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Studieren bei den Gurus

Auch Business Schools haben Superstars. Die nennen sich Management-Gurus, und bei ihnen kann man sogar studieren - ohne Aufpreis. karriere verrät, wo die Vordenker in Strategy, Leadership und Marketing lehren.
Wer sich nicht informiert, fällt leicht auf zweitklassige MBA-Angebote herein - gerade in Deutschland. Wir zeigen, wo die Fallstricke liegen und wie man sie umgeht:
Dos and dont's

Wenn Michael Porter irgendwo auf der Welt einen Konferenzraum betritt, haben die graumelierten Anzugträger im Publikum schon richtig bluten müssen: 50.000 bis 70.000 Dollar verlangt der Harvard-Business- School-Professor für einen Auftritt. Sein Leib- und Magenthema: Wettbewerbsfähigkeit.
Michael Porter, der 1973 im Alter von 26 Jahren Professor auf Lebenszeit an der Harvard Business School wurde, ist der teuerste Management-Guru der Welt. Mit seinem Institute for Strategy and Competitiveness ist er nicht nur zu einer global anerkannten Autorität avanciert. Er hat es auch verstanden, seine Reputation in klingende Münze umzuwandeln. Das unterscheidet den Wissenschaftler vom Guru

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Meister der Vermarktung
Denn was einen Management-Star ausmacht, hängt nur bedingt mit der Forschungsleistung oder gar der Schaffung großartiger Theoriegebäude zusammen. Ein typisch amerikanisches Phänomen: Selbstvermarktung ist keine Schande und die Bildung einer akademischen Schule nicht der Traum eines jeden Lehrstuhlinhabers.

Alles begann mehr oder minder mit Tom Peters und Robert Waterman, die 1982 mit "In Search of Excellence" einen Bestseller landeten, der sie auf einen Schlag berühmt machte. Und ihr Erfolg wurde fast so etwas wie ein Modell: Um in der Wirtschaft zum Guru zu werden, braucht es das richtige Thema zur richtigen Zeit, gutes Selbstmarketing und gutes Entertainment, pardon: Präsentationsfähigkeiten. Dann muss man obligatorisch einen aufsehenerregenden Artikel im "Harvard Business Review" veröffentlichen, der weltweit einflussreichsten Management-Publikation. Das erweitert man zu einem Buch, was die Bekanntheit weiter steigert. Und die knackigen Thesen präsentiert man dann einem exklusiven Publikum, das die Weisheiten aufsaugt - zu Höchstpreisen, versteht sich

So machte es auch Porter: Sein Aufsatz "What is Strategy?" machte ihn über Nacht berühmt, auf seinen Vortragsreisen bekommt ihn nur eine handverlesene Schar von Topmanagern zu Gesicht. An der Harvard Business School organisiert er seit einigen Jahren einen "New CEO Workshop" für neu ernannte Chefs von Weltkonzernen mit über einer Milliarde US-Dollar Umsatz. Darunter wird man gar nicht erst eingeladen. 50 Jungbosse haben bislang teilgenommen - darunter von Weltfirmen wie Cadbury Schweppes, Caterpillar, Lloyds, Novartis, Schlumberger oder UPS. Gelernt haben sie überraschende Wahrheiten wie: "You are not the boss", "It is hard to know what is really going on" oder - diese Weisheit liebt die karriere-Redaktion besonders - "You are still only human"

Porter zum Nulltarif
Billiger als die Bosse kommen Harvards MBA-Studenten an Porter heran. Zwar sind 35.600 Dollar Studiengebühr im Jahr zu berappen, doch den Star-Lehrer gibt's gratis dazu. In seinem Kurs "Microeconomics of Competitiveness: Firms, Clusters, and Economic Development" geht es um die zentralen Porter-Themen: Die Wettbewerbsfähigkeit von Firmen, Regionen, ganzen Ländern. Der Kurs selbst ist so erfolgreich, dass er wie ein Franchise-Modell an über 50 Universitäten unterrichtet wird, ob in China, Japan, Taiwan oder Korea, in Argentinien, Brasilien, Chile, Mexiko oder Kolumbien oder an so renommierten europäischen Hochschulen wie der IESE Business School in Barcelona, der Manchester Business School oder der SDA Bocconi in Mailand

Die großen Strategen
Porters Fachgebiet, Strategic Management oder kurz: Strategy, ist die Paradedisziplin der Management-Gurus. In diese Kategorie fällt auch Jay Conger, Professor für Leadership Studies am Claremont McKenna College in Kalifornien, aber hauptberuflich doch eher "Management Guru on the Road".

