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Heft 03/07
Die "Generation Praktikum" müsste eigentlich "Generation Notnagel" heißen. Denn Berufseinsteiger lassen sich zunehmend auf Jobs ein, die fast unzumutbar sind. Warum sie trotzdem nicht aufmucken - und wie man die Zeit bis zur Festanstellung übersteht.
Die "Generation Praktikum" müsste eigentlich "Generation Notnagel" heißen. Denn Berufseinsteiger lassen sich zunehmend auf Jobs ein, die fast unzumutbar sind. Warum sie trotzdem nicht aufmucken - und wie man die Zeit bis zur Festanstellung übersteht.

Wer Henning Weisers* Lebenslauf liest, würde sagen: Der Mann hat es geschafft. Seit zwei Jahren ist Weiser Assistent eines Abgeordneten am EU-Parlament in Brüssel, und das mit Mitte 20. Er hat ein Studium der internationalen Politik abgeschlossen, zielgerichtet Praktika absolviert, Auslandsaufenthalte eingeschoben, spricht vier Sprachen. Doch was auf dem Papier wie eine Traumkarriere wirkt, ist nichts weiter als ein Notnagel

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Henning Weiser verdient 1.500 Euro netto pro Monat, im ersten Jahr waren es noch deutlich weniger. Dafür arbeitet er 60 Stunden in der Woche, manchmal mehr, wenn sein Chef das will. Weiser kann nicht sicher sein, dass er mehr verdient als die Reinigungskraft, die abends in seinem Büro die Papierkörbe leert. "Eigentlich wollte ich schon nach dem ersten Jahr weg", sagt er

Dann hat er noch mal einen auf zwei Jahre befristeten Vertrag akzeptiert, "weil ich nichts anderes hatte". Das dritte Jahr mittlerweile bereitet er Termine seines Abgeordneten vor, reserviert Flüge oder führt Besuchergruppen durch die heiligen Hallen der EU. Zu Beginn erschien ihm der Job als gutes Sprungbrett in eine europapolitische Karriere. Heute steckt Weiser fest, und das beginnt, an ihm zu nagen. "Es ist ein armseliges Leben", sagt er und hält einen Moment inne. "Ich habe resigniert."

Arbeiten für lau? Kein Problem
Vielen geht es wie Henning Weiser. Für die Aussicht auf einen festen Job akzeptieren inzwischen auch hoch qualifizierte Absolventen Bedingungen, die vor Jahren noch undenkbar waren: Sie hangeln sich von einer befristeten Stelle zur nächsten oder arbeiten für Hungerlöhne. Sie sind bereit, nach dem Studium noch Praktika zu machen, jederzeit den Wohnort zu wechseln, an Wochenenden oder auch mal umsonst zu arbeiten. Stets in der Hoffnung, dass die Mühen eines Tages zu dem führen, wogegen manche ihrer Eltern noch revoltierten: zu einem gesicherten, unbefristeten und fair bezahlten Job. Auch Henning Weiser hofft darauf, weswegen er wie alle Betroffenen in dieser Geschichte seinen wahren Namen nicht nennen will: "Mein Chef hat viel Einfluss; ich möchte es mir nicht mit ihm verderben.

Frist - oder stirb!
Der Wandel der Erwerbsformen erreicht zunehmend auch die jungen Akademiker. Für sie sind Teilzeitarbeit, befristete Stellen, Minijobs, Zeitarbeit und notgedrungene Selbstständigkeit - Wissenschaftler sprechen von atypischen Beschäftigungsverhältnissen - oft keine Übergangsphänomene mehr, sondern Dauerzustand. Bei der Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der befristeten Jobofferten für Hochschulabsolventen 2005 auf den höchsten Wert seit der Jahrtausendwende. Inzwischen machen sie gut ein Drittel aller Stellenangebote aus. Jeder siebte Job kam 2005 von Zeitarbeitsfirmen und Personalvermittlern - 48 Prozent mehr als im Jahr davor.

