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Streichkonzert

Bernhard Köstler, Katja Stricker
Die schwarz-rote Koalition hat ein umfangreiches Sparpaket geschnürt. In den nächsten Wochen wird die neue Regierung um Angela Merkel noch heftig an den Details der Streichliste werkeln. Was sich 2006 und 2007 für Arbeitnehmer, Pendler, Sparer und Häuslebauer ändert. Und was Sie jetzt noch tun können.


Wie sich die Koalitionsvereinbarungen in unserem Geldbeutel auswirken
Mehr Schulden ohne Eigenheimzulage

Noch sind nicht alle im Koalitionsvertrag vorgesehenen Kürzungen in trockenen Tüchern. In den nächsten Wochen wird die neue Regierung um Angela Merkel noch heftig an den Details der Streichliste werkeln.
Die Essenz aber steht heute schon fest: Das schwarz-rote Sparpaket lässt alle Bundesbürger bluten und ganz besonders die Berufstätigen. Nach einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts Europressedienst gehen gut zwei Drittel der Steuerberater von einer Mehrbelastung für Privatleute aus.

Richtig fett wird das Minus im Geldbeutel im Jahr 2007, wenn die Streichungen bei Pendlerpauschale, Arbeitszimmer und Sparerfreibetrag durchschlagen. Die angekündigte Senkung des Arbeitslosenbeitrags wird die Kürzungen keinesfalls aufwiegen. Welche Änderungen in den kommenden beiden Jahren auf Sie zukommen und was Sie jetzt noch tun können

Die besten Jobs von allen


Ab 2006

Eigenheimzulage
Die Unterstützung für Häuslebauer wird für alle, die ab 2006 damit anfangen, ersatzlos gestrichen. Wer die Förderung bereits bekommt, ist davon nicht betroffen. Auch wer bis Silvester 2005 noch den Kaufvertrag für ein Eigenheim unterschrieben oder den Bauantrag gestellt hat, kommt in den Genuss der alten Regelung. Die Grundzulage von 1.250 Euro und die Kinderzulage von 800 Euro je Kind gibt es auch dann noch, wenn der Einzug erst im neuen Jahr stattfindet

Steuerberater
Professionelle Hilfe bei der Steuererklärung kann künftig nicht mehr komplett als Sonderausgabe von der Steuer abgesetzt werden. Nur noch Beratungskosten speziell auf Einkünfte etwa aus selbstständiger oder nichtselbstständiger Arbeit, Vermietung oder Kapitalvermögen sind als Werbungskosten oder Betriebsausgaben abzugsfähig. Zusätzliche Beratungsleistungen hingegen, etwa zur Absetzung von Altersvorsorge, Spenden oder Krankheitskosten, können ab der Steuererklärung 2006 nicht mehr geltend gemacht werden

Abfindungen
Die Freibeträge für Abfindungen und Übergangsgelder von bis zu 11.000 Euro sollen ohne Ausnahme ab 2006 gestrichen werden. Nur Abfindungsvereinbarungen, die bis zum 31.12.2005 getroffen wurden und vor dem 1.1.2007 ausgezahlt werden, bleiben davon unberührt

Gehaltsboni
Ab 2006 fallen die Freibeträge für Heirats- und Geburtshilfen, die der Arbeitgeber einem Mitarbeiter als Bonus steuer- und abgabenfrei bezahlen konnte, weg. Bisher durften sich Arbeitnehmer über 315 Euro extra freuen. Jobs im Haushalt > Privathaushalte können künftig Handwerksrechnungen und Ausgaben für Kinderbetreuung zu voraussichtlich 20 Prozent von der Steuer absetzen. Die Höchstgrenze soll bei 600 Euro liegen. Bisher waren nur Schönheitsreparaturen begünstigt

Altersvorsorge
Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung sowie Zahlungen in eine Rürup-Police dürfen Steuerzahler ab 2006 zu 62 Prozent als Sonderausgaben ansetzen (bisher 60 Prozent). Wer in einen Riester-Vertrag einzahlt, erhält künftig eine Grundzulage in Höhe von 114 Euro und pro Kind noch einmal 138 Euro pro Jahr dazu. Wird der Vertrag erst 2006 abgeschlossen, zahlen Männer rund 15 Prozent mehr, denn ab 1. Januar gelten die neuen Unisex-Tarife, das heißt, Männer müssen die gleichen Beiträge entrichten wie Frauen