An der London Business School, wo Conger einst lehrte, unterrichtet auch Gary Hamel, zugleich Besitzer der Beratungsfirma Strategos. Zusammen mit seinem Kollegen C.K. Prahalad verfasste Hamel 1996 den Management-Bestseller "Competing for the future", und jüngst schlug er mit "Leading the Revolution" zu - einem Buch, das einen klaren "Aktionsplan" verspricht, um ein "Industrie-Revolutionär" zu bleiben. Prahalad seinerseits ist mittlerweile Professor of Corporate Strategy and International Business an der Ross School of Business an der University of Michigan in Ann Arbor

Wie fließend die Übergänge zwischen Strategic Management und Leadership sind, beweist Robert Kaplan, der Erfinder der Balanced Scorecard, der an der Harvard Business School einen Lehrstuhl für "Leadership Development " innehat. Seine "Erfindung", die vielleicht einzige wirkliche Management-Revolution der letzten zwei Jahrzehnte, bringt die für den Unternehmenserfolg kritischen Faktoren in ein Kennzahlensystem und ist somit ein strategisches Führungsinstrument

Queen of Change Management
Das große Feld des Change Managements führt Rosabeth Moss Kanter an, ebenfalls Harvard Business School. Die Dame mit den 21 Ehrendoktorhüten und Autorin der Verkaufsschlager "The Change Masters" und "When Giants Learn to Dance" ist die einzige Frau in der Klasse der Management-Gurus. In einem benachbarten Feld "Learning Organization" ist Peter Senge die Nummer eins. Der Autor von "The Fifth Discipline" ist an der Sloan School of Management des weltberühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu finden

Im Human-Resources-Management genießt Dave Ulrich, Professor an der Ross School of Business der University of Michigan, den spektakulärsten Ruf. Das US-Magazin Business Week kürte ihn gar zum "Nr 1 Business Guru" schlechthin. Der umtriebige Autor hat nach eigenen Angaben bereits die Hälfte der 200 größten US-Unternehmen beraten

Etwas bescheidener gibt sich Dipak Jain, der als gebürtiger Inder tatsächlich den Titel Guru tragen könnte. Der Chef der Kellogg School of Management gilt als die Autorität im Bereich Marketing. Wie Jain, der unablässig auf Werbetour für seine Schule rund um den Globus reist, noch Zeit findet, IBM, AT&T, Motorola, Philips, Hyatt Hotels oder United Airlines in Marketingfragen zu beraten, ist schleierhaft. Allerdings soll er mehr als fünf Stunden Schlaf schon für viel halten

Mekka der Nobelpreisträger
Gebiete wie Finance & Accounting oder Economics (Volkswirtschaft) kennen keine Gurus, wohl aber Stars in Form von Nobelpreisträgern. Eine halbes Dutzend findet sich allein an der University of Chicago. Deren Graduate School of Business bekam 1982 als erste Business School weltweit mit George Stigler einen Nobelpreis ins Haus. Myron Scholes (Nobelpreis für Wirtschaft 1997) lehrt mittlerweile an der Stanford University in Kalifornien, wo er sich gegenwärtig besonders mit Derivaten beschäftigt. Joseph E. Stiglitz, Preisträger 1991, unterrichtet, seit er im Zorn die Weltbank verlassen hat, an der Columbia Business School in New York

An europäischen Business Schools hingegen findet man mit Ausnahme der stark US-amerikanisch ausgerichteten London Business School keine wirklichen Gurus. Allenfalls Manfred Kets de Vries (Insead), der das Nachdenken über effiziente Manager und effizientes Management mit der Psychoanalyse zusammengebracht hat, rettet die Ehre der europäischen Management-Schulen. Und dann gibt es natürlich den 1909 in Wien geborenen und in die USA emigrierten Peter Drucker. Doch Drucker spielt in einer anderen Liga. Wenn die einen Management-Gurus sind, kann man ihn schlechterdings nur noch als Gottvater der Managementlehre bezeichnen. Drucker unterrichtet noch immer an der Claremont Graduate University in Kalifornien, die ihre Business School nach ihm benannt hat

