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Stur kommt weiter

Von Christoph Nesshöver
36 Jahre schon hält Wolfgang Mayrhuber der Lufthansa die Treue. Ihm ist es zu verdanken, dass die Airline so glänzend dasteht. 65 Prozent hat die Lufthansa-Aktie in zwölf Monaten zugelegt. Doch in kaum einer Branche ist Erfolg so zerbrechlich wie im Luftfahrtgeschäft. Steigende Ölpreise, Terrorismus, Seuchen ? die großen Gefahren für die Weltwirtschaft treffen die Airlines frontal.
SCHANGHAI. Wolfgang Mayrhuber singt Beethoven. ?Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium / Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.? Die neunte Sinfonie des Maestros perlt aus den Lautsprechern, und Mayrhubers Lippen summen Schillers Ode ?An die Freude?, die Hymne Europas. Davor erklang die der Volksrepublik China. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Lufthansa AG trägt ein feuerrotes Gewand und einen feuerroten Hut mit einem goldenen Bommel dran.Mayrhuber ist Ehrengast der ersten Examensfeier der ?China Europe International Business School? in Schanghai. Die Uni ist so etwas wie Chinas Harvard. Vor ihm sitzen 300 Absolventen, die ihren ?Executive MBA? geschafft haben. Und der Lufthansa-Chef soll ihnen erzählen, wie er es dahin geschafft hat, wo sie noch hinwollen: ganz nach oben, zum Chef von 93 923 Mitarbeitern in 150 Ländern, von 18,1 Milliarden Euro Umsatz und 432 Flugzeugen.

Die besten Jobs von allen

?Ich bin dieses Jahr schon zum sechsten Mal in China?, beginnt Mayrhuber auf Englisch. ?Meine Frau wird schon misstrauisch, ob ich hier vielleicht eine Geliebte habe ? Ja, die habe ich: Sie heißt China!?Pause. Die Übersetzung ins Chinesische gelingt: Der Saal juchzt freundlich auf.Sein persönliches Erfolgsrezept packt Mayrhuber in einen einzigen Satz: ?Ich habe immer die Dinge gemacht, die mir gefielen und die für mich Sinn machten.? Ein bisschen wirkt der 1,95-Meter-Riese erstaunt, dass das alles so einfach gewesen sein soll mit seiner Karriere hinaus aus Waizenkirchen im Hausruckviertel, Bezirk Grieskirchen, Oberösterreich, 367 über NN, nach Schanghai, Rio, Tokio, hinaus in die Globalisierung.Mayrhuber hat allen Grund zu Hymnen an die Freude. Er gehört zu den Erfolgreichsten unter den Dax-30-Vorstandschefs. Die Lufthansa wächst, sie kauft Konkurrenten auf, sie schafft Jobs, sie lässt die meisten anderen Carrier der Welt hinter sich, sie peilt für 2008 einen operativen Gewinn von einer Milliarde Euro an.Luft holen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In kaum einer Branche ist Erfolg so zerbrechlich wie im Luftfahrtgeschäft.Denn in kaum einer Branche ist Erfolg so zerbrechlich wie im Luftfahrtgeschäft. Steigende Ölpreise, Terrorismus, Seuchen ? die großen Gefahren für die Weltwirtschaft treffen die Airlines frontal. 