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Süßer Lebensabend

Von Katrin Terpitz
Der Fernsehfilm ?Aufstand der Alten? zeigt ein Horrorszenario, in dem verarmte Rentner plündernd durch die Straßen ziehen.Hauptbotschaft: Wer als Rentner nicht verarmen will, sollte sich nicht allein auf den Staat verlassen. Eine neue Studie stellte aber fest: Wer gute Mitarbeiter haben will, muss ihnen etwas fürs Alter bieten.
Altenrepublik Deutschland 2030. Sie brechen nachts in Apotheken ein und klauen Medikamente. Sie halten sich mit lausigen Hilfsjobs wie Fensterputzen und Straßenmusik notdürftig über Wasser. Bis 70 haben sie malocht, und bekommen doch nur eine jämmerliche Grundrente von 560 Euro. Denn die staatliche Rentenkasse ist leer, der Generationenvertrag gekündigt. Die Schocker-Trilogie ?Aufstand der Alten? im ZDF entwarf ein Horrorszenario. Hauptbotschaft: Wer als Rentner nicht verarmen will, sollte sich nicht allein auf den Staat verlassen. Wohl denen, die privat vorgesorgt oder eine betriebliche Alterssicherung haben. Die genießen in der Zukunftsdoku ihren Lebensabend braun gebrannt und weiß gekleidet in Wellnesstempeln.Bislang aber bietet gerade mal die Hälfte aller Unternehmen hier zu Lande ihren Mitarbeitern eine zusätzliche finanzielle Absicherung fürs Alter an, zeigen Daten von TNS-Infratest. Studien zu diesem Thema sind rar. Grundsätzlich gilt: Je größer das Unternehmen, umso eher sorgt es für das Alter seiner Leute vor. Sei es durch eigene Zahlungen oder die Möglichkeit, über die Firma zu günstigen Gruppenkonditionen Geld fürs Altenteil zurückzulegen. ?Je mehr die gesetzliche Rente dahinschmilzt, desto wichtiger wird die betriebliche Altersvorsorge. Die werden Mitarbeiter künftig viel stärker nachfragen als heute?, prophezeit Jürgen Helfen, Experte für Altersvorsorge und Partner der Unternehmensberatung Rauser Towers Perrin.

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Allerdings: Die goldenen Zeiten sind vorbei, als Arbeitgeber noch eine Betriebsrente zusicherten, die sich am letzten Gehalt orientierte. In einer Studie hat Rauser Towers Perrin ermittelt: Drei Viertel der Firmen hier zu Lande setzen heute stattdessen auf eine beitragsorientierte Altersvorsorge. Befragt wurden 90 Unternehmen aller Branchen und Größen mit insgesamt fast einer halben Million Mitarbeiter. Die Umfrage liegt dem Handelsblatt exklusiv vor.Von einem Leistungs- auf ein Beitragssystem hat auch BSH Bosch und Siemens Hausgeräte kürzlich umgestellt. ?Seit einem Jahr gibt es für neue BSH-Mitarbeiter keine klassische Betriebsrente mehr im Sinne einer lebenslang ausbezahlten monatlichen Rente. Stattdessen gibt es verschiedene Auszahlungswege ? einer davon: eine Rente zu Marktkonditionen?, berichtet Thomas Kagermaier, Leiter betriebliche Sozialpolitik.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Unternehmen schrecken vor Leistungsgarantien zurück?Wegen der finanziellen Unwägbarkeiten können und wollen nur noch die wenigsten Unternehmen Leistungsgarantien geben?, beobachtet Berater Helfen. So auch die BASF. ?Vor drei Jahren haben wir unsere endgehaltsbezogene Zusatzversorgung abgelöst durch eine beitragsorientierte?, sagt Hans-Carsten Hansen, Personalchef der BASF. Die betriebliche Altersversorgung hat beim Chemiekonzern Tradition ? seit über 100 Jahren gibt es für alle Beschäftigten eine Grundversorgung über die Pensionskasse.Wie aber legen die Unternehmen ihre freiwilligen Altersgelder für die Mitarbeiter heute an? Fünf Wege können sie parallel beschreiten: Direktzusage, Unterstützungskasse, Direktversicherung, Pensionskasse und seit fünf Jahren auch Pensionsfonds. Die meisten der befragten Firmen ? 