Top-Lehrer - gute Schule
Starkult allein sollte kein Selektionskriterium sein, wenn man auf der Suche nach einer guten Business School ist. Der MBA funktioniert ja gerade nicht so, dass ein gläubiges Publikum den Weisheiten des großen Gurus folgt. Dennoch ist die Frage nach den "thought leaders" nicht uninteressant. Denn wo die wirklichen Stärken einer bestimmten Schule liegen, zeigt sich nicht zuletzt an den Stars, die sie beherbergt.
So sollte man bei der Auswahl eines MBA-Programms auch auf diesen Punkt schauen - und die Vertreter der Schulen konkret darauf ansprechen. Die nächste Gelegenheit dazu ergibt sich auf der World MBA Tour (siehe Kasten und Anbieterliste), wo sich die besten Business Schools der Welt präsentieren - wenn auch leider nicht mit ihren Gurus ...
Christoph Mohr

Dos and don'ts

Wer sich nicht informiert, fällt leicht auf zweitklassige MBA-Angebote herein - gerade in Deutschland. Wir zeigen, wo die Fallstricke liegen und wie man sie umgeht

Der MBA-Markt in Deutschland, viele Jahre lang eher ein weißer Flecken auf der weltweiten MBA-Landkarte, ist in den letzten Jahren geradezu explodiert. Über 120 Anbieter machen mittlerweile Jagd auf Kunden, die bereit sind, mehrere (Zehn-)Tausend Euro für ihren Karriere-Kick hinzublättern. Doch die traurige Wahrheit ist: Nur eine Hand voll deutscher MBA-Programme kann für sich in Anspruch nehmen, im europäischen Vergleich mitzuhalten. Eine ganze Reihe sind vielleicht keine schlechten Programme, aber eben keine MBA-Programme, und sollten deshalb besser als das gesehen werden, was sie sind: spezialisierende Master-Programme (wie es sie auch in Großbritannien mit dem Abschluss MSc gibt). Und dann gibt es noch die, die man eigentlich nur als Titelhändler bezeichnen kann. So trennt sich die Spreu vom Weizen:

Akkreditierung
Jedes MBA-Programm, das international mitspielen will, hat sich von einer der beiden maßgeblichen Akkreditierungsorganisationen, der US-amerikanischen AACSB oder der europäischen efmd (equis-Gütesiegel) prüfen lassen. Nur wenige deutsche Programme genügen diesem Kriterium.

Wer ein Programm unterhalb dieser Qualitätsstufe ins Auge fasst, sollte zumindest auf die Mindeststandards achten. Ist der Anbieter staatlich anerkannt? Bei Programmen, deren Titel von ausländischen Anbietern vergeben werden, empfiehlt sich dringend die Anfrage beim Landeswissenschaftsministerium, ob der Abschluss (Titel) in Deutschland überhaupt geführt werden darf. Illegale Titelführung ist nach Paragraf 132a StGB eine Straftat

Inhalte
Ein MBA ist inhaltlich ein General-Management-Programm, also eine Ausbildung, die für eine allgemeine Führungsfunktion fit machen soll. Es ist keine BWL light und auch kein Spezialisierungsprogramm. Programme, die unter solchen Etiketten laufen, mögen nicht immer schlecht sein. Nur muss sich der Interessent klar darüber sein, was er will und was er bekommt

Aufnahmebedingungen
Ein MBA-Programm ist nur so gut wie die Teilnehmer. Deshalb legen gute Business Schools großen Wert auf die Auswahl der Studenten. Allerdings lassen auch die formalen Aufnahmebedingungen Rückschlüsse zu. Ein ordentliches MBA-Programm verlangt ein abgeschlossenes Erststudium, den Standardtest GMAT und mehrere Jahre Berufserfahrung. Besonders bei Programmen, die keine Berufserfahrung verlangen, sollte man sich fragen, ob es sich um einen richtigen MBA handelt