65 Prozent hat die Lufthansa-Aktie in zwölf Monaten zugelegt ? ein einziges Attentat à la 11. September 2001 oder eine Vogelgrippe-Epidemie und Mayrhubers Mühen begännen von vorne. Erst am Montag wurde bekannt, dass die Bundesanwaltschaft gegen sechs Männer ermittelt, die in Deutschland einen Bombenanschlag auf ein Passagierflugzeug geplant haben sollen.Drei Passagiere weniger pro Flug, fünf Euro weniger pro Ticket und die Stückkosten um zwei Prozent hoch: ?Schon würde aus einem Gewinn von einer Milliarde Euro eine Null?, hat Mayrhuber mal gesagt.Hinzu kommt die schizophrene Natur des Airline-Geschäfts: ?Es ist anachronistisch, dass unsere Branche weltweit Verbindungen herstellen kann, wir aber oft noch so tun, als wäre es eine hoheitliche Aufgabe?, sagt Mayrhuber. Landerechte, Startbahnen, Streckenführung, Flugsicherung, Security sind national organisiert und somit oft Angelegenheit eines patriotisch-politischen Stolzes. Spricht der Lufthansa-Chef darüber, klingt seine Stimme genervt.?Wenn ich eins unterschätzt habe, als ich die Führung der Lufthansa übernahm, dann ist das der Aufwand, den man betreiben muss, um unsere Industrie zu erklären?, sagt Mayrhuber. Der Mann, der einen Weltkonzern führt, stößt bei national denkenden Politikern oft auf Unverständnis.Wolfgang Mayrhuber und die Lufthansa fühlen sich gefesselt wie Jonathan Swifts Märchenheld Gulliver im Lande Lilliput. Das ewige Strampeln gegen die vielen kleinen Strippen, die ihn am Boden festhalten, lässt selbst einen umgänglichen Typ wie Mayrhuber immer wieder grollen.Dass er regelmäßig erleben darf, wie es auch anders geht, macht es nicht leichter. LH 720 aus Frankfurt landet nach neun Flugstunden pünktlich in Peking. Zerknautschte Passagiere dösen auf der Rolltreppe Richtung Passkontrolle, Mayrhuber hüpft die Treppe daneben hinauf. Per Limousine geht es über die Baustelle: planierter Grund, soweit das Auge reicht. Am Horizont im Dunst des schwülen Morgens räkeln sich Gerippe aus Stahl und Beton wie erwachende Raubtiere: Bald werden sie die neuen Terminals des Pekinger Flughafens sein. Ein großes Reich baut ein neues, noch größeres Reich.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Lufthansa baut ein bisschen mit.Die Lufthansa baut ein bisschen mit. Heute ist Grundsteinlegung des 70 000 Quadratmeter großen Hangars für den A380. Bauherr ist Ameco, ein Joint Venture der Lufthansa mit Air China. Zur Begrüßung gibt es einen Drachentanz. Die Holzzähne des roten Biests schnappen klappernd zu.Eine Hundertschaft Arbeiter in Blaumännern steht gelangweilt Kulisse, der über den Baugrund geworfene rote Teppich hat reichlich Untiefen. Wolfgang Mayrhuber strahlt, ?weil ich hier so viele Freunde sehe?. Noch ein paar verbale Freundlichkeiten, Applaus, Trommelwirbel.Die Manager packen die Schaufeln. Für Mayrhubers Hände sind die weißen Handschuhe viel zu klein ? er zerrt sie dennoch über die Finger und kippt chinesische Erde über den Grundstein. Das staubt gehörig.Auch vor 80 Jahren, als der erste Lufthansa-Flieger in Peking landete, war Fliegerei eine rechte Plackerei. 38 Tage, 15 Zwischenlandungen, 72 Flugstunden ? so lange brauchten die beiden Junkers G24 für den Flug von Berlin ins Reich der Mitte im Juli 1926. Da war die Lufthansa gerade sechs Monate alt. Die Deutschen waren Pioniere und gründeten 1930 als erste westliche Fluggesellschaft ein Gemeinschaftsunternehmen mit China, die ?Eurasia?.80 Jahre gemeinsame Geschichte sind im traditionsbewussten Jahrtausendreich China ein reiches Kapital, und die Lufthansa hat es genutzt. Seit 1989 fliegt sie täglich nonstop nach China. Heute bietet sie 52 Flüge pro Woche nach Peking, Schanghai, Hongkong und Guangzouh, neun mehr als 2005. 