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Stehaufmännchen

Felix Ullmann
Sie lassen sich nicht entmutigen, sind aber vorsichtig geworden: Mitarbeiter und Unternehmer, die schon mal zu Boden gegangen sind und trotzdem gründen.
Im Februar vergangenen Jahres brach in dem Internet-Unternehmen Snaz allmählich das Chaos aus. Die amerikanische Firma, die für den Handel per Mobilfunk Lösungen erarbeitete, hatte zwei Jahre nach ihrer Gründung 17 Millionen Dollar an Investorengeldern verbraten. Mitarbeitern wurde gekündigt, unter der Belegschaft machte sich Angst breit. Nur Ulrike Adler, die in der Londoner Filiale von Snaz arbeitete, blieb gelassen: "Zu diesem Zeitpunkt war der Businessplan für mein eigenes Unternehmen bereits fertig." Im Juli gründete die 29-Jährige die Internet-Galerie Bigart.

Dass sich ehemalige Mitarbeiter gescheiterter Unternehmen selbstständig machen ist keine Seltenheit. "Häufig übernehmen sie die Entwicklungen und Patente ihres früheren Arbeitgebers und bringen sie in die eigene Firma ein", sagt Kai Olof Duda, Projektmanager beim Gründer Support Ruhr. Andere haben einfach nur eine gute Geschäftsidee und nutzen wie Adler die Ungunst der Stunde für den Sprung in die Unabhängigkeit. Auch einst erfolglose Unternehmer suchen gelegentlich ihre zweite Chance.

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Krisenerfahren planen sie im Vergleich zum Rest der Szene ihre Gründungen wesentlich umsichtiger. "Sie sind besser informiert als die absoluten Neulinge und wissen genau, welche Unterstützungsleistungen ihnen weiterhelfen können", sagt Duda. "Wer mal eine Talfahrt mitgemacht hat, geht vorsichtiger vor", bestätigt Alec Rauschenbusch, der vom Business Angels Netzwerk Deutschland als herausragendster Investor des Jahres 2001 ausgezeichnet wurde. Die Business-Pläne seien nicht mehr so euphorisch, es würden keine riesigen Wachstumsraten versprochen. "Gründer mit schlechten Erfahrungen sind einfach bescheidener und haben aus dem Scheitern des Arbeitgebers ihre Lehren gezogen."

So auch Urike Adler: "Ich will lieber langsam wachsen", sagt sie und verzichtet darauf, mit viel Geld in kurzer Zeit eine Marke zu etablieren. Ihre Unabhängigkeit ist ihr zu wichtig, als dass sie sich von einem Investor Geld pumpen wollte. "Ich wüsste derzeit gar nicht wohin mit einer Millionen Euro." Dass ihre Online-Galerie nicht in kurzer Zeit ein Massenpublikum finden wird, stört sie nicht. "Auf diese Weise kann ich jeden einzelnen Kunden besser betreuen."

Als Business Development Managerin lernte sie bei Snaz außerdem, mit Hilfe von Kooperationen Geld zu sparen. Ein Konzept, das sie auch für ihr Internet-Portal Bigart anwendet. Von den Galeristen bekommt sie die Kontakte zu den Künstlern und Hilfe bei der Beratung der Kunden. Einige Texte ihrer Homepage liefern ihr die Macher einer jungen Kunstzeitschrift und falls nötig stehen ihr auch Innenarchitekten und Spezialisten für Beleuchtung zur Seite. "Innerhalb eines so großen Netzwerkes kann ich dem Kunden ein umfassendes Kunst- und Serviceangebot garantieren."

Auch Rolf Levenhagen fängt klein an. Der 55-Jährige ist Geschäftsführer der Smart Bot Technologies GmbH. Er und seine zehn Mitarbeiter entwickeln im Bad Sodener Firmensitz virtuelle Berater für dass Internet. Sie funktionieren ähnlich der sprechenden Büroklammer von Microsoft, die dem Nutzer beim Textverarbeitungsprogramm Word zur Seite steht. Die "Smart Bots" sollen etwa den Kunden einer Bank beim Ausfüllen der Formulare helfen.

Einst arbeiteten rund 50 Leute für Levenhagen. Als Mitgründer von Qnet Systems vermarktete er Software aus den USA in Deutschland. Das Unternehmen sollte vor zwei Jahren an die Börse. "Unsere Kapitalgeber und Ratgeber drängten uns vorher massiv in Technologie und Marketing zu investieren", erzählt der Gründer. Wichtigstes Ziel war es, den Umsatz zu steigern. Doch die Banken verschoben den Börsengang mehrmals wegen des schlechten geschäftlichen Umfeldes. Levenhagen verließ schließlich seine beiden Partner. Knapp ein Jahr später musste Qnet Systems Insolvenz anmelden. "Wenn wir wachsen, dann nur noch über Partnerschaften", lautet Levenhagens Fazit aus der Misere.

Zwar brauchen er und sein Partner rund eine Million Euro für die zweite Finanzierungsphase seines Unternehmens. "Ich setze aber nur noch auf Business Angels." Private Investoren würden genauso denken wie er, das Risiko teilen und Spaß dabei haben.

"Menschen wie Adler und Levenhagen sind in Deutschland eine Seltenheit", sagt Alec Rauschenbusch. "Die Deutschen sind krankhaft risikoscheu." In den USA sei es nichts besonderes, nach einem Rückschlag noch einmal zu gründen. Hier zu Lande würde man jedoch bei einem Misserfolg von den Investoren genau unter die Lupe genommen. Rauschenbusch rät: "Der Gründer sollte sich nur in jenem Bereich selbstständig machen, in dem bereits Know-how besitzt."

Adressen für Gründer: www.proruhrgebiet.de, www.business-angels.de, www.forumkiedrich.de, www.adt-online.de.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.02.2002