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Stihl-Chef Harald Joos gibt auf

Von Brigitte Bertram, Handelsblatt
Am 1. Juli 2002 erst war der 50-Jährige auf den Platz des Firmenpatriarchen Hans Peter Stihl an der Spitze des Waiblinger Sägenherstellers gerückt. Doch Stihl, ehemaliger Präsident des DIHT, kam offenbar mit Joos nicht klar.
STUTTGART. Für die Stihl-Mitarbeiter kommt die Trennung überraschend. Gestern Morgen wurden die Aufsichtsräte des Familienunternehmens informiert. Stihl nannte fundamentale Gründe für das Ausscheiden Joos: Es habe unterschiedliche Auffassungen über die Firmenstrategie gegeben. Stihl hat auch gleich einen Nachfolger für Joos bestimmt. Der 47-jährige Bertram Kandziora, Vorstand für Produktion und Materialwirtschaft, übernimmt die Sprecherfunktion. Einen Vorstandsvorsitzenden wie Joos will Stihl nicht mehr haben. Damit hat die AG nur noch vier Vorstandsmitglieder.Stihl, der im vergangenen Sommer 70 geworden ist, hat seine Unternehmensnachfolge sehr spät in die Hand genommen. Er stand zwei Jahre lang unter enormen Druck, einen völlig neuen Vorstand zu bilden. Mit seinem Ausscheiden sind im vergangenen Sommer sieben von acht Vorständen in den Ruhestand gegangen, darunter seine Schwester, sein Bruder und sein Schwager. Stihl ließ die Nachfolger über Headhunter suchen.

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Aus einer Fülle möglicher Kandidaten hatte Stihl Joos ausgewählt. Der gelernte Luft- und Raumfahrtingenieur leitete damals die deutsche Tochter des Schweizer Aufzugsherstellers Schindler und besaß damit Erfahrung mit einem großen Familienunternehmen. Das war ein Plus von Joos, das dem Eigentümer Stihl gefiel. Der Neue startete dann im vergangenen Jahr mit vier neuen Kollegen. Nur einer aus der neuen Mannschaft kam aus dem Haus.Für die knapp 7 000 Konzern-Mitarbeiter war das ein tiefer Einschnitt in der langen Unternehmensgeschichte. Mit Argusaugen verfolgten sie, ob es dem Patriarchen, der in den Aufsichtsrat wechselte und dort den Vorsitz übernahm, gelang, seine neuen Spitzenmanager laufen zu lassen. Beobachtern sind in den vergangenen Monaten keine großen Mißstimmungen aufgefallen. Es herrschte vielmehr der Eindruck vor, dass die neue Führungscrew gut miteinander auskam. Der Sägenhersteller ist im vergangenen Jahr sehr gut durch die schwierige Konjunktur gekommen. Finanzielle Probleme gibt es bei Stihl nicht, sagte ein Insider dem Handelsblatt.Der promovierte Ingenieur Kandziora, der neue Vorstandssprecher des Unternehmens, ist seit einem Jahr in Waiblingen. Davor war er mehrere Jahre bei Bosch, zuletzt als Produktbereichsleiter für die BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH. Stihl ist für ihn die erste Erfahrung mit einem Familienunternehmen.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.02.2003