14 Prozent der Sitzplätze auf Flügen von Europa nach China ziert der Kranich ? Platz eins. ?China ist für uns ein extrem wichtiger Markt?, sagt Mayrhuber. Und ein hoch profitabler.Im Europa- und Transatlantikgeschäft lässt sich kaum noch Geld verdienen wegen der heftigen Konkurrenz und der Billigflieger. ?Hier hat Mayrhuber noch kein Konzept vorgelegt?, moniert ein Aufsichtsrat. Dagegen sind China und Indien Luftfahrt-Eldorados. In zehn Jahren hat sich die Zahl chinesischer Urlauber, die ins Ausland reisen, um 500 Prozent erhöht. Und dank der neuen Business-Klasse ziehen auch die Umsätze mit Business-Class-Tickets an. Damit verdient die Lufthansa das meiste Geld. In den ersten neun Monaten dieses Geschäftsjahres erflog sie die Hälfte ihrer Erlöse im Premiumsegment.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Marktführer zu sein ist gefährlich.Marktführer zu sein ist gefährlich, weil es auch bequem machen kann. Bei der Fahrt in die Innenstadt Pekings kann Mayrhuber sehen, was ein anderer deutscher Marktführer China hinterlassen hat: Jedes zweite Auto auf Pekings Straßen, das älter ist als fünf Jahre, ist ein VW. Neuere Modelle stammen meist aus Japan.Volkswagen war auch mal Marktführer in China. Dann pustete der Wind der Globalisierung die Konkurrenz herein. In wenigen Jahren fiel der VW-Marktanteil in China von 50 auf unter 20 Prozent.Ausruhen ist nicht mehr. Das, weiß Mayrhuber, gilt auch für seine Lufthansa: ?In unserer Industrie ist der Wettbewerb so hart, dass man nicht damit rechnen kann, dass es zehn Jahre so weitergeht wie jetzt.?Wie nah Chancen und Gefahren beieinander liegen, kann Mayrhuber an diesem Septembertag auf der ersten Seite der ?China Daily? lesen. ?Vogelgrippe könnte im Winter erneut ausbrechen?, titelt das Blatt. Und darunter: ?Bis 2010 werden 270 Millionen Chinesen regelmäßig fliegen.?Gegen böse Geister wie Seuchen oder Terror redet Mayrhuber sein Unternehmen stark. ?Heute könnten Terroristen kein Flugzeug mehr übernehmen?, sagt er. Und: ?Der Vorteil einer Airline in einer Krise ist, dass wir unser Kapital, unsere Flugzeuge, schnell umschichten können. Wir haben keine Immobilien, sondern Mobilien.?Und schließlich gehöre die Lufthansa zu den fittesten Unternehmen der Branche: ?Lufthansa ist eine von drei Airlines weltweit, die ein Investment-Grade-Rating hat.? Und man habe bewiesen, dass die Lufthansa ?auch bei einem Ölpreis von 70 Dollar Geld verdienen? könne.Je mehr Passagiere, je leichter ist das Geldverdienen. Deshalb schaut Mayrhuber nachmittags beim Olympischen Komitee vorbei. In gut 600 Tagen, am 8. August 2008, beginnen die Sommerspiele in Peking, und die Lufthansa will viele, viele Sportfans her- und wieder heimbringen.Als ?President Wulf-Gong? stellt der Dolmetscher Mayrhuber vor. Und Olympiakomitee-Vizepräsident Jiang Xiaoyu, grauer Anzug, graues Hemd, schmeichelt: Der Kranich der Lufthansa sei ein ?sehr eindrucksvolles Logo?, das von Air China sei einfach ?nicht dynamisch genug?.Mayrhuber sind solche Höflichkeitsriten etwas peinlich. Er zwingt seinen langen Oberkörper im Sitzen zu einem Diener: ?Thank you.?Lesen Sie weiter auf Seite 5: Anfang der neunziger Jahre hätte Mayruber die Lufthansa leicht verlassen können. ?Thank you for travelling with Air China?, sollte das wohl heißen, was da eben