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Stets wachsam sein

Von Sönke Iwersen
Zwei Gewinnwarnungen, die Pleite eines Großkunden und dann noch ein Großaktionär, der eine feindliche Übernahme ankündigt ? das vergangene Jahr war turbulent, äußerst turbulent für Joachim Gut. Doch das ist vermutlich nichts im Vergleich zu dem, was dem Chef des Handy-Zulieferers Balda nun bevorsteht.
DÜSSELDORF. Guy Wyser-Pratte mischt bei Balda mit. Der amerikanische Großinvestor, der missliebigen Vorständen schon mal mit Napalmangriffen droht und ankündigt, er werde sie aus dem Fenster schmeißen, hat sich 2,6 Millionen Aktien des ostwestfälischen Unternehmens gekauft.Was er damit will, ist unklar. Balda sei ein Unternehmen mit sehr viel Potenzial, das aber ein bisschen umgesteuert werden müsse, sagt Wyser-Pratte. Außerdem sei die Aktionärsstruktur sehr interessant. Aus dem Umfeld des Amerikaners ist zu hören, diesmal könnte es selbst für die Verhältnisse von Wyser-Pratte hart zugehen. Ein Eingeweihter: ?Es könnte aggressiv werden. Sehr aggressiv.?

Die besten Jobs von allen

Joachim Gut schaut sich den aufbrausenden Sturm gelassen an. Er habe keinerlei Kontakt zu Wyser-Pratte und von dessen Einstieg bei Balda erst am Donnerstagabend aus Handelsblatt-Online erfahren, sagt der 44-Jährige. Die Vorgehensweise des Investors sei gewöhnungsbedürftig, aber damit müsse man wohl leben. Gut: ?Ich werde auf Wyser-Pratte zugehen, um seine strategischen Ziele zu verstehen.?Das Problem: Zur Strategie des Amerikaners gehört gerade das Verwirren und Einschüchtern. Wyser-Pratte orientiert sich nach eigenem Bekunden an der Gefechtstaktik der US-Marines. Den Gegner aus verschiedenen Richtungen mit verschiedenen Waffen angreifen, Schwächen ausnutzen und wechselnde Koalitionen eingehen ? was Wyser-Pratte im Tarnanzug in Vietnam lernte, setzt er heute in Schlips und Kragen um ? nun auch in Ostwestfalen.Wechselnde Koalitionen sind für Gut ein wichtiges Stichwort. Der Vorstandschef hat nicht nur einen aggressiven Aktionär im Unternehmen, sondern gleich vier. Einer von ihnen ist Florian Homm, der 4,5 Prozent der Anteile hält. Der Hedge-Fonds-Manager hat sich durch sein Vorgehen bei dem Finanzdienstleister MLP und der Immobiliengesellschaft WCM den Ruf als ?Kurskiller? und ?Plattmacher? erworben. Seine Aktivitäten bei Sixt brachten ihm 2004 eine Geldbuße wegen Kursmanipulation ein.Um Homm ist es derzeit aber still bei Balda. Im Vordergrund agieren stattdessen die Investmentgesellschaft Cycladic Capital, die 8,5 Prozent hält, und der Hedge-Fonds Audley Capital (4,3 Prozent). Beide fordern Einsicht in die Bücher. Audley will gar das ganze Unternehmen von der Börse nehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Balda enttäuschte die Erwartungen der Analysten mehrfach.Gut wundert sich über die Forderungen. Das deutsche Aktiengesetz, nach dem alle Aktionäre gleich behandelt werden, scheint seinen Großanlegern entweder unbekannt oder gleichgültig zu sein. ?Audley kann über die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ein Angebot an unsere Aktionäre machen, das steht ihm frei?, sagt der Balda-Chef. ?Aber es hat ja immer nur Absichtserklärungen gegeben, mehr nicht.? Audley hatte bisher einen Übernahmepreis von sieben bis acht Euro pro Aktie genannt. Gut hält dies für viel zu wenig. Er selbst hat im Juli vergangenen Jahres 40 000 Aktien für 7,77 Euro gekauft.Auch den Aufsichtsrat lässt das öffentliche Säbelrasseln der Anleger ungerührt. ?Das Jahr 2006 war mit der Pleite unseres Großkunden BenQ nicht einfach?, sagt Richard Roy, der Vorsitzende des Kontrollgremiums. ?Aber das Management macht einen sehr guten Job.?Das Lob kommt überraschend, denn Balda