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Strippenzieher und Einfädler

Von Michael Maisch
Ob es die Verteidigung des Luxemburger Stahlkonzerns Arcelor oder des spanischen Energiekonzerns Endesa ist. Bruce Buck gehört als Europa-Chef der US-Kanzlei Skadden, Arps, Slate Meagher & Flom zu den wichtigen Strippenziehern im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen. Dazu gehört auch der Fußball.
LONDON. Am gestrigen Dienstag Abend pünktlich um 19.45 Uhr betraten die Spieler des FC Chelsea den Rasen des Stadions an der Stamford Bridge, um ihren letzten Auftritt in diesem Jahr in der europäischen Champions League zu absolvieren. Doch allzu groß war die Spannung auf den Rängen nicht mehr. Chelsea war bereits vor dem Auftritt gegen Levski Sofia für die nächste Runde qualifiziert. Dafür hat der französische Kickerstar Didier Drogba bereits im Oktober gesorgt.Im heimischen Stadion brachte er mit einem Traumtor den 1:0-Sieg gegen den europäischen Erzrivalen Barcelona unter Dach und Fach. 14 Tage später war es wieder Drogba, der dieses Mal in Barcelona den wichtigen Treffer zum 2:2 erzielte. Selbst der kritische Trainer José Mourinho war so ergriffen, dass er Drogbas Tor mit einer Rutschpartie auf den Knien über den Rasen des Stadions Nou Camp feierte.

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Bruce Buck würde so etwas nicht einmal im Traum einfallen, schließlich ist der Mann nicht nur Anwalt ? und damit fast schon von Natur aus etwas reserviert ? sondern mit 59 Jahren vielleicht auch schon ein wenig zu reif für solch extravagante Leibesübungen. Aber trotzdem liegt Buck das Wohlergehen des FC Chelsea genauso am Herzen wie Trainer Mourinho.Der distinguierte Herr mit dem schütteren grauen Haar gehört als Europa-Chef der US-Kanzlei Skadden, Arps, Slate Meagher & Flom nicht nur zu den wichtigen Strippenziehern im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen, er ist in Personalunion auch noch Präsident des FC Chelsea und ein enger Vertrauter des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch, der den englischen Club vor drei Jahren übernommen hat. Buck beriet den Russen bei der Einfädelung des Deals. Heute hält Abramowitsch alle 84 Millionen Aktien von Chelsea ? alle bis auf eine, die hat er aus Dankbarkeit seinem Anwalt geschenkt.Trotz seiner schlanken Statur wirkt Buck robust. Ein Mann, der schnell und ohne Umschweife zur Sache kommt. Dabei wirkt er durchaus verbindlich, was wahrscheinlich am trockenen Humor des Amerikaners liegt: ?Ich leite die Europageschäfte von Skadden, aber Sie wissen ja wie das ist, im Büro hört mir keiner richtig zu, zu Hause auch nicht. Seit ich die Verbindung zu Chelsea habe, hat sich das etwas geändert, weil alle Tickets wollen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mit Russland verbindet Buck eine ganz besondere Beziehung.Seinen Job als Fußballmanager empfindet er als ?interessante Bereicherung? seines Daseins als Anwalt. Dabei wurde Buck die Leidenschaft für den ?Soccer? nicht in die Wiege gelegt. Seine erste Liebe galt der Baseball-Mannschaft der New York Yankees. Buck wuchs in New Jersey auf und studierte Recht an der New Yorker Columbia-Universität. Mitte der 80er-Jahre ging er für seinen damaligen Arbeitgeber, die Kanzlei White & Case nach Europa. ?Eigentlich dachte ich an zwei bis drei Jahre, länger nicht.? Das war vor 23 Jahren. 