Sozialversicherung
Die Beitragsbemessungsgrenze in der Renten- und Arbeitslosenversicherung wird in Westdeutschland von 62.400 auf 63.000 Euro im Jahr angehoben; im Osten bleibt sie unverändert bei 52.800 Euro. In der Kranken- und Pflegeversicherung liegt sie ab 2006 einheitlich bei 42.750 Euro im Jahr.
Die Versicherungspflichtgrenze in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung steigt auf 47.250 Euro im Jahr (bisher 46.800). Wer mehr verdient, darf in die private Versicherung wechseln oder als freiwilliges Mitglied in der gesetzlichen Krankenkasse bleiben. Privatversicherte, die durch die neue Grenze wieder in die Versicherungspflicht rutschen würden, können sich jedoch auf Antrag befreien lassen. Seinen Status als Privatversicherter behält man dann allerdings unwiderruflich

Steuerspar-Fonds
Geschlossene Fonds, die bisher durch hohe Verlustzuweisungen vor allem für Steuerzahler mit hohem Einkommen interessant waren, verlieren ihre steuerliche Attraktivität. Denn künftig dürfen die Anlaufverluste nur noch mit später möglichen Gewinnen aus derselben Anlage verrechnet werden. Betroffen sind vor allem Film-, Videogame-, Leasing-, Schiffs- und Windkraftfonds. Nur wer solche Fonds vor dem 10.11.2005 gezeichnet hat, profitiert noch von der alten Regelung

Ab 2007

Mehrwertsteuer
Shoppen wird definitiv teurer. Der Regelsatz der Mehrwertsteuer steigt ab 2007 um drei Punkte von 16 auf 19 Prozent. Für Lebensmittel, Tierfutter, Zeitungen und Bücher bleibt es dagegen beim ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent. Wer 2006 noch von der niedrigeren Mehrwertsteuer profitieren will, sollte darauf achten, dass Anschaffungen bis spätestens 31.12.2006 geliefert werden. Denn für die Berechnung der Mehrwertsteuer ist nicht der Zeitpunkt der Bezahlung, sondern der Lieferzeitpunkt entscheidend

Pendlerpauschale
Künftig profitieren nur noch Berufstätige, die mehr als 20 Kilometer zum Arbeitsplatz fahren müssen, von der Pauschale. Denn ab 2007 gibt es die 30 Cent je Entfernungskilometer erst ab dem 21. Kilometer. Bei etwa 24 Millionen Pendlern beträgt der Weg zur Arbeit weniger als 25 Kilometer, die meisten von ihnen gehen in Zukunft leer aus. Nicht betroffen von der Neuregelung sind Fernpendler mit Zweitwohnung: Sie können weiterhin eine wöchentliche Heimfahrt mit 30 Cent pro gefahrenem Kilometer absetzen

Homeoffice
Die Kosten für ein häusliches Arbeitszimmer können nur noch Angestellte und Selbstständige absetzen, die ausschließlich von zu Hause aus arbeiten - dann allerdings ohne Maximalgrenze. Bisher konnten Arbeitnehmer, die mehr als die Hälfte ihres Jobs vom Homeoffice aus erledigten, bis zu 1.250 Euro jährlich absetzen. Die Kosten für die Einrichtung eines Arbeitszimmers erkennt das Finanzamt auch künftig steuermindernd an

Zuschläge
Sonn-, Feiertags- und Nachtzuschläge bleiben für Stundenlöhne bis 50 Euro steuerfrei. Für Löhne über 25 Euro müssen Arbeitnehmer allerdings künftig auf die Zuschläge Sozialversicherungsbeiträge zahlen

Elterngeld
Das Erziehungsgeld wird durch eine einkommensabhängige Leistung für denjenigen ersetzt, der für die Kinderbetreuung aus dem Job aussteigt oder kürzer tritt. Der Staat zahlt in dieser Zeit 67 Prozent des letzten Nettolohns, maximal jedoch 1.800 Euro im Monat. Eltern mit geringem oder ohne Einkommen erhalten eine Mindestleistung. Die zwölf Monate müssen zwischen den Eltern aufgeteilt werden. Zwei Monate sind allerdings für den Vater, zwei Monate für die Mutter reserviert.

Kindergeld
Eltern von Studenten und volljährigen Kindern, die sich noch in der Ausbildung befinden, bekommen künftig nur noch maximal bis zum 25. Lebensjahr Kindergeld. Bisher galt der Anspruch bis zum 27. Lebensjahr. Der volljährige Nachwuchs darf jährlich nach wie vor nicht mehr als 7.680 Euro verdienen, um das Kindergeld nicht zu gefährden.

