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Stephan Winkelmann: ?Furbo? wie die Italiener

Von Katharina Kort
Die Erwartungen des Eigentümers Audi sind hoch: Der 41-jährigeDeutsch-Italiener Stephan Winkelmann soll die Sportwagenmarke Lamborghiniauf Vordermann bringen.
Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann.
SANT? AGATA. ?Kompromisslos, extrem, italienisch?, mit diesem Slogan beschreibt Stephan Winkelmann das Image der italienischen Sportwagenmarke Lamborghini, die seit 1998 zum Audi-Konzern gehört. Und ein wenig sieht er sich wohl auch selber so.Stephan Winkelmann. Das klingt zwar nicht italienisch. Dennoch passt der Lamborghini-Chef bestens in sein Arbeitsumfeld der von Schwarz und Glas dominierten Firmenzentrale in Sant? Agata, 20 Minuten von Modena entfernt. Mit seinen markanten Gesichtszügen, seinem Nadelstreifenanzug und dem weißen Einstecktuch geht der schlanke 41-Jährige gut als Italiener durch.

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Auch am Akzent können die Mitarbeiter die nordische Herkunft ihres Chefs nicht ausmachen. Denn schon im Alter von einem Jahr ist er mit seinen Eltern von Berlin nach Rom umgezogen. Dort hat er sein Abitur gemacht und sein Studium begonnen.Doch es ist nicht nur das perfekte Italienisch, das Winkelmann nach Ansicht von Beobachtern für den Job prädestiniert. ?Als er den Wechsel zu Lamborghini bekannt gegeben hat, dachte ich sofort: Da passt er hin?, erzählt ein Ex-Kollege, der Winkelmann zuvor als Fiat-Deutschland-Chef kennen gelernt hat. ?Mit der Brot-und-Butter-Marke Fiat hatte er wenig gemein?, sagt er über den Mann, der auch mal leicht exzentrisch herumläuft: mit hoch geschnürten Schuhen ? wie sie Boxer tragen ? zum Anzug und mit am Handgelenk offenen Hemden. Er sei immer ?eher dem Schönen, dem Sportiven zugetan? gewesen.Doch auch mit dem Schönen und Sportiven muss Winkelmann Geld verdienen. Gut informierte Kreise gehen davon aus, dass Audi in den vergangenen acht Jahren mehr als 400 Millionen Euro in die italienische Tochter investiert hat. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Winkelmann.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Erste Erfolge kann er vorweisenErste Erfolge kann er vorweisen. Im vergangenen, ersten Jahr an der Spitze hat er der deutschen Mutter einen Gewinn vor Steuern von 4,4 Millionen Euro überwiesen, bei einem Umsatz von 243 Millionen Euro. ?Dieses Jahr wird der Gewinn mehr als doppelt so hoch liegen und der Umsatz bei mehr als 300 Millionen Euro?, sagt Winkelmann. Heute gibt er die Halbjahresergebnisse bekannt, die über dem Vorjahr liegen werden. Auch die Stückzahlen werden in diesem Jahr einen neuen Rekord erreichen: Insgesamt sollen rund 2000 Fahrzeuge Sant? Agata verlassen. Im ersten Halbjahr waren es bereits 952. Noch 2004, dem Jahr vor Winkel-manns Wechsel, hatte Lamborghini gerade einmal 1592 Wagen verkauft. Vor dem Einstieg von Audi pendelte die Zahl zwischen 50 und 250.Warum hat Winkelmann seinerzeit Fiat verlassen? ?Weil das Angebot von Lamborghini unwiderstehlich war?, sagt er. Als Winkelmann ging, hatte der Sanierer Sergio Marchionne gerade das Ruder bei Fiat übernommen. Über seine Jahre bei Fiat sagt er heute: ?Eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich habe die Liebe zu einem Unternehmen erfahren und gelernt, mich durchzusetzen ? und eins nach dem anderen zu tun.?Eins nach dem anderen tun, das kann er jetzt bei Lamborghini, vor allem ein Auto nach dem anderen. Denn Lamborghinis bleiben seltene Wagen, die zum großen Teil noch in Handarbeit gefertigt werden. Die Preise reichen von 