Das ganze Ausmaß der Jobmisere enthüllt eine Studie der DGB-Jugend, der FU Berlin und der Hans-Böckler-Stiftung von Anfang Februar 2007. Danach haben gerade mal 39 Prozent der Absolventen drei Jahre nach dem Studium eine unbefristete Anstellung gefunden. Jeder Dritte ist befristet beschäftigt, wofür es im Schnitt 600 Euro weniger Lohn gibt als für Festangestellte. 16 Prozent der Absolventen haben sich selbstständig gemacht. Zudem machten 37 Prozent direkt nach dem Studium noch Praktika, die Hälfte davon unbezahlt

Was manche Akademiker inzwischen auf sich nehmen, ist mit solchen Zahlen schwer zu fassen. Markus Englers* war bereit, ganz unten einzusteigen. Aber er war nicht bereit, sich zu erniedrigen. Entwicklungsarbeit in Afrika, das wäre sein Traum gewesen. Vier Jahre hatte der studierte Politologe in Südafrika gelebt; Praktika bei Hilfsorganisationen vor Ort konnte er auch vorweisen. Er bewarb sich ein Jahr lang, am Schluss für alles, was ein festes Einkommen versprach. Afrika war da längst weit weg. "Ich hätte auch bei einer Autovermietung in der Verwaltung gearbeitet", erzählt der 30-Jährige. Während er suchte, jobbte er als Barkeeper und als Hilfskraft an der Uni.

"Man müsste viel mehr lügen"
Eine Initiativbewerbung bei einer kleinen Consultingfirma im Entwicklungshilfebereich brachte ihm schließlich ein Vorstellungsgespräch: Für ein sechsmonatiges Praktikum, 400 Euro Salär, Übernahme von vornherein ausgeschlossen. "Wie stellen Sie sich vor, wie ich davon leben soll?", wollte Englers von den Personalern wissen und verlangte 600 Euro. "Unmöglich", beschied man ihm. Trotzdem hätte er das Praktikum zähneknirschend genommen. Doch es kam eine Absage. Englers: "Man müsste wohl einfach viel mehr lügen. Ich hätte wohl sagen sollen: Ich schaff das alles, dieses Praktikum ist der absolute Traum. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich es schon so satt.

Immer häufiger fällt in der Debatte auch für Fälle wie den von Markus Englers das Wort "Prekarisierung". Vereinfacht gesagt könnte man den Begriff so übersetzen: Nichts ist mehr sicher, für niemanden. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse können auch für hoch Qualifizierte existenzbedrohende Formen annehmen, und sie nähren die Furcht derer, die noch eine sichere Arbeit haben. Der soziale Abstieg scheint mittlerweile für alle möglich, auch für die Akademiker.

"Die Zukunftsangst, die sich in der Bevölkerung breit macht, ist verheerend. Selbst hoch qualifizierte IT-Fachleute machen die Erfahrung, dass sie ersetzbar sind. Das schlägt mächtig ins Kontor", sagt Andreas Boes, Soziologe am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München. Auch Stefan Winterling* macht vor allem die Unsicherheit zu schaffen. Der Jurist bewarb sich nach dem Studium auf gut 150 Anwaltsstellen - und erhielt 150 Absagen. Er geriet in den bekannten Teufelskreis: "Die Lücke in meinem Lebenslauf wurde immer größer, in Bewerbungsgespräche ging ich immer verunsicherter und verkaufte mich schlecht."
Winterlings Note im zweiten Staatsexamen - bei Juristen das entscheidende Einstellungskriterium - war ein gutes "Befriedigend" an der Uni München. Ein beachtliches Ergebnis, aber nicht gut genug. Ein Berliner Anwalt bot dem 31-Jährigen 2.300 Euro brutto für 50 bis 60 Stunden Arbeit pro Woche. "Ich hätte das damals gemacht", sagt Winterling. Aber es gäbe noch andere Bewerber, hieß es, man werde sich melden. Man meldete sich nicht mehr.

Jetzt arbeitet Winterling in einer Münchner Kanzlei auf einer halben Stelle, 20 Stunden pro Woche. Er will nicht jammern: "Ich kann als Anwalt arbeiten und bekomme Gerichtspraxis." Was danach kommt, weiß er nicht. Der Mehrzahl seiner Kollegen, die keine Spitzennoten haben, geht es ähnlich. "Junge Absolventen arbeiten bereits für 1.500 Euro brutto als angestellte Anwälte. Das findet in erheblichem Umfang statt", sagt Peter Ströbel, bei der Bundesrechtsanwaltskammer federführend für die Reform der Juristenausbildung

Der Aufschwung ändert nichts
Nicht alle Branchen sind gleichermaßen betroffen. "Technische Berufe sind im Moment gefragt. Die größten Probleme haben Geistes- und Sozialwissenschaftler, Kultur- und Medienschaffende sowie Architekten", sagt Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS), das Daten zur beruflichen Situation von Absolventen erhebt.

