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Studenten pochen auf Hochschulreform

Von Barbara Gillmann, Handelsblatt
Die neu eingeführten Bachelor-Abschlüsse stoßen bei den wenigsten Studenten auf Gegenliebe: Nur jeder fünfte interessiert sich ?persönlich? für einen Kurzstudiengang. Das ist die Quintessenz einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Innofact für das Handelsblatt.
BERLIN. Damit kommt ausgerechnet der einzige Bereich bei den Studenten nicht an, in dem es tatsächlich Bewegung gegeben hat. Für eine allgemeine Reformunlust spricht das nicht: Ginge es nach der Mehrzahl der Studierenden, wäre die heiß diskutierte Reform der deutschen Hochschulen viel weiter.Die Skepsis gegenüber den Bachelor-Studiengängen steht in krassem Widerspruch zur politischen Zusage Deutschlands, bis 2010 das komplette Hochschulwesen auf das anglikanische Bachelor/Master- System umzustellen ? gemeinsam mit allen anderen EU-Ländern. Bislang gibt es zwar schon rund 2000 BA und MA-Studiengänge, sie erreichen jedoch erst rund sechs Prozent der Studenten. Die erste deutschsprachige Universität, die komplett umgestellt hat, ist die im schweizerischen St. Gallen.

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Das Desinteresse der Studenten dürfte vor allem auf Unwissen beruhen ? womit sie zumindest in guter Gesellschaft sind: Auch in deutschen Unternehmen hat sich noch nicht herumgesprochen, dass es das gute alte Diplom bald nicht mehr geben soll, und in wenigen Jahren 23-jährige Bachelor-Absolventen in die Wirtschaft drängen. Hier liegt noch viel Arbeit vor den Bildungspolitikern in Bund und Ländern , wenn sie die Reform nicht nur realisieren sondern ihr rechtzeitig auch die nötige Akzeptanz verschaffen wollen.Zumindest aber steht beim Bachelor und Master das Ziel klar vor Augen. Auf fast allen anderen Gebieten ist hingegen ? der hitzigen bildungspolitischen Debatte zum Trotz ? noch ungewiss, wohin die Reise geht. Vager Konsens herrscht lediglich darüber, dass die Universitäten mehr Autonomie erhalten sollen, um so den auch von den Studenten gewünschten Wettbewerb ausfechten zu können, der dann ein effektiveres System hervorbringen soll.So weit sind sich die meisten Bildungspolitiker einig. Der Haken liegt jedoch im Detail. Das gilt nicht nur für die Frage der Gebühren und die Rolle der ZVS, sondern auch für das jüngste Renommier-Projekt der Bundesregierung: der Wettbewerb für Eliteunis ? von dem die Studenten laut Umfrage wenig halten.Ursprünglich wollte Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) ? als Teil der Innovationsstrategie des Kanzlers ? 250 Mill. Euro jährlich für vier bis sechs Spitzen-Unis spendieren. Die Unis waren begeistert, doch die Länder witterten einen Angriff auf ihre Bildungshoheit und stellten ein eigenes Konzept dagegen, das statt ganzer Hochschulen einzelne Fachbereiche prämieren soll. Jetzt sollen Staatssekretäre die Details einer Sowohl-als- auch-Lösung ausarbeiten ? Ausgang ungewiss. Die Gefahr, dass das Projekt im Föderalismus-Sumpf versinkt, ist nicht auszuschließen.Ob es generell zu mehr Wettbewerb zwischen Hochschulen und Professoren kommt, hängt entscheidend von der geplanten Reform des Hochschulrahmengesetzes ab. Bulmahn hat zwar angeboten, es auf vier Punkte ? Hochschulzugang, Abschlüsse, Dienstrecht und Qualitätssicherung ? zu reduzieren. Was das inhaltlich heißt, ist jedoch unklar.Das Professorenbesoldungsgesetz erlaubt zwar neuerdings Leistungszulagen für Spitzenforscher ? den meisten Unis fehlt aber das dafür nötige zusätzliche Kleingeld. Um echte Reformen zu ermöglichen, müsste nach Meinung von Experten auch die ?Kapazitätsverordnung? fallen, die den Unis genau vorschreibt, wie viele Studenten sie ausbilden müssen. Und selbst wenn der Bund die Zügel aus der Hand gibt, ist nicht gesichert, dass die Länder ihren Hochschulen die dann möglichen Freiheiten auch zugestehen, oder selbst in die Regulierungs-Lücke springen. Das Kontrollbedürfnis der Länder werde andauern, kritisieren die Uni-Rektoren, solange die Ministerialbeamten beschäftigt sein wollen. All das lässt vermuten: Die Früchte der Reformen werden wohl erst die Kinder der Studenten ernten, die heute nach der Hochschule der Zukunft rufen.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.04.2004