150 000 Euro bis 270 000 Euro. Gerade einmal zehn Wagen verlassen am Tag die Fabrik-halle in Sant? Agata.Bei Lamborghini habe von seinem ersten Arbeitstag an Aufbruchstim-mung geherrscht, erzählt Winkel-mann in seinem Büro mit Marmor-tisch und schwarzen Bildern an der Wand über seine Anfänge. Als Audi 1998 den italienischen Sportwagen-hersteller übernahm, hatte der bereits eine wechselhafte Eigentümergeschichte hinter sich: Nach dem mittlerweile verstorbenen Ferruccio Lamborghini übernahmen zunächst Schweizer Investoren, dann der amerikanische Chrysler-Konzern und schließlich die indonesische Präsidentenfamilie Suharto die Kontrolle. Seit dem Eintritt von Audi ging es langsam aufwärts, hat sich die Belegschaft verdoppelt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Mehr Deutscher oder Italiener?Dennoch will Winkelmann es nicht übertreiben. ?Wir werden auch in Zukunft immer weniger produzieren, als die Nachfrage hergibt.? Schließlich will er die Marke nicht verwässern. ?Wir haben den Anspruch, den höchsten Markenwert für Sportwagen zu erreichen.? Ein ehrgeiziges Ziel. Misst er sich doch mit so noblen und deutlich größeren Konkurrenten wie Ferrari, Maserati und Porsche. Außerdem hängt Lamborghini zumindest in Deutschland ein etwas halbseidenes Image an.Bei den Mitarbeitern scheint Winkelmann anzukommen: ?Seit er hier angefangen hat, geht es mit uns bergauf. Er kann die Leute motivieren, 110 Prozent zu geben?, lobt ein langjähriger Lamborghini-Mann. Die Deutschen verstünden wenigstens etwas von Technik, sagt er über die Audi-Mutter trotz der auch in Italien anfallenden Sparmaßnahmen des Volkswagen-Konzerns.Und Winkelmann passe gut auf seinen Posten: ?Ich als Italiener nehme ihn als Italiener wahr?, sagt er. Er sei auch genauso ?furbo? (schlau oder gerissen) wie die Einheimischen. ?Den können Sie nicht an der Nase herumführen!?Nach seinem Managementstil gefragt, bezeichnet sich Winkelmann selbst als ?anstrengend, teamfähig, zupackend, entscheidungsfreudig ? und ohne Angst zu delegieren?. Ein Bild, das Ex-Kollegen bestätigen: ?Er lässt die Leute machen, wenn sie ihn überzeugt haben?, sagt ein Wegbegleiter aus Fiat-Zeiten über ihn.Ist er mehr Deutscher oder Italiener? ?Es steckt beides in mir?, sagt der Mann, der Deutschland erst mit Anfang 20 kennen gelernt hat. Er sieht einen wesentlichen Unterschied: ?Italiener stellen sich weniger die Frage, ob sie gut oder schlecht sind, sie sind einfach, wie sie sind. Deutsche haben öfter ein schlechtes Gewissen? ? was ihm fremd ist. Kompromisslos, extrem, italienisch?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Stephan Winkelmann Vita von Stephan Winkelmann 1964: Er wird am 18. Oktober in Berlin geboren und zieht mit seinen Eltern schon bald nach Rom. Sein Abitur macht er an der deutschen Schule in Rom. Er geht zwei Jahre zur Bundeswehr und studiert Politikwissenschaften in Rom und München.1991: Er arbeitet beim Finanzdienstleister MLP (Beratung von Ingenieuren) und bei Mercedes-Benz. Winkelmann wird Gebietsverkaufsleiter bei Fiat für Alfa Romeo. Später übernimmt er das Marketing von Fiat für die Region Süd.1996: Er wird verantwortlich für die Einführung des Modells Alfa 156 im Marketing und Vertriebsmanagement. Später wird er Manager für einige europäische Märkte und schließlich Vertriebsvorstand Fiat Auto Austria und Fiat Auto Svizzera.2004: Er steigt zum Vorstandschef von Fiat Automobil in Deutschland auf.2005: Winkelmann wird Präsident und Verwaltungsratschef der Automobili Lamborghini S.p.A. in Sant?Agata Bolognese.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.08.2006