durch die Bordlautsprecher gesäuselt wurde. Für ungeübte Ohren klingt Chinesisch wie die Sprache einer anderen Galaxie. Wolfgang Mayrhuber ist wieder auf dem Weg ? raus aus der alten Kaiserstadt Peking und hinein ins junge, aufstrebende China, nach Schanghai, wo sie pro Jahr 6 000 neue Hotelbetten aufstellen. Sein Sitz 3A am Fenster gehört seit sechs Monaten endlich auch zur ?Star Alliance?, dem Verbund der Lufthansa, seit sich der chinesische Staatsflieger angeschlossen hat.Sein Geschäft sind Reisen, aber Wolfgang Mayrhuber selbst ist längst angekommen. ?Ich bin schon als Junge mit dem Moped von meiner Großmutter nahe Salzburg bis nach München gefahren, um zu sehen, wie ein Flughafen funktioniert?, erzählt der 59-Jährige über den Wolken bei ein paar Löffeln Obstsalat. Das Mofa hatte Wolfgang selbst frisiert ? auf 50 Sachen.1970 kommt der Ingenieur zur Lufthansa ? sie wird sein erster Arbeitgeber, und sie wird wohl auch sein letzter sein. Sein Vertrag läuft bis Ende 2010, dann wäre er 63 Jahre alt. Wolfgang Mayrhuber ist treu, eine Tugend, die altmodisch, aber auch angenehm ist, die in der freien Wildbahn des globalen Wettbewerbs jedoch auszusterben droht.Anfang der neunziger Jahre, nachdem er für Lufthansa-Chef Jürgen Weber den flügellahmen Konzern saniert hatte, da hätte Mayrhuber leicht gehen können. Angebote gab es zuhauf. ?Aber ich wollte mich nicht wegstehlen, das war für mich auch eine Frage von Moral und innerer Verpflichtung?, sagt Mayrhuber, der alle Hierarchiestufen in seinem Konzern durchlief und wohl Tausende seiner Mitarbeiter kennt. ?Mir ist es lieber, alle vier Jahreszeiten eines Unternehmens zu erleben, als von einem Sanierungsfall zum nächsten zu eilen.? Und: ?Das Unternehmen hat mir ja auch viel gegeben.?2001 gab es ihm auch den Chefposten. Dafür, seinen Traum leben zu dürfen, zahlt Mayrhuber aber auch einen Preis: Unter den Dax-30-Chefs steht er mit einem Jahressalär von 1,3 Millionen Euro auf einem Abstiegsplatz. Der Schnitt beträgt nach Berechnungen der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz 1,7 Millionen Euro.Mayrhuber nimmt es mit Humor. ?Es gibt ja nur Rankings darüber, was wer kriegt, nicht Rankings darüber, was wer verdient?, sagt er und lacht. ?Als ich früher mit immer neuen Aufgaben nach Hause kam, hat mein Großvater zu mir gesagt: ,Bua, vor lauter Faszination: Vergiss das Geldverdienen nicht!?? Hat er nicht ? Leidenschaft hin, Leidenschaft her. Dieses Jahr dürften sich seine Bezüge deutlich verbessern: Pro 100 Millionen Euro operativen Gewinn erhält er eine Prämie von 85 000 Euro.Lesen Sie weiter auf Seite 6: Mayrhubers persönlicher Einstieg in die GlobalisierungSein persönlicher Einstieg in die Globalisierung, das war wohl das Studium am Massachusetts Institute of Technology Ende 1990. Was er dort als Allererstes lernte? ?There?s no free lunch.? Der Ingenieur aus dem mitbestimmten deutschen Konzern lernte, wie es so zugeht im globalen Wettbewerb. ?Als wir am MIT das Thema ,unfriendly takeover? in Fallstudien durchgingen, habe ich noch lapidar gesagt: ,Das brauche ich nicht zu lernen, weil deutsche Unternehmen nicht in die Welt rausgehen, andere aufkaufen und sie vielleicht noch zerschlagen??, erzählt Mayrhuber. ?Drei Monate später rief mich ein US-Kommilitone an