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Südstaaten-Girl erobert Wall Street

Von Tobias Moerschen, Handelsblatt
Ursprünglich wollte sie Journalistin werden. Diesen Berufswunsch fasste Sallie Krawcheck in jungen Jahren nach einem Praktikum beim US-Wirtschaftsmagazin Fortune.
NEW YORK. Doch eine Studienstiftung ermöglichte der jungen Frau aus dem provinziellen North Carolina im Süden der USA ein weiteres Praktikum ? bei der Investmentbank Baring Brothers in London. Danach änderte sie ihre Berufspläne. ?Ohne dieses Praktikum hätte ich nie an eine Wall-Street-Karriere gedacht?, dankte Krawcheck der Stiftung.Der frühe Karriere-Schwenk hat sich gelohnt. Am fünften November, ihrem 40. Geburtstag, tritt Krawcheck ihr neues Amt als Finanzchefin der weltgrößten Bank Citigroup an. Damit steigt sie zur mächtigsten Frau an der Wall Street auf. Bislang leitete die resolute Frau mit der blonden Mähne, den weichen Gesichtszügen und dem kessen Charme eines ?Südstaaten-Girls? Smith Bar-ney, die Wertpapiersparte von Citigroup. Neuer Smith-Barney-Chef wird der bisherige Finanzchef Todd Thomson, 43.

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Mit dem Positionstausch profilieren Thomson und Krawcheck sich als mögliche Nachfolger für Citigroup-Konzernchef Charles ?Chuck? Prince. Allerdings hat der 54-jährige Prince sein Amt erst vor einem Jahr angetreten, eine baldige Abberufung gilt als unwahrscheinlich. ?Citigroup hat jetzt die nächste Generation seiner Führungsmannschaft installiert, aber wir erwarten für längere Zeit keinen Führungswechsel an der Konzernspitze?, schreibt Analyst Jason Goldberg von der Investmentbank Lehman Brothers in einer Kurzanalyse.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ruf als SauberfrauKrawchecks raketenhafte Karriere führte sie bereits zweimal auf die Titelseite von ?Fortune? ? dem Magazin, wo sie einst ihr Praktikum absolvierte. Sie arbeitete zunächst als Investmentbankerin bei den Wall-Street-Firmen Salomon Brothers und Donaldson, Lufkin & Jenrette. Bekannt wurde Krawcheck als Bankanalystin beim New Yorker Researchhaus Sanford C. Bernstein. Dort machte sich die junge Aufsteigerin durch unabhängige, kritische Berichte einen Namen. Das half ihr, als überoptimistische Analysten im Börsensturz des Jahres 2000 plötzlich als unseriöse Handlanger der Investment-Banking-Abteilungen ihrer Banken dastanden. ?Die letzte saubere Analystin? lautete ein Fortune-Titel über Krawcheck.Citigroup engagierte die Sauberfrau 2002, um das beschädigte Image ihrer Researchsparte Smith Barney aufzupolieren. Unter Krawchecks Führung trennte Citigroup das Geschäft mit Aktienanalysen und der Beratung privater Investoren strikt vom Investment-Banking. Die ausgegliederte Sparte erhielt den alten Markennamen Smith Barney. Die Beratungssparte war zuvor aufgegangen in der allumfassenden Citigroup-Investmentbanksparte Salomon Smith Barney.Analysten bescheinigen Krawcheck Erfolg bei Smith Barney. Citigroup-Konzernchef Prince lobte sie am Montag in den höchsten Tönen: ?Sie hat unser Researchgeschäft erfolgreich durch eine der schwierigsten Phasen seiner Geschichte gesteuert.? Krawcheck diente als unbelastetes Aushängeschild nach außen und feuerte intern Mitarbeiter, auf die auch nur der Verdacht unsauberer Interessen-Verquickungen fiel. Dabei bewies sie eine Bissigkeit, die ihr nicht nur Freunde bescherte. ?Ihre Aufgabe war, den Druck zu lindern, und das hat sie geschafft. Aber dabei hat sie intern Unruhe gestiftet und bei manchen Groll geschürt?, verriet ein Smith-Barney-Mitarbeiter der Zeitung New York Times.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Krawcheck soll Vertrauen der Anleger zurückgewinnenAls künftige Citigroup-Finanzchefin übernimmt Krawcheck keine leichte Aufgabe. Sie verantwortet die Ertragszahlen, die zuletzt extrem schwankten. Dafür sorgte im vergangenen Quartal überraschend eine Sonderrückstellung von 4,96 Milliarden Dollar für juristische Risiken.Außerdem leitet sie als Finanzchefin künftig die Abteilung Investor-Relations beim Börsengiganten Citigroup mit einem Marktwert von 225 Milliarden Dollar. Krawcheck soll Vertrauen der Anleger zurückgewinnen und die schlechte Entwicklung der Citigroup-Aktie stoppen. ?Dieses Unternehmen hat es nicht geschafft, ein positives Verhältnis zu Investoren aufzubauen?, kritisiert Analyst Richard Bove vom Geldhaus Punk Ziegel die bisherige Investor-Relations-Arbeit.Seit dem Amtsantritt von Konzernchef Prince vor einem Jahr sind Citigroup-Aktien um sieben Prozent gefallen, während der Branchenindex KBW-Philadelphia-Bank-Index im selben Zeitraum um rund sieben Prozent stieg. Der Konzern ist in fast jeden großen Bilanzskandal verwickelt ? vom texanischen Energiehändler Enron über den US-Telekomanbieter Worldcom bis zum italienischen Nahrungsmittelriesen Parmalat.Citigroup präsentierte den Positionswechsel der beiden vergleichsweise jungen Top-Manager als Karriere-Fortschritt für beide: Krawcheck zieht vom Smith-Barney-Hochhaus im Süden Manhattans in die Weltzentrale der Citigroup an der Park Avenue. Thomson dagegen sammelt bei Smith Barney Erfahrung im operativen Tagesgeschäft, was als Voraussetzung für höhere Ämter gilt.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.09.2004