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Steuer 1x1 für Expats

Heinz-Josef Simons
Wer von seinem Unternehmen ins Ausland entsandt wird, lässt auch den deutschen Fiskus hinter sich. Doch nicht immer wirkt sich das neue Steuersystem positiv aus. Junge Karriere zeigt Knackpunkte und Gestaltungsspielräume für Auslandsverschickte.
Mit seinen 33 Jahren hat Frank Heidke (Name geändert) schon viel erreicht. Er ist glücklich verheiratet, hat zwei kleine Töchter und gute Aufstiegschancen in einem weltweit tätigen Pharmakonzern. Doch um daheim voran zu kommen, muss sich Heidke erst eine Zeit lang im Ausland bewähren. Deshalb wird er zum 1. April 2004 für drei Jahre als Expatriat zu einer Tochtergesellschaft in die USA entsandt. Dass sich für ihn und die Familie vieles ändern wird, ist Heidke klar. Was genau, allerdings nicht.

"Viele Expats unterschätzen die steuerlichen Konsequenzen ihrer Entsendung ins Ausland", warnt Ute Otto, Abteilungsleiterin "International Executive Service" bei der Wirtschaftsberatungsgesellschaft KPMG. Sie und ihr 14-köpfiges Team kümmern sich um die steuerlichen Folgen einer Auslandsentsendung für Manager und deren Arbeitgeber. Denn fast immer steckt der Teufel im Detail - auch bei Frank Heidke, der in den nächsten Wochen mit seinem Abteilungsleiter nicht nur die operativen, sondern auch die steuerlichen Einzelheiten seines künftigen Arbeitsumfelds klären muss.

Die besten Jobs von allen


Privilegien bleiben hier

Geplant ist, dass der Pharmamanager im Frühjahr mit der kompletten Familie in die USA übersiedelt und seinen Wohnsitz in Deutschland aufgibt. Ihr frisch bezogenes Eigenheim wollen die Heidkes behalten und an einen Freund vermieten. Was theoretisch nach einer brauchbaren Lösung aussieht, kann Heidke in der Praxis viel Geld kosten. Zwar zahlt die Familie in den USA weniger Steuern, doch gleichzeitig "verlieren sie bei drei Jahren Auslandsaufenthalt Anspruch auf 11.088 Euro Kindergeld. Außerdem fehlen in dieser Zeit 12.270 Euro Eigenheim- und Kinderzulage," rechnet KPMG-Beraterin Otto vor. In den USA lassen sich allenfalls die Kreditzinsen fürs Haus absetzen.

Umgehen ließe sich der Verlust des Kindergelds nur, wenn Heidke allein in die Staaten zieht. Eigenheim- und Kinderzulage kann das Ehepaar retten, indem sie das Haus nicht untervermieten, sondern in einem bewohnbaren Zustand halten, regelmäßig beispielsweise den Urlaub dort verbringen und den zweiten Wohnsitz (auch für die Kinder) in Deutschland belassen. Die Untervermietung birgt noch eine weitere Tücke: Das Haus würde dann nicht länger als eigengenutzte, sondern als Mietimmobilie gelten. Sollten die Heidkes das Haus innerhalb von zehn Jahren verkaufen wollen, fällt möglicherweise Spekulationssteuer auf den realisierten Wertzuwachs an. Der Preis für den Verzicht auf Weitervermietung: entgangene Mieteinnahmen für drei Jahre.

Einfacher, aber nicht billiger

Durch den geplanten Wohnsitzwechsel wird aber nicht nur das Arbeitseinkommen in den USA steuerpflichtig. Auch auf Heidkes Depot mit Staatsanleihen, Aktien und Investmentfonds, das vergleichsweise hohe Erträge abwirft, greift der amerikanische Fiskus zu - und kennt keine so großzügigen Freibeträge wie das deutsche Steuersystem

Christoph Fritz, Rechtsanwalt in der Kanzlei Heuser & Collegen in Oberhausen, nennt weitere Knackpunkte beim Wechsel in ausländische Steuersysteme: "Die steuer- und sozialversicherungsbegünstigte betriebliche Direktversicherung kann während des Arbeitsaufenthalts im Ausland nicht fortgeführt werden. Und wer nach Kanada entsandt wird, muss akzeptieren, dass dort ein so genannter vitaler Gehaltsbestandteil wie der Dienstwagen deutlich höher besteuert wird als bei uns." Was die Attraktivität eines Firmenwagens natürlich senkt. Darüber hinaus praktiziert kein anderes Land die in Deutschland mögliche Zusammenveranlagung von Paaren mit dem steuerfreundlichen Ehegattensplitting

Doch auch wenn man "für die steuerliche Musterrechung eines Expats nach deutschem Recht mindestens einen halben Tag braucht, während das gleiche für einen Hongkong-Einsatz höchstens eine Stunde dauert," wie Christoph Fritz feststellt, sind allgemeingültige Empfehlungen kaum möglich. Je nach Entsendungsland, Dauer und dem finanziellen wie familiären Hintergrund variieren die besten Lösungen stark. Aber: Je weniger Steuerprivilegien ein Arbeitnehmer hierzulande in Anspruch nimmt, desto weniger Einbußen muss er im Ausland verschmerzen.