enttäuschte die Erwartungen der Analysten mehrfach, gab zwei Gewinnwarnungen heraus und wurde beim Desaster des Handy-Herstellers BenQ kalt erwischt. Für 2006 rechnet man bei 400 Millionen Euro Umsatz mit einem Vorsteuerverlust von 50 Millionen Euro. Die Konsequenz: In Deutschland bleiben von 1 600 Arbeitsplätzen nur 600 übrig. Weltweit beschäftigt Balda 8 000 Mitarbeiter.Doch nicht einmal die Belegschaft erhebt Einspruch gegen den Stellenabbau. ?Man kann vielleicht sagen, das Management hat in Deutschland die Zeichen der Zeit nicht ganz richtig gedeutet?, sagt Helmut Kunz, der Betriebsratsvorsitzende der größten deutschen Gesellschaft Balda Solutions. ?Aber wenn man die Gesamtlage sieht, dann hat Herr Gut den Konzern sehr nach vorn gebracht.?Der Vorstandschef, der in der deutschen Computerbranche Karriere machte, hat Balda neu ausgerichtet ? mal wieder. Das Unternehmen, 1908 in Dresden gegründet, wurde als Kamerahersteller groß. Es erlebte den Niedergang der Branche Mitte der 80er-Jahre. Dann folgte eine Zeit als Lieferant von Kunststoffteilen für Haushaltsgeräte. Ende der 90er begann das Handy-Geschäft, das inzwischen 90 Prozent ausmacht.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Dem Balda-Chef werden ?Nerven wie Starkstromkabel? bescheinigt.Gut hat dafür gesorgt, dass Balda heute in drei Werken in China, zwei in Brasilien und je einem in Malaysia und Ungarn fertigt ? also dort, wo die Handy-Hersteller ihre Geräte zusammenbauen. Die deutsche Belegschaft hofft auf die Sparte Medizintechnik. Analyst Tobias Loskamp von der BHF-Bank rechnet damit, dass sich hier der Umsatz bis 2008 auf 25 Millionen Euro verdoppelt.Das Geschäft, mit dem Balda derzeit Schlagzeilen macht, sind jedoch die berührungsempfindlichen Bildschirme (Touch-Screens) für das neue iPhone von Apple. Gut darf wegen Vertraulichkeitserklärungen nichts zu dem Thema sagen. ?Sonst komme ich in Teufels Küche.? Marktbeobachter jedoch sind begeistert. ?Touch-Screens sind das Thema der Zukunft?, sagt Analyst Loskamp. ?Wenn Balda sich hier als Vorreiter beweisen kann, werden auch andere Kunden kommen.?Der Aufsichtsrat jedenfalls hält Joachim Gut, dem das Manager Magazin ?Nerven wie Starkstromkabel? bescheinigte, weiter für den richtigen Mann. Erst vor wenigen Wochen erhielt er einen neuen Vertrag bis 2012. Das sollte dem Balda-Chef eine gewisse finanzielle Sicherheit geben ? aber mehr auch nicht. Verträge sind irrelevant, wenn sie seinem neuen Aktionär Wyser-Pratte nicht gefallen. Das zeigt die Vergangenheit.Auch Hans Fahr, Ex-Vorstandschef der Karlsruher IWKA, unterzeichnete einen Fünfjahresvertrag bei dem Maschinenbauer, an dem Wyser-Pratte fünf Prozent hielt. Fahrs Vertrag galt bis 2009. Aber nicht nur er musste längst gehen, sondern auch der halbe Aufsichtsrat.
Zur Person Joachim Gut1962: Er wird am 29. August in Gelsenkirchen geboren. Er studiert Wirtschaftsinformatik und wird schon als 28-Jähriger Geschäftsführer von Maxdata Computer.1997: Er steigt in den Vorstand der Computerhandelskette Vobis auf und wird 1998 Vorsitzender und 1999 Chief Operating Officer (COO) der Maxdata AG.2003: Gut wechselt als Vorstandschef zum Handy-Zulieferer Balda in Bad Oeynhausen/Oswestfalen. Er forciert die Produktion in China. Derzeit baut er ein Werk in Indien.2006: Seit März schlägt sich Gut mit öffentlichen Attacken des Hedge-Fonds Audley Capital herum. Der kündigt ein Übernahmeangebot an und fordert Informationen über Geschäftsdetails. Gut weigert sich mit Hinweis auf das Aktienrecht. Im November findet er einen Verbündeten in der taiwanischen Familie Chiang, die in einem Überkreuzgeschäft 15 Prozent übernimmt.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.01.2007