Dass es sich allein um ein konjunkturelles Phänomen handelt, das mit dem aktuellen Aufschwung verschwindet, bezweifeln Experten: "Auch eine zwischenzeitliche wirtschaftliche Erholung wird den Trend nicht umkehren. Prekarisierung ist eine Langzeitentwicklung", sagt Soziologe Boes. Die Strategie vieler Unternehmen habe sich geändert: "Früher wollte man langfristige Beziehungen zum Angestellten aufbauen. Man sah nur eine stabile Bindung als Basis für Loyalität und Leistungsbereitschaft. Heute gilt in vielen Unternehmen die umgekehrte Devise: Flexibilität und Unsicherheit fördern die Leistungsbereitschaft."



Was heißt eigentlich "Prekariat"?
"Prekär" bedeutet "schwierig, misslich, heikel". Die Wortneuschöpfung "Prekariat" bezeichnet eine sehr vielfältige Gruppe sozialer Schichten: Langzeitarbeitslose, Selbstständige, befristet Angestellte, Dauerpraktikanten. Ihnen ist gemeinsam, dass ihre Lebensverhältnisse nicht gesichert sind, sei es finanziell, perspektivisch oder beides. Unter den Wörtern des Jahres 2006 schaffte es das "Prekariat" auf Platz 5.



Flexibilisierung, befristete Jobs und rascher Wechsel müssen nicht unbedingt negativ sein, halten andere Forscher dagegen. Von der "Chancenwelt" spricht etwa der Zukunftsforscher Matthias Horx und vermerkt provokant: "Im 21. Jahrhundert sind wir alle das Prekariat." Den klassischen Arbeitsplatz gebe es nicht mehr, nur neue Herausforderungen. Das alte Industriesystem dagegen habe zwar alle abgesichert, aber auch in Abhängigkeit gehalten. "Ich weiß, dass viele am liebsten ganz schnell dorthin zurück wollen. Ich nicht", schließt Horx. Geradezu genervt reagiert die Berliner Berufsfindungsberaterin Uta Glaubitz auf das Wort "prekär": "Da wird viel mit Angst gearbeitet. Die Akademikerarbeitslosenrate liegt weit unter dem Schnitt. Es ist Unsinn zu glauben, die Generation Notnagel sei das neue Lumpenproletariat."

San Precario, hilf uns in der Not!
Tatsächlich fungiert der Begriff Prekarisierung als gemeinsamer Nenner für unterschiedliche Schichten der Gesellschaft. Italienische und französische Aktivisten schufen 2001 die Mayday-Bewegung, die jährlich die Prekarisierten aller Schichten versammeln will, um in europäischen Großstädten zu paradieren. Einen Schutzpatron haben sie auch: San Precario. Der wacht auch über deutsche Langzeitarbeitslose und Dauerpraktikanten, die sich unter dem Schirm des Prekariats versammeln

Praktikumsinitiativen wie "Fair Company" von karriere verleihen einem Teil dieser Menschen eine Stimme. Die Gewerkschaften werden dieses Protestpotenzials dagegen kaum habhaft. Denn die da protestieren, fallen meist durch das Raster der gängigen Arbeitsschutzmechanismen. Das räumt auch Frank Werneke ein, stellvertretender Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: "Die klassische Tarifpolitik stößt hier an ihre Grenzen. Widerstand zu organisieren ist schwierig, wenn Menschen auf ein Sprungbrett in einen besseren Job hoffen.

Für Bettina Seiler* war das Problem nicht so sehr, einen annehmbar bezahlten Job ohne Frist zu finden, sondern eher, ihn auszuüben. 2006 begann die 30-Jährige als Assistenzärztin in einer Münchener Klinik. Ihren Freund sah sie fortan nur noch zum Gutenachtsagen. Unter der Woche arbeitete sie meist von acht Uhr bis Mitternacht, am Wochenende tippte sie Arztbriefe.