und sagte, er komme nach Hamburg, da könnten wir uns treffen, weil eine deutsche Firma sein Unternehmen gerade übernommen habe.?Es bimmelt im Flieger ? der Anflug auf Schanghai beginnt. Als sie sich geleert hat, sieht die Business-Class aus wie ein Kinderzimmer nach einer kernigen Kissenschlacht. Nur der Gast von Sitz 3A hat sein weißes Kopfkissen ordentlich zwischen Sitz und Wand eingeklemmt.Mayrhuber ist ein Gesicht der Globalisierung, ihren rüden Riten unterworfen hat er sich nicht. Ja, auch er muss seine Lufthansa fit sparen. 1,2 Milliarden Euro, hat er den Finanzinvestoren versprochen, wird er abtrainieren bis Jahresende ? das meiste hat er schon geschafft.Nun ist der Carrier, der seine Steuern zu 100 Prozent in Deutschland bezahlt, so gut wie schuldenfrei, und 2,6 Milliarden Euro Liquidität lassen dem Vorstand Raum für strategische Planspiele. Nicht schlecht in einer Branche, die nach Schätzungen des internationalen Branchenverbandes IATA dieses Jahr insgesamt 1,7 Milliarden Dollar Verluste einfliegen wird ? nach 3,2 Milliarden im Vorjahr.Den Druck der Finanzmärkte spürt natürlich auch Mayrhuber. ?Ich habe gelernt, dass ich als Vorstandsvorsitzender nicht nur Tickets verkaufen muss, sondern auch Aktien?, sagt er. Die Loyalität von Kunden sei nun mal höher als die von Investoren. ?Obwohl wir werthaltig sind und wachsen, fragen Analysten nur, ob die Rendite rauf- oder runtergeht. Insofern müssen sie sich um diese Klientel mehr kümmern, als ihnen manchmal lieb sein mag.?Aber er sagt auch: ?Man muss die Nerven behalten, damit man nicht nur das tut, was einem von den Kapitalmärkten zugeflüstert wird.? Wie etwa, als viele Investoren verlangten, defizitäre Konzernteile wie die Catering-Tochter LSG Sky Chefs und die 50-Prozent-Beteiligung am Ferienanbieter Thomas Cook abzustoßen.Mayrhuber blieb stur wie ein Bergbauer auf der Alm. ?Ich habe gesagt: ,Die Verlustquelle können wir auch selber stopfen. Ich verkaufe ja Aktien auch nicht am Tiefstpunkt.??Stur kommt weiter: Beide Sparten sind wieder profitabel. Vom heißspornigen Übervater Weber, der noch immer den Aufsichtsrat leitet, ?redet heute niemand mehr?, sagt ein Lufthansa-Aufseher: ?Das ist vielleicht das größte Kompliment, das man Mayrhuber machen kann.?Gut und schlecht, groß und klein, Erfolg und Pleite ? die Dinge können heute ruck, zuck kippen. Die Globalisierung hat den Managern die Gewissheit genommen, sich jemals mit etwas zufrieden geben zu können.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein Blick in die Zukunft: Was würde der Ex-Lufthansa-Chef zu Übernahme der Airline durch Air China sagen?Ist die Lufthansa groß genug, um zu bestehen? Bei seiner Fahrt durch Schanghai von Termin zu Termin kann Mayrhuber den Aufbruch besichtigen: Hochhaus an Hochhaus wächst hier empor. Die Fußmatten des Porsche Cayenne, der den Lufthansa-Chef durch die Stadt kutschiert, zieren züngelnde Flammen.Und daheim? Zankt man ewig um eine neue Startbahn. ?Zwölf Jahre für 2,8 Kilometer Beton in Frankfurt ? das können wir uns nicht mehr leisten?, sagt Mayrhuber. Auf seiner Märchenreise kam Gulliver auch ins Land Brobdingnag, wo die Riesen lebten und er nur ein Zwerg war.Zeitsprung ins Jahr 2026: Air China übernimmt die Lufthansa. Was würde der Ex-Lufthansa-Chef dann