1988 wurde Buck von seinem heutigen Arbeitgeber abgeworben, um das Europageschäft für die traditionsreiche US-Kanzlei Skadden aufzubauen. Heute hat sich der Ableger auch auf dem alten Kontinent als einer der großen Spieler im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen etabliert (s. ?Die Fusionsberater?). Zuletzt verteidigte Bucks Mannschaft zum Beispiel den Luxemburger Stahlkonzern Arcelor gegen den letztlich erfolgreichen Angriff des indischen Konkurrenten Mittal. Auch beim Übernahmekampf zwischen dem spanischen Energiekonzern Endesa und dem deutschen Angreifer Eon mischt Skadden auf Seiten der Verteidigung mit.Mit Russland verbindet Buck eine ganz besondere Beziehung. Schon früh knüpfte er Verbindungen nach Moskau. Die Premiere war 1990 ein Joint Venture zwischen einem britischen und einem russischen Staatsunternehmen. Dabei ging es um den Transport schwerer Lasten mit dem russischen Großraumflugzeug Antonov 124, das während des damaligen Golfkriegs eingesetzt wurde. Weitere Deals folgten wie die feindliche Übernahme der Schokoladenfabrik Roter Oktober.Ist das Reich von Wladimir Putin heute noch ein guter Platz, um Geschäfte zu machen? Bucks diplomatische Antwort: ?Natürlich gibt es Rückschläge, aber wir bei Skadden lieben schwierige Transaktionen.?Ende der 90er-Jahre traf Buck zum ersten Mal auf Roman Abramowitsch. Der Kontakt kam durch Eugene Tennenbaum zu Stande, Chef von Millhouse Capital, der Gesellschaft, die die Reichtümer des Milliardärs verwaltet. Buck beriet bei einigen Übernahmen Abramowitschs Ölfirma Sibneft. Der Oligarch muss schnell Vertrauen zu dem Amerikaner gefasst haben. Zumindest war es Bucks Nummer, die Abramowitsch wählte, nachdem er im Frühjahr 2003 ein Championsleague-Viertelfinale von Manchester United verfolgt hatte. ?Abramowitsch war sofort begeistert vom Fußball?, sagt Buck. Dass die Wahl des Russen am Ende nicht auf Manchester und auch nicht Tottenham Hotspurs oder Aston Villa fiel, war sicher kein Zufall. Schließlich ist Buck schon seit Anfang der 90er-Jahre stolzer Besitzer einer Dauerkarte für das Chelsea-Stadion.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wenn es um Abramowitsch geht, wird Buck ziemlich schweigsam.Der Rest ist Geschichte. Abramowitsch kaufte den Club für 210 Millionen Euro und erfüllt Trainer Mourinho seither fast jeden Wunsch, egal ob es um den deutschen Mittelfeldstar Michael Ballack geht oder um den Verteidiger Ashley Cole. Die Investitionen haben sich ausgezahlt, zwei Mal in Folge gewann Chelsea die englische Meisterschaft. Buck reicht das noch nicht: ?Unser Ziel muss der Sieg in der Champions League sein.? Dabei spricht er mit Sicherheit auch für seinen Großaktionär. Aber, wenn es um Abramowitsch geht, wird Buck, wie es sich für einen Anwalt gehört, ziemlich schweigsam. ?Ein kühl rechnender Geschäftsmann, der nichts zu verschenken hat und den FC Chelsea wirklich liebt?, mehr lässt Buck sich nicht entlocken.Am Ende war es wohl nicht einmal der Anwalt selbst, sondern es waren seine Söhne, die das Schicksal des Londoner Clubs entschieden. Als die anfingen, sich für Fußball zu interessieren, schlugen ihre Herzen zunächst für den FC Liverpool. Buck fand das ein bisschen unpraktisch, weil Liverpool immerhin 220 Meilen von London entfernt liegt. Sein Vorschlag: Warum nicht lieber einmal ein Heimspiel von Chelsea besuchen, das liegt schließlich gleich um die Ecke? Seither sind die Bucks und Chelsea unzertrennlich.
Europäischer AufsteigerTraditionshaus: In den USA gehört Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom zu den wichtigsten Adressen im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen. Seit 55 Jahren existiert die Rechtsanwaltskanzlei bereits. In den ersten neun Monaten 2006 belegte Skadden in den prestigeträchtigen Ranglisten (League Tables) weltweit den ersten Rang, europaweit den zweiten. Unter anderem waren die Anwälte an der knapp 90 Milliarden Dollar schweren Übernahme des Telekomkonzerns Bell South durch AT&T beteiligt.Später Einstieg: In Europa hat die Kanzlei vergleichsweise spät Fuß gefasst, erst gegen Ende der 80er-Jahre. Mittlerweile verfügt die Kanzlei über Büros in London, Paris, Brüssel, Moskau, Frankfurt, München und Wien.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.12.2006