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Studium in Japan

Axel Berkofsky
Studieren bedeutet für viele Japaner, noch einmal so richtig auf die Pauke zu hauen, bevor sie in die stark reglementierte und extrem erfolgsorientierte japanische Arbeitswelt eintreten.
Studentinnen in Tokio
Studieren bedeutet für viele Japaner, noch einmal so richtig auf die Pauke zu hauen, bevor sie in die stark reglementierte und extrem erfolgsorientierte japanische Arbeitswelt eintreten. Vor allem während der ersten beiden Studienjahre feiern die meisten japanischen Studenten und Studentinnen mehr als sie studieren. Außerdem jobben fast alle nebenher. Die Nebentätigkeiten werden "Arubaito" (aus dem Deutschen "Arbeit") oder kurz "Baito" genannt. In der Regel handelt es sich dabei um recht einfache Arbeiten wie zum Beispiel in Supermärkten. Die Bezahlung dort ist, gemessen an den hohen Preisen in Japan, mit rund 1.000 Yen (20 Mark) pro Stunde eher niedrig. Für ausländische Studenten gibt es jede Menge Jobmöglichkeiten; der gut bezahlte Job als Sprachlehrer (in der Regel Teilzeit) ist dabei der gängigste. Weiteres zu Zeitungen und Zeitschriften, in denen Nebenjobs für Ausländer angeboten werden, siehe auch unter Links in Japan.

In Tokio und anderen Großstädten wie Osaka, Kyoto und Yokohama wohnt der Großteil der Studenten und Studentinnen bei ihren Eltern. Die hohen Studiengebühren und Mieten machen das Anmieten eines Appartments oft nicht möglich. Auswärtige und ausländische Studenten sind meistens in den Uni-Wohnheimen untergebracht. Zum Feiern trifft man sich in Kneipen und Restaurants, Privatpartys sind die absolute Ausnahme. In den Uni-Vierteln gibt es jede Menge Kneipen, die darauf spezialisiert sind, größere Gruppen von Studenten mit limitiertem Budget zu versorgen.

Die besten Jobs von allen


Verglichen mit Europa oder den USA ist das Studium in Japan weniger zeitaufwändig und akademisch. Auch die Wochenstundenzahl ist erheblich niedriger. Selbst an Elite-Universitäten ist das nicht anders. Vorlesungen und Seminare laufen oft nach dem Muster ab, dass der Professor spricht, und die Studenten zuhören und wortwörtlich mitschreiben. Seit ein paar Jahren verändert sich dieses System aber nach und nach, denn die Japaner haben eingesehen, dass solche Unterrichtsmethoden veraltet sind. Auch die Gastaufenthalte von ausländischen Professoren und Dozenten wirken sich positiv auf die Lehrmethoden an japanischen Universitäten aus. Dennoch ist der Abstand zwischen Professoren und Studenten in Japan riesengroß: Was der Professor (Jap.: Sensei) sagt, ist quasi Gesetz und wird nur sehr selten in Frage gestellt. Auf der anderen Seite ist der Kontakt der Studenten zu ihren Professoren oft enger als das in Europa der Fall ist. Viele Wirtschafts- und Politgrößen unterhalten lebenslangen Kontakt zu ihren ehemaligen Professoren, holen sich Rat ein und verehren diese mitunter auf eine Art, die Europäern und Amerikanern merkwürdig verkommen mag. Dennoch sollten ausländische Studenten früh genug versuchen, Kontakt mit einem japanischen Professor aufzunehmen: Professoren sind gegenüber ausländischen Studenten in der Regel sehr aufgeschlossen und hilfsbereit und können einem so manche Tür öffnen.

Studium und Praktikum
Während des Studiums Praktika zu absolvieren, ist in Japan nicht unbedingt die Regel. Auch wenn sich das in den letzten Jahren etwas geändert hat, sind japanische Unternehmen nicht immer auf Praktikanten vorbereitet. Nichtsdestotrotz gibt es auch in Japan Möglichkeiten, ein Praktikum zu absolvieren. Aufgrund der relativ geringen Wochenstundenzahl an den Universitäten empfiehlt sich eine Art Teilzeitpraktikum. Links und weitere Infos dazu unter Links in Japan

Studium und Beruf
In Japan wird deutlicher als in Deutschland zwischen Universität und Berufsleben unterschieden. Die Jobsuche zu Ende des Studiums läuft in der Regel folgendermaßen ab: Jedes Jahr im April kommen japanische Unternehmen an die großen Unis, um Absolventen zu rekrutieren. Diese Wochen sind entscheidend für die zukünftige Karriere. Studenten und Studentinnen tauschen Jeans gegen blaue Anzüge und Kostüme und werden auf dem Campus interviewt. Fragen und Antworten sind standardisiert. Die Studenten bereiten sich auf die Einstellungsgespräche vor, indem sie eines der zahlreichen Bücher lesen und die darin enthaltenen Frage- und Antwortbögen genau studieren. Erst in den letzten Jahren probieren größere Unternehmen auch andere Formen der Personalrekrutierung aus, wie zum Beispiel durch das Schalten von Annoncen in Zeitungen und dem Internet. Ausschlaggebend für die Entscheidung der Personaler sind weniger Studienfach und Arbeitserfahrung der Absolventen. Was zählt, sind in erster Linie die Abschlussnote und der Name der Universität.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.04.2001