Als Anfängerin völlig überfordert
Die Verantwortung war groß. Auf ihrer Station war sie oft die einzige Ärztin. "Als Berufsanfängerin war ich vollkommen überfordert", erinnert sich Seiler. Nach vier Monaten wechselte sie in eine andere Klinik. Dort gehe es besser, dort sei sie manchmal schon abends um halb zehn zu Hause. Aber: "Wenn das mit den Arbeitszeiten so bleibt, weiß ich nicht, ob ich das weiter mache." Die psychologischen Belastungen, die sich aus unsicheren Bedingungen ergeben, sind noch wenig erforscht. Viel mehr weiß man über die Schäden, die ein Langzeitarbeitsloser an Leib und Seele nehmen kann: Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alkoholismus. "Wenn die Arbeitsmarktlage insgesamt schlecht ist, kann Unsicherheit schlimmer sein als Arbeitslosigkeit. Die Charakteristika von Arbeitslosigkeit werden durch Prekarisierung in den Arbeitsmarkt hineingetragen", sagt Thomas Kieselbach, Leiter des Instituts für Psychologie der Arbeit, Arbeitslosigkeit und Gesundheit an der Uni Bremen

Junge Akademiker sollten sich nach Möglichkeit nicht in einer befristeten Tätigkeit einrichten und nicht alle Energie darauf verwenden, dort fest angestellt zu werden. "Besser den Arbeitsmarkt im Auge behalten und darauf achten, einen Großteil der eigenen Qualifikation auch tatsächlich einzusetzen", rät Kieselbach. Sonst geht sie nach und nach verloren. Markus Englers, der so gerne nach Afrika wollte, setzt seine Qualifikation jetzt für ein spezialisierendes Masterstudium ein. Um das zu finanzieren, tastet er das Erbe seines Vaters an, seine letzte Reserve. "Ich betrachte das als Investition in die Zukunft." Und danach? Wieder Arbeit suchen, möglichst nicht als Barkeeper. "Es wird wohl erst mal das Gleiche in Grün. Aber dieses Mal bin ich besser vorbereitet.

Johannes Honsell
* Namen geändert
Nur drei Stunden Schlaf pro Nacht

Als ich mein Architekturstudium abgeschlossen habe, war der Arbeitsmarkt für Architekten schon ähnlich schlecht wie heute. Das war 2004. In den Stellenanzeigen wurden meist Architekten mit fünf Jahren Berufserfahrung gesucht. Also habe ich das getan, was die meisten meiner Kollegen auch machen: "Wettbewerbe schrubben". Dabei hilft man Architekturbüros, Entwürfe und Modelle für Wettbewerbe anzufertigen. Der Termindruck ist enorm. Elf Stunden Arbeitszeit pro Tag sind normal. Kurz vor Abgabe kommt man nur noch auf etwa drei Stunden Schlaf pro Nacht. Inhaltlich hat die Arbeit Spaß gemacht. Nur wie man davon leben soll, weiß ich nicht. Die Jobs waren meist als Werkverträge oder Praktikantenstellen deklariert. Mehr als 500 Euro pro Monat habe ich da selten verdient. Natürlich ärgere ich mich über solche Dumpinglöhne, andererseits verstehe ich es auch: Die Büros haben oft selbst kein Geld.

Nebenher habe ich deshalb in einem Call-Center gearbeitet und Mitte 2005 ein sechsmonatiges Praktikum beim Deutschen Architektur Zentrum (DAZ) absolviert. Seitdem betreue ich als Freiberuflerin Ausstellungen für das DAZ. Dafür bekomme ich eine Pauschale von 1.200 Euro. Nebenher mache ich noch kleinere Grafikjobs. Ich mag die Arbeit am DAZ sehr, sie hat immerhin mit Architektur zu tun. Trotzdem würde ich natürlich gerne als Architektin arbeiten. Schließlich habe ich dieses Studium nicht zufällig gewählt. Aber die Situation ist nicht leicht. Mein Freund ist auch Architekt. Er arbeitet als freier Mitarbeiter in einem Architekturbüro. Auch seine Stelle ist befristet, und er fragt sich natürlich: Was kommt danach? Jetzt bekommen wir erst mal ein Kind. Ich freue mich sehr, auch wenn es nicht geplant war. Andererseits: Wann gibt es schon den richtigen Moment? Ich bin ein optimistischer Mensch, aber auch ich habe Zukunfts- und Existenzangst. Durch mein Kind wird meine Karriere wohl leiden: Ich bin nicht mehr so flexibel, und so viel arbeiten wie früher kann ich erst mal auch nicht. Aber man kriegt alles irgendwie hin. Ich will jedenfalls so schnell wie möglich wieder arbeiten. Ein volles Jahr werde ich nicht pausieren

Name: Andrea Nakath; Alter: 30; Ausbildung: FH-Studium Architektur; Beruf: Diplom-Ingenieurin; Übergangsjobs: Werkverträge und Praktika bei Architekturbüros, Arbeit im Call-Center, Promotionjobs, freiberufliche Ausstellungskoordinatorin und kuratorische Assistenz, freiberufliche Aufträge in Grafik und Architekturdarstellung