Sparerfreibetrag & Aktiengewinne
Anleger müssen ihre Zinserträge und Aktiengewinne ab 2007 höher versteuern, denn der Sparerfreibetrag wird halbiert. Ledige, die mehr als 750 Euro Zinsen pro Jahr erhalten, müssen diese künftig mit ihrem individuellen Steuersatz versteuern. Die Freigrenze überspringen bereits Anleger, die mehr als 25.000 Euro zu einem Zinssatz von drei Prozent anlegen. Für Verheiratete liegt die Freigrenze ab 2007 bei 1.500 Euro. Bis einschließlich 2006 sind Zinseinnahmen noch bis 1.370 Euro für Ledige und 2.740 Euro für Ehepaare steuerfrei. Sparer sollten die Schonfrist nutzen, um ihr Portfolio an die neue Situation anzupassen.
Auf Gewinne aus Aktien- und Immobilienverkäufen werden künftig pauschal 20 Prozent Steuer erhoben. Bislang waren Aktiengewinne nach der Spekulationsfrist von einem Jahr steuerfrei, bei Immobilien galt eine Haltedauer von mindestens zehn Jahren. Die Neuregelungen werden voraussichtlich nur für Wertpapiere und Immobilien gelten, die nach dem 1. Januar 2007 erworben werden

Renten- und Arbeitslosenbeitrag
Der Rentenbeitrag soll von 19,5 auf 19,9 Prozent steigen. Arbeitnehmer müssen bis zu 10,50 Euro im Monat mehr zahlen. Zudem wird das gesetzliche Renteneintrittsalter ab 2012 schrittweise von 65 auf 67 Jahre erhöht. Im Gegenzug will die Koalition die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung um zwei Prozentpunkte senken. Arbeitnehmer sparen so monatlich bis zu 52 Euro.

Reichensteuer
Für Einkommen ab 250.000 Euro (Ledige) und 500.000 Euro (Verheiratete) soll es eine Reichensteuer mit einem Zuschlag von drei Prozentpunkten auf den geltenden Spitzensteuersatz geben. Letzterer bleibt unangetastet und liegt weiterhin bei 42 Prozent. Mit der Extrasteuer wird allerdings nur das Einkommen belastet, das über den Höchstgrenzen liegt.
Netto weniger
Wie sich die Koalitionsvereinbarungen in unserem Geldbeutel auswirken
2005 2006 2007 Differenz zu 2005
Pendlerpauschale
(pro Jahr)
3.300 Euro 3.300 Euro 990 Euro - 522 Euro
Häusliches Arbeitszimmer 1.250 Euro 1.250 Euro 0 Euro - 469 Euro
Sparerfreibetrag 2.740 Euro 2.740 Euro 1.500 Euro - 465 Euro
Sonderausgaben für Altersvorsorge und Vorsorgeaufwendungen 4.000 Euro (60 % absetzbar) 4.150 Euro(62 % absetzbar) 4.200 Euro(64 % absetzbar) + 76 Euro
Übrige Sonderausgaben (Steuerberatungskosten) 350 Euro 150 Euro1 150 Euro1 - 74 Euro
Effekt durch Mehrwertsteuererhöhung - - - 450 Euro2 - 450 Euro2
Änderung der Sozialversicherungsbeiträge3 - - + 672 Euro + 672 Euro
Differenz zu 2005 - -17 Euro - 1.232 Euro - 1.232 Euro

Musterfall: Verheiratetes Paar mit gemeinsamem Jahreseinkommen von 84.000 Euro, er fährt 35 km täglich zum Job, sie 15 km. Sie hat ein häusliches Arbeitszimmer. Jährliche Zinseinnahmen: 3.000 Euro.
1 Honoraranteil für Beratung Arbeitslohn und Kapitalerträge;
2 laut Berechnungen Bund der Steuerzahler;
3 Senkung des Arbeitslosenversicherungsbeitrags und Anhebung des Rentenversicherungsbeitrags
Quelle: Berechnungen Bernhard Köstler, Bund der Steuerzahler, Stand 2. Dezember 2005

Mehr Schulden ohne Eigenheimzulage
Restschuld nach 5 Jahren Restschuld nach 10 Jahren Restschuld nach 20 Jahren
Normales Darlehen (Gesamtlaufzeit 28 Jahre1) 222.382 Euro 188.678 Euro 97.348 Euro
Darlehen mit Sondertilgung durch Eigenheimzulage2 206.719 Euro 159.794 Euro 54.330 Euro
Mehrbelastung 15.663 Euro 28.884 Euro 43.018 Euro

Musterrechung: Darlehen über 250.000 Euro mit 20 Jahren Zinsbindung (4,05 % effektiv), anfängliche Tilgung 2 % pro Jahr, Höhe der Monatsrate: 1.248 Euro
1 bei gleichem Bauzins nach Ende der 20-jährigen Zinsbindung ohne Tilgung;
2 Sondertilgung in Höhe der Eigenheimzulage von 2.850 Euro pro Jahr (Grundzulage und Kinderzulage für Familie mit zwei Kindern), Förderdauer: acht Jahre
Quelle: Interhyp
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2006