65 Prozent ? finanzieren eine Direktzusage. Die zahlt der Arbeitgeber später meist als Betriebsrente aus, für die er vorher Reserven bilden muss. Lange Zeit nutzten Betriebe die Direktzusage als Steuersparmodell ? denn die Rückstellungen sind Gewinn mindernd.Neuerdings aber haben Direktzusagen einen Pferdefuß: ?Nach den internationalen Bilanzierungsregeln erscheinen sie als Verbindlichkeit in der Bilanz, was börsennotierte Unternehmen im Vergleich zu ausländischen Wettbewerbern vermeintlich schlechter aussehen lässt?, erläutert Klaus Stiefermann, Geschäftsführer der Aba, der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Alterversorgung. Zudem können Pensionsrückstellungen auch das Rating für eine Kreditvergabe verschlechtern. Die Folge: Bei Neueintritten überwiegt zwar immer noch die Direktzusage des Arbeitgebers, sie liegt mit 44 Prozent aber nur knapp vor den Pensionskassen, zeigt die Studie.Aber auch hier gibt es einen Bilanztrick: Fast alle Dax-Firmen und bereits ein Viertel der befragten Betriebe mit Direktzusagen nutzen inzwischen Treuhandmodelle, die so genannten Contractual Trust Arrangements (CTA). Stephan Birkner, Berater bei Rauser Towers Perrin, weiß, warum: ?Diese bereinigen die internationalen Bilanzen. Ein Treuhandmodell rechnet sich aber erst ab einer gewissen Firmengröße.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wie die Altersversorgung samt Verwaltung und Risiko ausgelagert werden kannWas nutzen die Firmen neben den Direktzusagen? Je 40 Prozent der befragten Arbeitgeber zahlen in bilanzneutrale Unterstützungskassen und Pensionskassen ein (Mehrfachnennungen möglich). Stiefermann erwartet langfristig einen Trend hin zu externen Versorgungsträgern wie Pensionsfonds, die heute erst wenige Arbeitgeber nutzen: ?So kann die ganze Altersversorgung samt Verwaltung und Risiko ausgelagert werden ? und in der Bilanz taucht sie auch nicht auf.?Ohnehin wird die Verwaltung von Versorgungswerken zunehmend an Dritte vergeben. Nur noch ein Fünftel der befragten Unternehmen regelt alles selbstständig, so die Studie. Mehr als die Hälfte hat zumindest Teile der Verwaltung ausgelagert. Fast ein Viertel vertraut schon ganz auf externe Dienstleister. ?Je kleiner die Firma, umso größer das Bestreben, die Altersversorgung auszulagern?, beobachtet Vorsorge-Experte Stiefermann.Ein weiterer klarer Trend: Verunsichert durch die schrumpfenden Rentenkassen, beteiligen sich immer mehr Arbeitnehmer an ihrer betrieblichen Altersvorsorge. Vor allem, seitdem es einen Rechtsanspruch auf Entgeltumwandlung gibt und die Beiträge bis zu einer bestimmten Höhe frei von Sozialabgaben sind.Für welche Wege entscheiden sich Arbeitnehmer, wenn sie Teile ihres Gehalts in betriebliche Altersversorgung umwandeln? Es dominiert klar die Direktversicherung gefolgt von der Pensionskasse. Beide Varianten bietet unter anderem BSH für seine Mitarbeiter an. Bei der BASF nutzen fast 60 Prozent der tariflichen und über 75 Prozent der außertariflichen Mitarbeiter die Möglichkeit der Entgeltumwandlung. Personalchef Hansen: ?Seit zwei Jahren bieten wir anstelle der Direktversicherung eine Entgeltumwandlung über die BASF-Pensionskasse an.? Jedoch: Ab 2009 wird die Entgeltumwandlung unattraktiv, falls dann Sozialabgaben fällig werden. Für Hansen ein wenig nachvollziehbarer Schritt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Häufige Gesetzesänderungen schaffen eine zerklüftete Versorgungslandschaft Häufige Gesetzesänderungen machen mal den einen, mal den anderen Weg der Altersversorgung attraktiv. So führen 65 Prozent der Arbeitgeber alte Versorgungsregelungen parallel weiter. Die Folge ? eine völlig zerklüftete Versorgungslandschaft. Hinzu kommt, dass viele Firmen in den letzten Jahren Fusionen und Übernahmen durchgemacht haben. Berater Birkner: ?Und bei Betriebsübergangen gibt es meist zähe Verhandlungen über die künftige Altersversorgung.? Helfen stellt klar: ?Es gibt keinen Königsweg. Alle fünf Wege der betrieblichen Altersversorgung haben ihre Berechtigung.?Eins steht außer Frage: Die Altersversorgung über die Firma wird ein immer wichtigeres Instrument, um Mitarbeiter zu binden. Hansen von der BASF: ?Eine attraktive betriebliche Altersvorsorge hilft uns, fähige Leute zu gewinnen und zu motivieren. Damit sie dem Unternehmen treu bleiben.? Mit einem zusätzlichen Zuckerl versucht die BASF, Mitarbeiter über der Einkommensgrenze von 4 840 Euro bei der Stange zu halten. Pension Plus ist an die persönliche Leistung und den Firmenerfolg gekoppelt.Viele andere Arbeitgeber aber haben beim internen Marketing ihrer betrieblichen Altersversorgung geschlafen. Berater Birkner: ?Was nutzt es, wenn sie lange Jahre Gutes tun, aber kaum darüber reden??
Dieser Artikel ist erschienen am 15.02.2007