Frei zu arbeiten, ist für junge Anwälte Usus

Als ich 1999 angefangen habe, Jura zu studieren, glaubte noch jeder meiner Kommilitonen, dass er einen sicheren und gut bezahlten Job kriegen würde. Das Bild hat sich seitdem geändert. Die Überflieger mit Bestnoten im Examen sind optimistisch, aber für den Rest...? Na ja, eine gesicherte Zukunft sieht anders aus. Im Gespräch mit ehemaligen Studienkollegen höre ich oft Geschichten von zehn bis zwölf Euro Stundenlohn. Das ist zu wenig für einen ausgebildeten Anwalt, aber für die meisten immer noch besser als nichts zu machen. Dadurch kriegt man immerhin Berufserfahrung. Ich selbst arbeite seit meinem zweiten Staatsexamen 2006 für zwei verschiedene Kanzleien als freie Anwältin. Für junge Anwälte ist das inzwischen Usus. Klar, für manche kann es immer noch den Touch der versteckten Vollbeschäftigung haben - ich denke, die Kanzleien sparen dadurch Kosten und müssen sich nicht binden. Aber ich sehe auch Vorteile: Ich kann selbst bestimmen, wann ich etwas erledige, solange die Arbeit rechtzeitig fertig ist. Außerdem lerne ich, wirtschaftlich zu denken.

Ich habe eine Ich-AG gegründet, für die ich einen Businessplan erstellen musste. Zunächst fand ich das lästig. Aber im Endeffekt war es sehr gut, Einnahmen und Ausgaben einmal genau berechnen und aufschlüsseln zu müssen. Ich verdiene etwa so viel wie eine angestellte Anwältin. Meinen Lebensstil aus dem Studium habe ich nicht großartig angehoben und komme mit dem Geld in München gut aus. Sicherlich mache ich mir manchmal Sorgen um die Zukunft. Und wenn jetzt jemand vor der Tür stünde und mir eine Festanstellung anböte, würde ich stark darüber nachdenken anzunehmen. Ich müsste mich nicht mehr selbst um Aufträge kümmern und wüsste, dass jeden Monat eine fixe Summe eingeht. Diese Sicherheit wäre von Vorteil, vor allem wenn ich mal eine Familie gründen will. Aber mich macht Freiberuflichkeit nicht nervös, und ich bin eine optimistische Natur. Ich weiß allerdings nicht, wie ich mich fühlen würde, wenn ich so wie viele meiner Studienkollegen immer noch ohne Arbeit wäre

Name: Bettina Linder; Alter: 28; Ausbildung: Jurastudium; Beruf: freie Rechtsanwältin; Übergangsjobs: keine
Nicht länger schuften für einen Hungerlohn

Jetzt steht mir die Welt offen! So habe ich gedacht, als ich mit meinem Diplom-Journalistikstudium, diversen Praktika und einem Volontariat bei einem Radiosender fertig war. Leider kam alles anders. Ich hätte im Studium viel mehr Kontakte knüpfen müssen, denn ohne geht es nicht mehr. Zwei Jahre habe ich gejobbt, als Schwangerschaftsvertretung in einer PR-Firma, als freie Schreiberin für ein Surf-Magazin und ähnliches. Einen richtigen Job als Journalistin fand ich nicht. Ich dachte mir: Wie kann das sein? Ich habe ein Volontariat, ein Studium, Praktika, bin nicht auf den Mund gefallen und auch nicht dumm. Meinen ersten journalistischen Job habe ich schließlich im Sommer 2006 bekommen. Das war bei einer TV-Produktionsfirma in München, die im Boulevard-Bereich viel für einen großen deutschen Privatsender macht. Die Stelle war als Trainee-Posten ausgeschrieben und auf ein halbes Jahr befristet. Die hatten dort wahnsinnig viel Arbeit, und die musste jemand machen, den man nicht ganz von null anlernen und dem man nicht viel bezahlen musste