dazu sagen? Mayrhuber sitzt in seinem Büro in der erst im Juli bezogenen Frankfurter Zentrale. Er überlegt kurz. Am Fenster steht das Steuerhorn einer Boeing 737, das er zum Amtsantritt bekam.Von seinem Schreibtisch braucht er nur über die Straße zu blicken und sieht die Hangars der Langstreckenflotte. Drinnen parkt gerade ein Airbus 340-600. Die Sitze werden neu bezogen, an einigen Stellen sind die Bodenplatten entfernt und das zarte Aluminiumgerippe des Jets liegt frei.Air China? ?Wenn wir gleichgewichtig in einem Verbund die Stärke der Lufthansa-Gruppe mit der eines chinesischen Carriers verbinden könnten, warum nicht?? sagt Mayrhuber. Aber käme es so, ?dann hätten wir in Europa zehn Jahre zuvor Fehler gemacht. Wir haben es noch selbst in der Hand, zu den Bauherren der künftigen Architektur im Luftfahrtgeschäft zu gehören.?Vergangene Woche hat US Airways angekündigt, den insolventen Konkurrenten Delta übernehmen zu wollen. Möglich, dass nun auch Lufthansa-Partner United mitbietet. Im Mai 2004 hatte bereits Air France die niederländische KLM geschluckt.Auf Sicht hält Mayrhuber Europa allein für zu klein, um einen großen, globalen Carrier zu schaffen. ?Eine in zehn Jahren relevante Betriebsgröße nur auf dem deutschen Markt oder einem Teilmarkt Europas aufbauen zu wollen wäre gefährlich. Wenn wir aus dem Standort heraus nicht die nötige Größe bekommen, etwa durch Konsolidierung in Europa, könnten wir auch von anderen übernommen werden.? 2026 ? oder schon früher.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wolfgang Mayrhubers VitaAls Mayrhuber China gen Frankfurt verlässt, steckt in der Lehne seines Business-Class-Sitzes ein Etui. Das Erfrischungstuch wurde in Deutschland hergestellt, die Zahnpasta in China, die Ohrenstöpsel in den USA, der Lippenbalsam in Irland, die Feuchtigkeitscreme in der Schweiz.Nächste Woche, sagt Wolfgang Mayrhuber, könnten die Lieferanten schon wieder ganz andere sein.Die Lufthansa und ihr VorstandsvorsitzenderDas Unternehmen: Die Lufthansa wurde 1926 gegründet, nach dem Zweiten Weltkrieg aber von den Alliierten aufgelöst. Erst 1955 nahm sie ihren Flugbetrieb wieder auf. Heute hat der Konzern sechs Geschäftsfelder: Passage, Fracht, Technik, Catering (LSG Sky Chefs), Touristik (Thomas Cook) und IT-Services. Das Passagiergeschäft dominiert allerdings klar. In den ersten neun Monaten dieses Jahres erzielte es allein zwei Drittel des Umsatzes von knapp 15 Milliarden Euro. Im Frühjahr 2005 übernahm die Lufthansa den Schweizer Konkurrenten Swiss. Zum Konzern gehört auch der Billigflieger Germanwings.Der Manager: Am 1. Februar 1970 begann der gebürtige Österreicher Wolfgang Mayrhuber seine Lufthansa-Karriere als Ingenieur in der Triebwerksinstandhaltung in Hamburg. Nach zahlreichen Positionen im Technikbereich leitete er Anfang der neunziger Jahre das Sanierungsteam. 1994 wurde er Chef der neuen Lufthansa Technik AG und 2001 Vorstand des Gesamtkonzerns. Seit Juni 2003 ist Mayrhuber Vorstandsvorsitzender. Obwohl sein Büro in Frankfurt ist, lebt Mayrhuber mit seiner Familie in Hamburg. Lange übernachtete er an seinem Dienstort in einem konzerneigenen Schulungsheim. Solange das umgebaut wird, lebt er in Frankfurt im Hotel.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.11.2006