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Strategien bis zum Jobfrühling

Anne Koschik
Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt: Entlassungen allerorten, Unternehmen gehen Pleite, Recruiting-Messen, auf denen die Konzerne durch Abwesenheit glänzen. Aber es gibt immer noch Chancen. Junge Karriere sagt Ihnen, wo.
Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, wird nicht müde, ein Wort zu wiederholen: Wahrnehmungsdiskrepanz. "Die Lage wird schwärzer gemalt, als sie ist", sagt er. "So wie der Hype der New Economy 1999 und 2000 überzeichnet wurde, so jetzt die Krise." Der Arbeitsmarkt sei heute besser als im Jahr 1998, die Zahl der Erwerbstätigen höher, der Einbruch der Konjunktur vergleichsweise moderat.

Doch in den vergangenen zwölf Monaten hat die Nachfrage nach Hochschulabsolventen über alle Studienrichtungen hinweg - mit Ausnahme der Ingenieurwissenschaften - um mehr als zehn Prozent nachgelassen, berichtet das Gummersbacher Beratungsunternehmen Kienbaum. Peter Kupka vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg bestätigt, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen "nicht mehr so wie vor zwei Jahren darstellt, als ihnen die Headhunter hinterhergerannt sind".

Die besten Jobs von allen


Aber dass Hochschulabsolventen im Vergleich zu früheren Zeiten "vermehrt auf der Straße stehen, kann ich nicht bestätigen", sagt Kupka. So habe die Arbeitslosenquote bei Universitäts- und Fachhochschulabsolventen von 1975 bis 2000 nie die Fünf-Prozent-Marke erreicht. "Und heute ist es auch nicht dramatischer als in den schwierigen 80er-Jahren." Nur im Boom-Jahr 2000 sank sie auf 2,6 Prozent.

Dennoch: "Gute Aussichten für Jungakademiker", wie noch im Sommer der Forum-Absolventen-Kongress in Köln warb, lassen sich nur in einigen Branchen ausmachen. "Seit letztem Jahr hat sich das Blatt gewendet", sagt Jochen Kienbaum, Geschäftsführer von Kienbaum Consultants International (KCI): "Bis Anfang 2001 hatten wir einen reinen Arbeitnehmermarkt, in dem die Unternehmen um die fähigsten Absolventen kämpften. Nun buhlt wieder eine große Anzahl qualifizierter Absolventen um wenige begehrte Stellen in den Unternehmen.

Jobs gibt es vor allem in der Elektrotechnik und im Maschinenbau, aber auch in IT, Controlling und Finanzen außer Börsen und Finanzhandel sowie in Naturwissenschaften. Das zeigt eine Umfrage von Junge Karriere unter rund 180 DAX- und mittelständischen Unternehmen in Deutschland. Die Sorgenkinder des Arbeitsmarktes offenbart eine Studie der Online-Jobbörse Stepstone: Bau, Handel, Werbung. Dagegen zeigt sich im Gesundheitswesen ein verzerrtes Bild: Anders als die Zahlen vermuten lassen, könne von einem Fachkräfteüberschuss keine Rede sein. "Ein Pflege- und vor allem Ärztenotstand wird aller Wahrscheinlichkeit nach bereits in wenigen Jahren eintreten", so Stepstone

Falsche Zurückhaltung
Welche Hoffnungen können sich Bewerber also machen? Rund 60 der von Junge Karriere befragten Unternehmen gaben an, im Jahr 2003 zusammen rund 9.000 Stellen mit Hochschulabsolventen und Young Professionals besetzen zu wollen.

Vorausgesetzt, sie finden Bewerber, die ihren Erwartungen entsprechen. So hat die Boston Consulting Group das Problem, "dass sich richtig gute Leute zurückhalten, weil sie an das Gerücht einer schwarz gemalten Arbeitsmarktproblematik glauben und sich durch eine mögliche Ablehnung keine Chancen verbauen wollen", sagt Recruiting Director Just Schürmann. "Das Phänomen ist nicht nur bei Jobwechslern, sondern auch bei Absolventen zu beobachten."

Für den Mittelstand rührt Wolfgang Liebernickel, Leiter der Grundsatzabteilung im Bundesverband der Mittelständischen Wirtschaft, die Werbetrommel: "Für Akademiker sieht es so schlecht nicht aus." Ein großes Aufgabengebiet sei die Anwendung von IT-Techniken, die im Mittelstand oft noch unterentwickelt seien. Auch E-Commerce sei erst im Aufbau. "Unabhängig von der Studienrichtung ist es ohne praxisbezogene IT-Kenntnisse schwierig, in mittelständischen Unternehmen zu landen." Was gibt es zu beachten? Grundsätzlich zeigt die Junge-Karriere-Umfrage: Die Konkurrenz schläft nicht. Mehr als die Hälfte der Unternehmen geben an, dass die Bewerber selbstsicherer, verbindlicher, engagierter als vor wenigen Jahren auftreten. Die Bewerbungsmappen sind sorgfältiger zusammengestellt, selbst die Manieren im Vorstellungsgespräch sind geschliffener.

Andererseits stellen die Unternehmen höhere Anforderungen. Neben fachlicher Qualität, guten Noten und Praxiserfahrung legen sie zunehmend Wert auf die Social Skills: "In Zeiten harten Wettbewerbs hat derjenige die besseren Voraussetzungen, der sich durch hohes Engagement und Einsatzbereitschaft, Flexibilität und Kreativität auszeichnet", sagt Eric Hampe, Leiter Recruiting Deutschland bei Siemens. Bei TUI Deutschland heißt es gar: "In unserem Unternehmen ist es auch möglich, ohne entsprechende Qualifikationen, aber mit außergewöhnlicher Persönlichkeit eingestellt zu werden.

Der nächste Job-Boom wird jedenfalls auf sich warten lassen. "Selbst wenn der Wahlausgang am 22. September konjunkturell als positiv empfunden wird, wird sich dies nicht sofort auf den Arbeitsmarkt auswirken", meint KCI-Geschäftsführer Jochen Kienbaum. "Positive Signale erwarte ich im Frühjahr 2003."

Strategien zum Überwintern bis zum nächsten Jobfrühling sowie eine große Unternehmensbefragung zu den Jobchancen für 2003 gibt es im aktuellen Heft von Junge Karriere - jetzt am Kiosk.
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Dieser Artikel ist erschienen am 23.09.2002