Im Grunde war es eine Art Volontärs-Stelle. Ich habe trotzdem angenommen, weil ich mir dachte: Ich muss jetzt wieder in den Job reinkommen, sonst werde ich todunglücklich. Und das will was heißen, denn ich bin eigentlich ein grundpositiver Mensch. In dem Job habe ich ganz normale Redakteursarbeit gemacht, für 1.800 Euro brutto im Monat, wovon netto etwa die Hälfte übrig blieb. Mit meinen Beiträgen waren sie zufrieden, die wurden auch alle ausgestrahlt. Nach sechs Monaten hieß es, dass sie sich eine weitere Zusammenarbeit vorstellen könnten. Sie haben angedeutet, dass ich als Recherchekraft bleiben könnte. Mein Chef hat sich wohl gedacht: Die Ines arbeitet sicher auch für einen Hungerlohn weiter. Ich hatte aber Gott sei Dank einen anderen Job in Aussicht und bin gegangen. In meiner neuen Firma arbeite ich als Redakteurin und werde auch so bezahlt. Auch dieser Job ist befristet, auf ein Jahr. Aber es geht entspannter zu, zumindest jetzt noch. Wenn das so bleibt, könnte das ein wunderschöner Sommer werden

Name: Ines Gambal; Alter: 31; Ausbildung: Studium Diplom-Journalistik, Volontariat bei einem Radiosender; Beruf: TV-Redakteurin; Übergangsjobs: Promotion-Assistentin, Promi-Betreuerin als Schwangerschaftsvertretung, freie Autorin für ein Surf-Magazin, TV-Trainee

Acht Wege aus der Ausbeutungsfalle

1. Rückgrat zeigen
Sagen Sie ruhig mal Nein. Man muss nicht alles tun, nur weil der Chef vielleicht irgendwann den Vertrag verlängert. Schließlich wollen Sie in einer späteren Festanstellung nicht als derjenige gelten, der all das macht, was niemand machen mag

2. Hilfe holen
Informieren Sie sich über Ihre Schutzrechte. Sie mögen vielleicht Praktikant sein oder auf einer befristeten Stelle sitzen. Aber deswegen sind Sie noch lange nicht rechtlos. Gewerkschaften können Auskunft geben über Lohnniveaus, freie Tage und ähnliches. Jobforen informieren über Arbeitslasten in vergleichbaren Betrieben etc

3. Arbeitszeiten einhalten
Sie müssen nicht der Erste sein, der kommt, und auch nicht der Letzte, der geht. Der Chef nimmt das ohnehin selten wahr, und die festangestellten Kollegen fühlen sich unter Druck gesetzt. Und Sie selbst werden hauptsächlich müde davon

4. Infos sammeln
Informieren Sie sich über die Interna des Betriebes. Die Kenntnis aller Seilschaften verhindert, dass Sie Aufträge annehmen, die Ihre Position nicht verbessern

5. Bei seinem Leisten bleiben
Versuchen Sie Aufträge zu bekommen, die zumindest entfernt etwas mit Ihrer ursprünglichen Qualifikation zu tun haben. Wenn man Sie danach nicht weiter beschäftigen sollte, konnten Sie wenigstens vertiefen, was Sie einst gelernt haben

6. Zu den Kleinen gehen
Wenn Sie dereinst Filme machen wollen: Absolvieren Sie nicht auch noch ein viertes Praktikum bei einer berühmten Produktionsfirma. Heuern Sie lieber bei einem kleineren Unternehmen an, wenn es sein muss auch als Ton- oder Lichtmann. Sie bekommen Berufserfahrung und eine deutlich bessere Position, um Kontakte aufzubauen.

7. Netzwerke knüpfen
Schmieden Sie sinnvolle Allianzen. Am besten mit dem Chef, am besten über Persönliches. Sie können natürlich auch den Praktikantenstammtisch organisieren, nur wird das Ihre Lage nicht verbessern

8. Auch mal absagen
Machen Sie sich klar, welches Ziel Sie haben. Findet sich in der Tätigkeit zumindest ein kleiner Teil, der Ihnen helfen kann, dieses Ziel zu erreichen? Wenn nicht, nehmen Sie nicht an, bloß weil der Lebenslauf dann lückenlos bleibt. Ihr Kapital ist Ihre Qualifikation. Das dürfen Sie nicht verspielen


Die Einschläge kommen näher

Die Angst vor dem Absturz hat die Mittelschicht erreicht: Aus Unsicherheit mutieren junge Akademiker im Job zu Opportunisten, glaubt Soziologie-Professor Klaus Dörre von der Uni Jena. Ein Interview über Hungerlöhne, gefügige Arbeitnehmer und den Zwang zur Freiheit

