihre Zeit auf Partys oder mit Sport zu verschwenden. Diese Selbstbeleidigung nimmt man dem Familienvater ab, wenn er erzählt, dass er manchmal mitten in der Nacht vor dem Computer sitzt, um einen Beitrag für sein Weblog zu verfassen, weil er ?ohnehin gerade wach war?.Seit Dienstag nun ist Schwartz neuer Vorstandschef von Sun Microsystems. Das ist keine Überraschung, da er bereits seit längerem der Kronprinz von Unternehmensmitgründer Scott McNealy war. Doch die blanke Tatsache, dass McNealy damit nicht mehr Chef des US-Computerkonzerns ist, markiert nicht nur für Silicon Valley, sondern für die gesamte IT-Branche das endgültige Ende einer Ära.Auf Meldungen über seinen Rücktritt hatte McNealy noch vor einer Woche geantwortet: ?Dieses Gerücht ist 22 Jahre alt.? Denn so lange stand der zuweilen als schwierig, rechthaberisch und exzentrisch geltende McNealy an der Spitze von Sun.Zusammen mit Apple-Chef Steve Jobs, Oracle-Gründer Larry Ellison und seinem Erzfeind Bill Gates gehört McNealy zu einer Gruppe charismatischer Gründer, die der modernen US-Computerindustrie ihren Stempel aufgedrückt haben. Charismatisch heißt im Fall von McNealy oft auch: cholerisch. Microsoft beschimpft er regelmäßig als ?Reich des Bösen?. Analysten und Journalisten ließ er gerne wissen, dass sie keine Ahnung haben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zu lange hielt Sun an seinem ?Technologiekosmos? fest.?Das Netzwerk ist der Computer?, lautet seine Vision ? und der ist er immer treu geblieben. Selbst als es um ein Haar sein Unternehmen ruiniert hätte. 1982 gründete er zusammen mit Bill Joy, Andy Bechtolsheim und Vinod Khosla das Unternehmen Stanford University Network, kurz: Sun. Mit vergleichsweise günstigen Workstations rollten sie den Markt der Großen auf und machten sich einen Namen als Arbeitgeber brillanter Ingenieure. Sun war Teil des sensationellen Aufstiegs der High-Tech-Region Silicon Valley.Die Wall Street ging nie zimperlich mit McNealy um, vielleicht auch wegen seiner verbalen Ausfälle. Immer wieder forderten Investoren ihn zum Rücktritt auf. Denn im Gegensatz zu Gates, Ellison und Jobs blieb McNealy ? jedenfalls in den vergangenen fünf Jahren ? der wirtschaftliche Erfolg verwehrt. Der Kurs der Sun-Aktie fiel seit dem Höchststand von 64 Dollar im Jahr 2000 um mehr als 90 Prozent. Seit Jahren wechseln sich verlustreiche Quartale ab mit solchen, die ein bescheidenes Plus ausweisen.Denn viel zu spät reagierte McNealy nach den Einbrüchen im Jahr 2001 auf die Krise. Der Umsatz schmolz von 18 Milliarden Dollar auf rund zehn Milliarden. Doch der Sun-Gründer weigerte sich beharrlich, Personal zu entlassen.Darüber hinaus hielt Sun zu lange an seiner Technologie fest, die von der eigenen Prozessorentwicklung über die Hardware bis zur Software einen Technologiekosmos bildet. Doch die Sun-Produkte wurden im Vergleich zur Konkurrenz immer teurer und teurer. Die Uneinsichtigkeit McNealys vertrieb wichtige Köpfe wie Billy Joy, Erfinder der Internet-Programmiersprache Java, oder den heutigen Motorola-Chef Ed Zander aus dem Unternehmen.Erst vor drei Jahren öffnete sich Sun für Intel-Prozessoren und das freie Betriebssystem Linux. Seitdem ist viel in Bewegung: Die Produktplatte wurde komplett erneuert; das Sun-Betriebssystem Solaris wurde als Open-Source-Software kostenfrei zugänglich; und im vergangenen Jahr übernahm Sun für 3,3 Milliarden Euro den Speicheranbieter Storage Tek. ?Wir haben heute die beste Produktplatte, die wir je hatten?, behauptete McNealy vor kurzem.Nun ist es an Jonathan Schwartz, diese Produkte zu nutzen, um Sun wieder nachhaltig in die schwarzen Zahlen zu führen. Als CEO hat er die volle Verantwortung für die Strategie, 38 000 Mitarbeiter, 13 Milliarden Dollar Umsatz und eine Börsenkapitalisierung von 15 Milliarden Dollar.Solch eine Aufgabe wird ihm nicht nur Freunde bringen. So kritisierte ein Ex-Sun-Manager kürzlich öffentlich die Entscheidung McNealys, nach dem Ausscheiden von Ed Zander als COO den seiner Meinung unerfahrenen Schwartz auf diesen Posten zu berufen. Doch Schwartz wird Sun nicht blind verjüngen.Im Gegenteil: Eine Reihe erfahrener Leute ist inzwischen wieder im Unternehmen aktiv. Dazu gehört auch das Gründungsmitglied Andy Bechtholsheim, der zu den Anschub-Finanziers der Internetsuchmaschine Google gehört. Für Kontinuität dürfte auch die Rückkehr von Michael Lehman auf den Posten des Finanzvorstands sorgen. Er hatte diesen Posten bereits zwischen 1998 und 2002 inne und war zwischenzeitlich in den Aufsichtsrat gewechselt. Und letztlich bleibt auch McNealy als Chairman und als verantwortlicher für das Geschäft mit öffentlichen Auftraggebern Freund und Feind erhalten.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.04.2006