Entscheidende 183 Tage

Gleichsam die Bibel für Entsender und Entsandte sind die jeweiligen "Doppelbesteuerungsabkommen" (DBA), die Deutschland mit mehr als 100 Ländern geschlossen hat (Infos unter www.forum-steuern.de). Ziel dieser Vertragswerke ist, dass ein und die selben Einkünfte nicht zwei Mal besteuert werden - vom Finanzamt daheim und dem Fiskus im jeweiligen Entsendungsland. Zwar lehnen sich die einzelnen DBA recht eng an das von der OECD entwickelte Musterabkommen an. "Doch hier gibt es oft feine Formulierungsunterschiede", warnt Ute Otto vor Steuerfallen, die Firmenchefs und ihre Mitarbeiter gerne übersehen.

Nimmt ein Arbeitnehmer seinen Job in einem anderen Land auf, so wechselt das Besteuerungsrecht grundsätzlich vom bisherigen "Ansässigkeitsstaat", Deutschland, auf den neuen "Tätigkeitsstaat". Aber: Hat der Mitarbeiter seinen Hauptwohnsitz weiter in Deutschland, hält sich höchstens 183 Tage im Ausland auf und sein Gehalt wird nicht von einem ausländischen Arbeitgeber oder einer ausländischen Betriebsstätte der Heimatfirma getragen, dann behält die deutsche Finanzverwaltung ihre Zuständigkeit. Vorteil der 183-Tage-Regel: "Der Mitarbeiter muss keine Steuererklärung im Ausland abgeben, so dass ihm der ganze bürokratische Aufwand erspart bleibt", erläutert Ute Otto. Zugleich profitiert der Expat von Privilegien wie dem Ehegattensplitting oder der steuerfreien Erstattung verschiedener Reiseausgaben durch den Firmenchef. Dazu zählen etwa der Verpflegungsmehraufwand für die ersten drei Monate sowie die Übernachtungskosten. Zudem können 183-Tage-Reisende eine Heimfahrt pro Woche, Telefonate nach Hause sowie Miete und Nebenkosten am Beschäftigungsort abrechnen. Sogar am Kauf von Möbeln und Haushaltsgegenständen beteiligt sich das Finanzamt gegebenenfalls über den Werbungskostenabzug.

Systemwechsel ertricksen

Ist eine der drei Bedingungen der 183-Tage-Regel nicht erfüllt, kümmert sich die ausländische Finanzverwaltung um den Expat. Bei unterjährigem Wechsel, beispielsweise fünf Monaten Deutschland und sieben Monaten USA, wird die Steuerlast nach amerikanischem Recht berechnet, eventuelle Nachteile zum deutschen System werden ausgeglichen.

"Diese Variante kann für den Mitarbeiter durchaus Vorteile haben", sagt KPMG-Expertin Otto. So profitiert er bei einem im In- und im Ausland verbrachten Jahr möglicherweise doppelt von Grundfreibeträgen und sonstigen steuerlichen Vergünstigungen. Das lohnt besonders in Ländern, wo die Steuersätze niedriger sind als in Deutschland

Steuerfreundliche Extras

Günstig wirkt sich das richtige Timing auch bei der Zahlung von Gehaltsbestandteilen wie Boni oder Aktien-Optionen aus: "Mitunter können solche Vergütungen ganz oder teilweise der Auslandstätigkeit zugeordnet werden. Das ist besonders interessant, wenn diese Gehaltsbestandteile nach ausländischem Steuerrecht nicht dem Zugriff des Finanzamts unterliegen", erklärt Otto. Ähnliches gilt für Abfindungen

Wer mit seinen Auslandsaufenthalten nur in die Nähe der 183 Tage, jedoch nicht darüber kommt, und dennoch im Arbeitsstaat besteuert werden will, kann mit einem Urlaub im Gastland direkt vor oder nach der Entsendung nachhelfen. Ist ein Entsandter dagegen gezwungen in ein Hochsteuerland zu wechseln, so gibt es eine Reihe von Gestaltungsmöglichkeiten, die den Zugriff des Finanzamts - ob nun daheim oder im Ausland - erträglich gestalten. So können Expats anstatt einer Gehaltserhöhung Zusatzleistungen mit ihren Chefs vereinbaren. Diese "fringe benefits" sind in vielen Staaten steuerbegünstigt oder sogar -frei. In Japan beispielsweise ist es vorteilhaft, wenn die Firma anstelle einer Gehaltserhöhung die Mietkosten zahlt. Andere steuerlich attraktive Extras bei Auslandsjobs sind Dienstwagen, die Erstattung der Schulkosten, Umzugs- und Reisekostenpauschalen, Sprachkurse, Härtezuschläge oder ein Kaufkraftausgleich.

Diese Feinheiten der Vertragsgestaltung stehen für Frank Heidke noch an. Er will die Wochen bis Anfang April speziell dafür nutzen, noch mal seine Vermietungspläne zu überdenken. Dass die Familie trotz finanzieller Nachteile mit umzieht, steht dagegen schon fest. - Wer will schon gerne drei Jahre auf seine Familie verzichten? Heinz-Josef Simons

Schlaumacher

Eine umfangreiche Link- und Literaturliste sowie Infos zum Sozialversicherungsrecht für Expats haben wir für Sie im Internet bereit gestellt:
http://www.jungekarriere.com/auslandseinsatz
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2004