Herr Dörre, nehmen junge Akademiker für einen festen Job mehr in Kauf als noch vor 15 Jahren?
In der Tendenz schon, ja. In der Kreativbranche zum Beispiel, bei Theaterleuten, Musikern, Filmleuten, Künstlern und Medienschaffenden, arbeitet eine Fülle von Akademikern in prekären Verhältnissen, bei einem Durchschnittslohn von 800 Euro. Ich kenne Absolventen und Absolventinnen, die nach dem Studium in die Filmindustrie gegangen sind und dort für einen Euro die Stunde in Dreiwochenverträgen ganze Sets organisiert haben. Die Hoffnung ist immer, den Sprung in einen kreativen und gut bezahlten Beruf zu schaffen

Müsste die Situation im derzeitigen Aufschwung nicht wieder besser werden?
Das glaube ich nicht. Die Verhandlungspositionen werden natürlich dort besser, wo Fachkräftemangel herrscht, etwa demnächst bei Ingenieuren, in der IT-Branche und schon jetzt bei Facharbeitern. Aber man muss sich auch die Beschäftigungsformen ansehen, die im Zuge des Aufschwungs entstehen. Ein Beispiel aus Duisburg: Dort wurden im letzten Jahr 3.000 neue Jobs geschaffen. Davon waren aber nur fünf Prozent unbefristete Vollzeitbeschäftigung. Alles andere ist befristet, Leiharbeit oder eine andere prekäre Beschäftigungsform. Namentlich im Industriebereich sind die Unternehmen sehr stark darauf aus, Beschäftigungsspitzen mit Arbeitskräften abzufangen, die sie sehr leicht wieder abbauen können.

Wie reagieren junge Menschen auf diese Situation?
Mit einem Gefühl der Unsicherheit bis tief in die qualifizierte Mitte hinein. Alternativrollen bekommen einen größeren Wert: neue Mütterlichkeit zum Beispiel. Man wird als junger Mensch an einer ganz sensiblen Nahtstelle getroffen, in der Phase, in der man sich ein Konzept vom Leben und seinem Beruf macht. Wenn einem da nur Unsicherheit begegnet, reduziert man eben die Ansprüche an die Qualität der Arbeit

Wie äußert sich das?
Viele zum Teil hoch qualifizierte junge Leute - nicht selten besser qualifiziert als die, die schon auf einer festen Stelle sitzen - sind inzwischen zu einigem bereit. Das geht so weit, dass das Berufsethos in Frage gestellt wird. Etwa wenn ein Journalist den Chefredakteur fragt, welche Richtung die Geschichte haben soll, die er schreibt. Es entsteht Druck, der dazu führt, dass eine sehr gute Qualifikation nur noch Minimalvoraussetzung ist. Das wiederum schafft massiv Tendenz zur Produktion von gefügigen Arbeitnehmern. Fachlich brilliant, aber im Job Opportunisten

Eine zentrale These Ihrer Studie besagt, dass Unsicherheit und Angst von den prekarisierten Schichten auch auf die Mittelschichten übergreifen, die noch feste Jobs haben. Fühlen diese sich nur vom Abstieg bedroht, oder sind sie es tatsächlich?
Sowohl als auch. Die Kinder derer, die in den 70er und 80er Jahren zur Mittelschicht gehörten, haben das Gefühl: Ich kann das, was meine Eltern erreicht haben, nicht mehr erreichen.

Woher kommt denn dieser Eindruck?
Nehmen wir zum Beispiel die Angestellten der Allianz oder der Deutschen Bank. Die hatten jahrzehntelang das Gefühl, unverzichtbar zu sein. Diese Menschen erleben jetzt, dass von heute auf morgen trotz profitabler Geschäfte Standorte geschlossen, Arbeitsplätze abgebaut oder nur noch Leiharbeiter eingestellt werden. Die Belegschaften machen die Erfahrung, dass die gleiche Arbeit auch deutlich schlechter bezahlte Arbeitskräfte verrichten können. Wenn Freelancer im IT-Zentrum einer Großbank drei Tage die Woche durchschuften, fragt sich der Festangestellte natürlich: Kann ich mir noch leisten, früher zu gehen?