Jobchancen
Anders als die Promotion dient der MBA kaum dem persönlichen intellektuellen Vergnügen. Wer ihn macht, will im Job vorankommen, will Karriere machen. Damit können die Jobchancen gut als Lackmustest für den Wert eines MBA-Programms dienen. Leitfrage: Bringt mich dieser MBA von meiner gegenwärtigen Karrieresituation zu der angestrebten? Diese Frage lässt sich natürlich nie wirklich beantworten. Aber sie bietet ein gutes Raster, nach dem man vorgehen kann

Zum einen stellt sich die Frage, was aus den früheren Absolventen eines MBA-Programms geworden ist. Dies gilt es abzufragen. Jeder "ordentliche" MBA-Anbieter wird den Kontakt zu ehemaligen Studenten herstellen. Lassen Sie sich nie mit Floskeln wie "Das können wir aus Datenschutzgründen leider nicht machen" abwimmeln! Solche Antworten zeigen per se, dass der Anbieter nicht seriös ist. Auch Aussagen wie "Unsere Absolventen gehen zu führenden Unternehmen" ist nichts wert, solange die Schule nicht sagt, wer bei welchem Unternehmen in welcher Position gelandet ist. Und solange Sie es nicht nachgeprüft haben!

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob der MBA dieser oder jener Schule Sie auf die Position und zu dem Unternehmen bringen kann, wohin Sie wollen. Auch dies lässt sich zumindest ansatzweise testen. Nehmen Sie Kontakt mit der Personalabteilung des Sie interessierenden Unternehmens auf! Vielleicht stellt es gar keine MBA-Absolventen ein! Oder keine Absolventen der Schule, die Sie im Auge haben!

Vor-Ort-Besuch
Man sollte immer die Gelegenheit nutzen, die Business School, an der man seinen MBA machen will, persönlich in Augenschein zu nehmen. Die üblichen Hochglanzbroschüren sind eben nicht viel mehr als Werbepostillen. Man sollte in jedem Fall versuchen, mit gegenwärtigen MBA-Studenten zu sprechen und wenn möglich an Veranstaltungen teilnehmen. Das Bauchgefühl ist kein schlechter Ratgeber: Sehe ich mich (in einem Jahr) hier sitzen?

Ehemalige
Ein MBA ist wie das Einheiraten in einen Club. Der Zusammenhalt der Ehemaligen (Alumni) hat schon manche Tür geöffnet. Auch dies taugt als Auswahlkriterium: Wie viele Alumni hat der Anbieter? Wo sind sie tätig? In der Regel sind Alumni bereit, mit Interessenten zu sprechen. Diese Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen, sollte man wahrnehmen. Jeder ordentliche MBA-Anbieter wird den Kontakt herstellen

Selbstprüfung
Es steht außer Frage, dass sich die besseren Business Schools in Europa nicht in Deutschland finden. Noch nicht vielleicht. Aber wer seinen MBA unbedingt in Deutschland machen will, der sollte sich schon fragen, ob es nicht (schlechte) Motive sind, die seine Wahl bestimmen: Englisch nicht gut genug? Zu faul für den GMAT? Geografisch unflexibel?

Langfristrendite
Deutsche MBA-Interessenten schrecken in der Regel vor den hohen Studiengebühren zurück, die ein guter MBA kostet. Das verleitet oft zu einer Milchmädchenrechnung, nämlich der Vorstellung, dass man auch für wenig Geld "kostengünstig" an den Titel kommen kann. Doch der Titel an sich hat fast überhaupt keinen Wert auf dem Arbeitsmarkt. Was zählt, ist die Schule, die ihn verleiht. Alle Gehaltsuntersuchungen zeigen, dass sich gerade die "teuren" MBAs am besten rentieren. Wer hingegen einen Billig-MBA macht, wird größere Schwierigkeiten haben, sich beruflich zu verbessern. Ganz zu schweigen von den Luschen-MBAs, die das Papier nicht wert sind, auf dem das Diplom gedruckt wurde.
Christoph Mohr
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2005