Die Arbeitslosenquote bei Akademikern liegt nach wie vor deutlich unter dem Schnitt. Manche werfen den Absolventen Larmoyanz vor.
Es gibt Kollegen, die sagen, die jungen Leute machen nichts mehr ohne Geld. Dieser Meinung bin ich nicht. Sicherlich, Akademiker haben nach wie vor die besten Chancen, in einen Job zu kommen. Aber das ist keine Garantie mehr; ein Absturz ist ebenso möglich. Akademiker haben inzwischen das Gefühl: Die Blitze schlagen immer näher ein, es könnte auch mich treffen

Man könnte die Flexibilisierung der Arbeit auch als Chance begreifen.
Es gibt sicherlich Gewinner dieser Entwicklung: Leute in kreativen Jobs, unverheiratet, hoch qualifiziert, bereit viele Optionen auszuprobieren. Wir haben sie in einer Studie die "Selbst-Manager" genannt, wie sie zum Beispiel in der IT-Branche oder in der Werbung arbeiten. Sie empfinden es als Vorteil, dass sie ihre Tätigkeit autonomer ausüben können, frei von bürokratischen Hierarchien. Es ist aber zugleich auch ein Zwang zur Freiheit. Wir stellen immer wieder fest, dass diese hochflexible Lebensweise ab einem bestimmten Zeitpunkt problematisch wird, auch für diejenigen, die sie zunächst als belebend und freiheitsgewinnend geschätzt haben. Wenn man über 30 ist, vielleicht an Familiengründung denkt, ist man nicht mehr ohne Weiteres bereit, alle drei, vier Jahre den Ort zu wechseln oder in immer neuen befristeten Jobs zu arbeiten.

Wie kann sich ein junger Mensch emotional gegen diese Unsicherheit wappnen?
Die meisten machen das schon ziemlich gut. "Unsicherheitskompetenz" haben schon viele. Das Kleben an alten Vorstellungen des Sozialstaates wird man vielen jungen Leuten heute kaum noch unterstellen können. Ich habe ein Seminar zu prekärer Beschäftigung gemacht. Die übergroße Mehrheit der etwa 100 Teilnehmer war der Meinung, dass es relativ normal sei, wenn sie erst mal keine Festanstellung haben. Die Anpassungsbereitschaft ist da sehr groß. Ich sehe das Problem eher darin, dass die Veränderbarkeit solcher Verhältnisse, die Erkenntnis, dass Unsicherheit kein Schicksal ist, eher ausgeblendet wird

Was soll der junge Arbeitnehmer machen? Aufstampfen und sagen: Ich lasse mich nicht mehr ausbeuten?
Wenn er das alleine macht, wird er schlechte Karten haben. Je unsicherer die Beschäftigungssituation, desto geringer die Bereitschaft, sich zu organisieren. Das Problem ist, dass die Gewerkschaften, die eigentlich berufen wären, Abhilfe zu schaffen, noch keine Konzepte entwickelt haben, diese Tendenzen aufzufangen. Es gibt ein zaghaftes Umdenken, wie die Mindestlohndebatte zeigt. Aber es gibt immer noch zu wenig Instrumente wie Anleitung zur Selbsthilfe, zu wenig Anpassung der Dienstleistungen an neue Beschäftigungstypen. In vielen Bereichen geht es längst nicht mehr um Kollektivverträge, sondern um individuelle Vertragsberatung für all die, die unsicher beschäftigt sind

Wenn diese Instrumente nicht gefunden werden, müssen wir uns dann auf eine Gesellschaft voller psychologisch angeknackster Einzelkämpfer einstellen? Das kann man nicht völlig ausschließen. Aber das ist ein Worst-Case-Szenario. Es gibt auf der anderen Seite Initiativen wie die Mayday-Bewegung, in der sich eine seltsame Mischung von hoch qualifizierten Akademikern, Migranten, HartzIV-Empfängern etc. findet. Diese Menschen entdecken plötzlich, dass sie in Sachen Wiederkehr der Unsicherheit etwas verbindet mit dem Arbeiter bei Opel und dem Angestellten bei der Deutschen Bank. Aus so etwas können demokratische Gegenprogramme entstehen, angeführt von den Akademikern. Wenn sich aber die Entwicklung hin zu unsicherer Beschäftigung fortsetzt, ist auch nicht auszuschließen, dass solche Proteste die Form des "Labour Unrest" annehmen, der informellen Revolte ohne politisches Ziel wie in den französischen Vorstädten. So etwas kann für die Mehrheitsgesellschaft sehr unangenehm werden

Die Fragen stellte Johannes Honsell

Klaus Dörre, Jahrgang 1957, ist Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er beschäftigt sich seit langem intensiv mit den Folgen unsicherer Beschäftigung. Zuletzt veröffentlichte er zum Thema im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung die umfangreiche Studie "Prekäre Arbeit" (2006)

Dieser Artikel ist erschienen am 11.04.2007